Donnerstag, 1. Januar 2015

Camus und die Revolte gegen das Absolute

Albert Camus (1913 - 1960)
In seinem Buch „Der Mensch in der Revolte“ (1951) kritisiert Albert Camus all jene Ideologien, die nach innerweltlicher Erlösung streben. Nicht nur Karl Marx und seinem utopischen Messianismus, auch bei Lenin findet sich die fatale Identifikation von politischer Doktrin und Prophetie. Zugunsten einer entfernten Gerechtigkeit wird die gegenwärtige Ungerechtigkeit legitimiert, denn die revolutionäre Gewalt werde sicherlich nicht „im Gehorsam der Zehn Gebote aufgestellt.“

Gegen den revolutionären Utopismus setzt Camus die Idee der Revolte, die eben gerade nicht die Forderung nach vollständiger Freiheit ist: „Im Gegenteil, die Revolte macht der vollständigen Freiheit den Prozess. Sie bestreitet gerade die unbegrenzte Macht, die einem Höheren gestattet, die verbotene Grenze zu verletzen.“ Die Revolte will vielmehr die Anerkennung der Tatsache, dass die Freiheit „überall da eine Grenze habe, wo sich ein menschliches Wesen befindet, denn die Grenze ist eben die macht der Revolte dieses Wesens.“

Der Mensch in der Revolte verlangt ohne Zweifel eine gewisse Freiheit für sich selbst, aber keinesfalls das Recht, „das wesen und die Freiheit des anderen zu vernichten. Er demütigt niemanden. Die Freiheit, die er fordert, fordert er für alle; diejenige, die er ablehnt, verbietet er allen.“

Für Camus steht fest, dass jede menschliche Freiheit damit in ihrem Ursprung eine relative Freiheit ist. Die absolute Freiheit dagegen ist „die des Tötens“. Sie „löst sich von ihren Wurzeln und irrt aufs Geratewohl, ein abstrakter und böser Schatten, bis sie glaubt, in der Ideologie einen Leib gefunden zu haben.“ Die Revolte dagegen ist eine Lebens- keine Todeskraft, die in die Zerstörung einmündet, denn ihre innere Logik ist die Erschaffung.

Freiheit ist in ihrem Ursprung relative Freiheit.
Absolute Freiheit dagegen ist die des Tötens!

So muss die Haltung des Revoltierenden darin bestehen, dass er sich nicht von der Welt und der Geschichte abkehrt, denn dann würde er ja gerade den Grund seiner Revolte verleugnen und sich – wie es die Utopisten tun – für das ewige Leben oder das geschichtlich Absolute entscheiden.

Dabei ist für Camus das rein geschichtliche Absolute nicht einmal vorstellbar: „Das Denken von Jaspers z.B. unterstreicht, dass es dem Menschen unmöglich ist, die Totalität zu fassen, da er sich ja im Innern dieser Totalität befindet. Die Geschichte könnte als ein Ganzes nur den Augen eines außerhalb ihrer und der Welt stehenden Betrachters erscheinen.“

Karl Jaspers (1883 - 1969)
Daher sei es auch unmöglich, nach Plänen zu handeln, die die Totalität der Weltgeschichte umfassen. Jedes geschichtliche Unternehmen könne deshalb nur ein mehr oder weniger vernünftiges und begründetes Abenteuer sein, „zuerst jedoch ein Wagnis. Als solches kann es keine Maßlosigkeit, keinen unerbittlichen und absoluten Standpunkt rechtfertigen (…) Wer nicht alles wissen kann, kann nicht alles töten.“

Das genau ist also der Unterschied zwischen Revolution und Revolte: Die dem revolutionären Geist innewohnende Mystifikation führt unter dem Versprechen einer absoluten Gerechtigkeit die ewige Ungerechtigkeit ein. Die Revolte dagegen zielt „nur“ auf das Relative und kann nur eine gewisse Würde und gewisse Gerechtigkeit versprechen. So aber setzt sie sich für eine Grenze ein, „an der die Gemeinschaft der Menschen errichtet wird.“

Das Recht zum Verstummen zu bringen, wie es die Utopisten tun, bis die Gerechtigkeit eingeführt ist, heißt, „sie für immer verstummen zu lassen“, denn es wird keinen Anlass mehr zum Reden geben. Auf diese Weise aber vertraut man die Gerechtigkeit – ganz im Stile Lenins - den Führern und Lehrern, also den Mächtigen an. Dabei verkennt man, dass es in der Gesellschaft keine Gerechtigkeit ohne natürliches oder bürgerliches Recht geben kann, das eben diese Gerechtigkeit begründet.

Den Ideologien, von denen sich Camus hier so scharf abgrenzt, ist gemeinsam, dass sie alle „aus der Zeit der wissenschaftlichen, absoluten Größen“ stammen, während unsere wirklichen Kenntnisse nur ein „Denken in relativen Größen“ erlauben. In den Worten von Lazare Bickel: „Die Intelligenz ist unsere Fähigkeit, was wir denken, nicht auf die Spitze zu treiben, damit wir noch an eine Wirklichkeit glauben können.“ Die reine Tugend dagegen ist mörderisch.

Für Camus gibt es für den Menschen eine Tat und ein Denken, „das auf der mittleren Ebene, der seinigen, möglich ist. (…) Das Absolute wird nicht erreicht und vor allem nicht geschaffen durch die Geschichte. Die Politik ist nicht die Religion, oder dann die Inquisition.

Die Polis: Der Ort, an dem die τα πολιτικά, die allgemeinen Angelegenheiten
aller von allen geregelt werden

Ganz in der Tradition der antiken Polis behauptet Camus, dass Politik und Gesellschaft allein die Aufgabe haben, die Angelegenheiten aller zu regeln, „damit jeder Muße und Freiheit habe für diese gemeinsame Suche. Die Geschichte kann dann nicht mehr zum Gegenstand des Kults erhoben werden. Sie ist nur eine Gelegenheit, die es gilt, durch eine wachsende Revolte fruchtbar zu machen.“

Wer sich der Geschichte ausliefert, liefert sich dem Nichts aus. Wer sich dagegen der Zeit seines Lebens anheimgibt, dem Haus, das er verteidigt, der Würde der jetzt Lebenden, der vertraut sich der Erde an und wird schließlich die Ernte erhalten, die er von neuem sät und die ihn ernährt.

Und so schließt Camus das Nachdenken über den Menschen in der Revolte mit den poetisch anmutenden Worten: „Auf der Mittagshöhe des Denkens lehnt der Revoltierende so die Göttlichkeit ab, um die gemeinsamen Kämpfe und das gemeinsame Schicksal zu teilen. Wir entscheiden uns für Ithaka, die treue erde, das kühne und nüchterne Denken, die klare Tat, die Großzügigkeit des wissenden Menschen. Im Lichte bleibt die Welt die unsere erste und letzte Liebe. Unsere Brüder atmen unter dem gleichen Himmel wie wir; die Gerechtigkeit lebt. Dann erwacht die sonderbare Freude, die zu leben und sterben hilft und die auf später zu verschieben wir uns fortan weigern. (…) Der Bogen krümmt sich, das Holz stöhnt. Ist die höchste Spannung erreicht, wird ein durchdringender Pfeil abschnellen, das härteste und freieste Geschoss.“

Zitate aus: Albert Camus: Der Mensch in der Revolte, Reinbek 2013 (Rowohlt), hier: S. 371ff  

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