Donnerstag, 4. Oktober 2012

Martin Luther und die Arbeit


Auch wenn Martin Luther in seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“ (1520) geschrieben hatte, dass es „viel göttlicher wäre, das Ackerwerk zu mehren und die Kaufmannschaft zu mindern (WA 6,466,40f), hat er doch den Handel grundsätzlich befürwortet – vorausgesetzt, er diene dem Wohl der Gemeinschaft.

Bauern bei der Feldarbeit

Sobald aber der Handel zum Zwecke des eigenen Gewinnstrebens funktionalisiert wird, kritisiert ihn Luther mit aller Deutlichkeit, so in den beiden „Sermonen von dem Wucher“ (1519 / 1520) und in der Schrift „Von Kaufhandlung und Wucher“ (1524), in der er sich auch mit der Frage der großen Handelsgesellschaften und Monopole auseinandersetzt.  

Luthers Kritik fußt auf einem doppelten Ansatz: Zum ersten wendet er sich gegen einen rigorosen Egoismus, den er auch im Hinblick auf das gesamte Feld wirtschaftlicher Tätigkeit eindeutig als Wucher bezeichnet. Er erkennt, dass sich in dieser Zeit die Kaufleute von der bürgerlichen Solidarität lösen und eine Art wirtschaftliches Faustrecht ausüben. Ihr tatsächliches Verhalten und nicht das Gewerbe an sich fordert also Luthers Zorn heraus.

An dieser Stelle nun wird deutlich, dass es Luther zum zweiten um die sozialen Konsequenzen der neuen Kaufmannsmentalität geht. Solange der Handel im Dienst der Gemeinschaft steht, erkennt Luther seine Notwendigkeit und Nützlichkeit an. Aber schon der Fernhandel und Luxusgüterhandel sprengt für ihn diesen Rahmen.

Martin Luther
So sieht Luther schließlich durch die gesamte wirtschaftliche Entwicklung die soziale Ordnung überhaupt gefährdet. Die Handelsgesellschaften durchbrechen den für Luther so wichtigen Organismus der wohlgeordneten kommunalen und territorialen Gemeinwesen: Die wirtschaftlichen und staatlichen Wirkungskreise überschneiden sich. Zugleich durchbrechen sie jenes körperschaftliche Zusammenspiel der politisch-rechtlichen, wirtschaftlichen und ethischen Kräfte und Motive, die für Luther das Merkmal der bisherigen Lebensordnung ausmachten.

So stellt Luther den Entwicklungen in der Wirtschaft kompromisslos die Weisungen der Bergpredigt entgegen, die für das Gewissen der einzelnen Christen eine verbindliche Norm darstellen sollen. Für Luther ist entscheidend, dass für den Menschen, auch wenn er von staatlicher und kirchlicher Obrigkeit durch Gesetz und Gebet in seinem wirtschaftlichen Handeln nicht gebunden wird, eine bindende Norm gegeben ist in der freien Unterstellung der Persönlichkeit unter das „sanfte Joch“ des Evangeliums.

Die Konsequenz für Luther ist, dass jedes Verhalten des Menschen einen verantwortungsbewussten Dienst am Nächsten beinhaltet. Auf diesem Gedanken gründet letztlich auch Luther Verständnis von „Arbeit“ als „Dienst am Nächsten.“

An entscheidender Stelle schreibt Luther: „Denn dein Verkaufen soll nicht ein Werk sein, dass frei in deiner Macht und deinem Willen steht, ohne alles Gesetz und Maß – so als wärest du ein Gott, der niemandem verbunden wäre. Sondern weil dein Verkaufen ein Werk ist, das du gegen deinen Nächsten übst, soll es mit solchem Gesetz und Gewissen verfass sein, dass du es übst ohne Schaden und Nachteil für deinen Nächsten“ (WA, 15,295,22ff).

Die Werke der Barmherzigkeit (Brueghel)

Arbeit als solche bezieht Luther also auf ihren Nutzen für den Mitmenschen, als Werke der Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Luther wendet sich so gegen eine Wertschätzung der Arbeit, die sich allein an ihrer Produktivität und Leistung, also am wirtschaftlichen Ertrag, messen will. Ein Kaufmann, der mit seiner Arbeit nichts als seinen Gewinn anstrebt, ohne dabei auf die Bedürfnisse des Nächsten zu achten, ist für Luther nicht besser als ein Räuber und Dieb (WA 15,295,3ff).

Entscheidend für Luther ist also der Dienstcharakter der Arbeit einerseits und Arbeit als Tätigkeit zur Sicherung des eigenen, zum Leben notwendigen Grundbedarfs andererseits. Zwar sind die Weisungen der Bergpredigt „nur“ für das Gewissen verbindlich, gleichwohl sollen sie ihren konkreten Niederschlag im Alltag der Menschen finden – auch und vor allem in ihrer beruflichen Praxis.

Mit seiner Argumentation steht Luther im Übrigen im deutlichen Gegensatz zu gesamten scholastischen Tradition. Nicht nur Thomas von Aquin, vor allem die Schule von Salamanca (benannt nach der spanischen Universität von Salamanca, an der ihre Vertreter lehrten) hatte versucht, die Lehren von Aquins mit der neuen ökonomisch-politischen Ordnung der Zeit zu harmonisieren.

In einem für die damalige Zeit unüblichem Maße fordern ihre Vertreter mehr Freiheit, die in den natürlichen Rechten des Menschen begründet lag: Recht auf Leben, Recht auf Privateigentum, Meinungsfreiheit und Respekt vor der menschliche Würde.

Für den Jesuiten Francisco Suárez (1548–1617) beispielsweise beruhte der Ursprung der politischen Macht in der Gesellschaft auf einem „Vertrag“, der nur durch den Konsens von freien Individuen herausbilden kann.

Für Aufsehen aber sorgte die Schule von Salamanca mit ihren Beiträgen zur Ökonomie, um die neuen gesellschaftlichen Probleme, mit denen sich auch Luther beschäftigte, zu bewältigen. Ihrer Ansicht zufolge beruht die natürliche Ordnung der Gesellschaft auf der „Freiheit der Zirkulation“ von Menschen, Gütern und Ideen. Sie erlaube den Menschen ein gegenseitiges Kennenlernen und die Herausbildung eines Gemeinschaftsgefühls.

Diego de Covarrubias
Einigkeit herrschte bei den Anhängern der Schule von Salamanca darüber, dass sich Eigentum stimulierend auf die ökonomische Aktivität auswirke, die wiederum zum allgemeinen wirtschaftlichen Wohlergehen beitrage. Diego de Covarrubias y Leiva (1512–1577) zufolge haben Menschen daher nicht nur das Recht auf Privateigentum, sondern auch das Recht, exklusiv aus den Vorteilen dieses Besitzes zu profitieren.

Auf dieser Grundlage entstanden auch die Beiträge der Schule zur Frage des gerechten Preises. Im Gegensatz zu Luther Prinzip der „ziemlichen Nahrung", entwickelten Diego de Covarrubias und Luis de Molina  (1535−1600) eine subjektive Werttheorie: Der Nutzen eines Gutes variiere von Person zu Person, so dass sich ein gerechter Preis automatisch durch wechselseitige Entscheidungen der Marktteilnehmer im freien Markthandel einpendele. Voraussetzung hierfür sei, dass keine Verzerrungen wie Monopole, Betrug oder staatliche Interventionen, die das Einpendeln des Marktpreises störten. Modern ausgedrückt vertraten die Anhänger der Schule von Salamanca also die Theorie der freien Marktwirtschaft, in der der Preis eines Gutes durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird.

Auch in der Frage des Wuchers nahm die Schule von Salamanca eine zu Luther konträre Position ein. Die in der Renaissance einsetzende erhöhte Mobilität in der Bevölkerung und die damit verbundene Steigerung der Handelsaktivität bot den Unternehmern geeignete Umstände zur Gründung neuer, lukrativer Geschäfte. Da geliehenes Geld jedoch jetzt nicht mehr ausschließlich – wie noch im Mittelalter - dem Verbrauch, sondern auch der Produktion diente, konnte es nicht mehr auf die gleiche Weise wie in der Scholastik betrachtet werden. 

Die Schule von Salamanca erarbeitete daher zahlreiche Gründe, welche die Erhebung von Zinsen rechtfertigten. Zunächst profitiere offensichtlich die Person, die ein Darlehen erhält, dann ist der Zins die Prämie, die den Verleiher des Geldes für das Risiko, das er auf sich genommen hat, entschädigt. Außerdem verlor der Verleiher durch die Gewährung des Darlehens die Möglichkeit, das Geld auf andere Art gewinnbringend zu verwenden. So wurde das Geld selbst als Handelsware gesehen, und die Benutzung von Geld als etwas, das für alle Beteiligten vorteilhaft sein kann.

Wichtig ist der theologische Kontext der Argumentation. De Vitoria entwickelte die Idee, dass die Willensfreiheit ein Geschenk Gottes an jeden Einzelnen sei. Es sei allerdings unmöglich, dass der Wille jeder Person immer das Gute wählt. Deshalb entstehe das Böse als notwendige Konsequenz des freien Willens der Menschen.

Zitate aus: Martin Luther: Werke, Kritische Gesamtausgabe, 6 Bd., Weimar 1888 (sprachlich von mir bereinigt)

Weitere Literatur: Jan Bernert: Luthers frühe Schriften gegen Zins und Wucher (1519, 1520, 1524). Kirchengeschichtlicher Ort und theologische Argumentation. Wissenschaftliche Hausarbeit für die 1. Theologische Prüfung, Hamburg 1993 -- Christian Hecker: Lohn- und Preisgerechtigkeit. Historische Rückblicke und aktuelle Perspektiven unter besonderer Berücksichtigung der christlichen Soziallehren, Marburg 2008 (Metropolis) -- Jesús Huerta de Soto: La teoría bancaria en la Escuela de Salamanca, online unter: http://www.ilustracionliberal.com/11/la-teoria-bancaria-en-la-escuela-de-salamanca-jesus-huerta-de-soto.html  

Einige wichtige Hinweise auf die Haltung der Schule von Salamanca verdanke ich dem "Retablo de la Vida Antigua".


Kommentare:

  1. Muchas gracias por su referencia. Espero poder corresponderle en breves fechas con un escrito, de temática estrechamente emparentada con la de su entrada. Las más grandes cabezas del siglo XVI debieron de sentirse fascinadas ante los grandes cambios económicos que se sucedían en Europa. Lutero,sin duda, es un caso muy relevante al respecto.

    Reciba mis saludos.

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    1. Es cierto. La economia sigue siendo muy fascinante hasta hoy en día. Es muy triste y a veces desesperante que en la actualidad mucha gente olvida - entre ellos por supuesto muchos políticos de determinadas ideolgías - que la actividad económico del individuo era y es el fundamento del estado del bienestar. Parece que los que vivieron en el siglo XVI lo tenían un poco más claro.

      Un muy cordial saludo.

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  2. Adam und Eva

    Man muss tatsächlich bei Adam (Sachkapital) und Eva (Finanzkapital) anfangen, um “Wirtschaftsexperten” oder Politikern die Marktwirtschaft (das Paradies) zu erklären:

    (Genesis 2,15-17) Und Gott der HERR (künstlicher Archetyp Jahwe = Investor) nahm den Menschen (freier Unternehmer) und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen (Gewinn bringende Unternehmungen) im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes (in religiöser Verblendung) sterben (Rückfall in die Barbarei).

    In der Genesis geht es nicht um eine “Schöpfung von Natur”, sondern um die Schöpfung von Kultur bzw. Zivilisation: Weil kein vernünftiger (nicht religiös verblendeter) Mensch eine Existenz in systemischer Ungerechtigkeit erträgt, wenn er sich dessen bewusst ist, musste der Privatkapitalismus (die Erbsünde) zunächst aus dem Begriffsvermögen des arbeitenden Volkes ausgeblendet werden, solange noch niemand wusste, wie der Geldverleih (Baum der Erkenntnis) auch ohne Urzins (Frucht vom Baum der Erkenntnis) funktioniert, damit der Geldkreislauf (Baum des Lebens) stabil bleibt (Baum des ewigen Lebens).

    Indem Priester, die seit vielen Jahrhunderten in ihrem eigenen Cargo-Kult existieren, gegenständlich-naive Umdeutungen der Heiligen Schrift verbreiten (so genannte Exegese), dem Volk also immer wieder ein “irgendwie glaubhafter Unsinn” erzählt wird, werden die wahren makroökonomischen Zusammenhänge, die der Schöpfungsmythos seit den ersten Anfängen der (Zins-)Geldwirtschaft korrekt beschreibt, von der halbwegs zivilisierten Menschheit nicht mehr verstanden, unabhängig von “Glaube” oder “Unglaube”.

    Was wir heute, kurz vor der globalen Liquiditätsfalle (Armageddon), als “hohe Politik” bezeichnen, ist das kondensierte Unverständnis dessen, was schon vor über drei Jahrtausenden erkannt und seit beinahe zwei Jahrtausenden hätte überwunden sein können, wenn die organisierte Dummheit sich nicht für “schlauer” gehalten hätte als der Prophet Jesus von Nazareth, der sich als erster Denker in der bekannten Geschichte den eigentlichen Beginn der menschlichen Zivilisation, die Natürliche Wirtschaftsordnung, vorstellen konnte:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/07/der-zins-mythos-und-wahrheit.html

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    1. Lieber Stefan Wehmeyer,

      richtig ist, dass Luther von Ökonomie nicht viel verstand, aber auch nicht verstehen wollte. So hat Luther immer nur das verfochten, was er kannte: die Werttheorie des Mittelalters, aufbauend auf dem Prinzip der ziemlichen Nahrung als Grundlage des gerechten Preises (http://diepaideia.blogspot.com.es/2012/04/martin-luther-und-der-gerechte-preis.html)

      Luther war durch und durch Theologe, dessen Pflicht er darin sah, den Einzelnen an seine "christliche Pflicht" zu erinnern, stets zum Wohle des Nächsten zu handeln. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

      An Ihrer Interpretation des 2. Schöpfungsberichtes hätte er daher wahrscheinlich nur geringe Freude gehabt ...

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  3. "...richtig ist, dass Luther von Ökonomie nicht viel verstand,..."

    Dabei sollten wir es belassen.

    Das Jüngste Gericht

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  4. Ist doch egal ob Luther viel wenig oder garnichts von Oekonomie verstand, wichtig ist doch bloss, dass er verstand, dass Wucherei und Ausbetung der Arbeiter und Bauern eine grosse ungerechtigkeit ist.

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