Donnerstag, 22. Januar 2015

Goethe und die griechische Antike

Johann Peter Eckermann (1792 - 1854)
Weniger die eigenen Gedichte, als vielmehr die Niederschrift seiner Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens haben Johann Peter Eckermann weithin bekannt gemacht. Insbesondere die ersten zwei Bände seiner Unterhaltungen mit Goethe (veröffentlicht 1836) gelten als authentisch und werden in Publizistik, Literatur und Wissenschaft immer wieder als Quelle herangezogen.

Während einige seiner Zeitgenossen Eckermann verspotteten – Heinrich Heine nannte ihn „Goethes Papagei“ – urteilten andere positiv über ihn. Nietzsche bezeichnete die „Gespräche mit Goethe“ sogar als das beste deutsche Buch, das es gibt.

Eckermann selbst sieht sich weniger als Sekretär Goethes, sondern mehr als Gefährte und Freund des Dichters, in dessen Dienst er neun Jahre seines Lebens und seiner Schaffenskraft stellt. Goethe nennt ihn denn auch seinen „geprüften Haus- und Seelenfreund“ und „getreuen Eckart“ und lässt ihm im Jahre 1825 einen Doktorgrad der Universität Jena verleihen, was Eckermann peinlich ist: „Ich musste es geschehen lassen, aber ich war nur glücklich, als ich noch ein ganz einfacher Herr Eckermann war.“

In jedem Fall haben die von Eckermann veröffentlichten Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens ihre Originalität und Gültigkeit auch für heutige Leser behalten. Viele Textstellen können als Leitsätze und Lebensweisheiten auch ohne den weiteren Textzusammenhang, für sich genommen, stehen, und nicht wenige dürfen als treffende Kommentare oder kritische Anmerkungen zu Phänomenen unserer Gegenwart gelesen werden und stehenbleiben.

Dazu gehören mit Sicherheit auch die Anmerkungen Goethes zur Größe des antiken Griechenlands im Vergleich zum damaligen kulturellen und geistigen Niveau in Deutschland:

„Also, mein Guter, ich wiederhole: es kommt darauf an, daß in einer Nation viel Geist und tüchtige Bildung im Kurs sei, wenn ein Talent sich schnell und freudig entwickeln soll.

Wir bewundern die Tragödien der alten Griechen; allein recht besehen, sollten wir mehr die Zeit und die Nation bewundern, in der sie möglich waren, als die einzelnen Verfasser. Denn wenn auch diese Stücke unter sich ein wenig verschieden, und wenn auch der eine dieser Poeten ein wenig größer und vollendeter erscheint als der andere, so trägt doch, im groben und ganzen betrachtet, alles nur einen einzigen durchgehenden Charakter.

Schauspieler in tragischer Szene (Altes Museum, Berlin)
Foto: Paideia
Dies ist der Charakter des Großartigen, des Tüchtigen, des Gesunden, des Menschlich-Vollendeten, der hohen Lebensweisheit, der erhabenen Denkungsweise, der reinen und kräftigen Anschauung, und welche Eigenschaften man noch sonst aufzählen könnte. Finden sich nun aber alle diese Eigenschaften nicht bloß in den auf uns gekommenen dramatischen, sondern auch in den lyrischen und epischen Werken; finden wir sie ferner bei den Philosophen, Rhetoren und Geschichtsschreibern, und in gleich hohem Grade in den auf uns gekommenen Werken der bildenden Kunst: so muß man sich wohl überzeugen, daß solche Eigenschaften nicht bloß einzelnen Personen anhaften, sondern daß sie der Nation und der ganzen Zeit angehörten und in ihr in Kurs waren.

Wie ärmlich sieht es dagegen bei uns Deutschen aus! – Was lebte denn in meiner Jugend von unsern nicht weniger bedeutenden alten Liedern im eigentlichen Volke? Herder und seine Nachfolger mußten erst anfangen sie zu sammeln und der Vergessenheit zu entreißen: dann hatte man sie doch wenigstens gedruckt in Bibliotheken.

Und später, was haben nicht Bürger und Voß für Lieder gedichtet! (...) Allein was ist davon lebendig geworden, so daß es uns aus dem Volke wieder entgegenklänge? – Sie sind geschrieben und gedruckt worden und stehen in Bibliotheken, ganz gemäß dem allgemeinen Lose deutscher Dichter.

Von meinen eigenen Liedern, was lebt denn? Es wird wohl eins und das andere einmal von einem hübschen Mädchen am Klaviere gesungen, allein im eigentlichen Volke ist alles Stille. Mit welchen Empfindungen muß ich der Zeit gedenken, wo italienische Schiffer mir Stellen des ›Tasso‹ sangen!

Heroen und Adoranten (Altes Museum, Berlin)
Foto: Paideia
Wir Deutschen sind von gestern. Wir haben zwar seit einem Jahrhundert ganz tüchtig kultiviert, allein es können noch ein paar Jahrhunderte hingehen, ehe bei unseren Landsleuten so viel Geist und höhere Kultur eindringe und allgemein werde, daß sie gleich den Griechen der Schönheit huldigen, daß sie sich für ein hübsches Lied begeistern, und daß man von ihnen wird sagen können, es sei lange her, daß sie Barbaren gewesen.“

Kurz vor seinem Tod setzte der greise Goethe seinen Mitarbeiter Friedrich Wilhelm Riemer gemeinsam mit Eckermann gegen eine Gewinnbeteiligung testamentarisch zum Herausgeber seines literarischen Nachlasses ein, doch nahm nach Goethes Tod 1832 in Weimar bald kaum noch jemand Notiz von dem kränkelnden, allmählich verarmenden Eckermann. 1836 erschienen endlich seine lange vorbereiteten Gespräche mit Goethe, doch waren die Honorare so gering, dass er davon nicht lange zehren konnte. Am 3. Dezember 1854 starb Eckermann krank und vereinsamt in Weimar.

Zitate aus: Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe. Ausgewählt und mit einem erläuternden Register versehen von Dr. Hellmuth Steger, München 1949 (Deutsches Verlagshaus Bong)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen