Donnerstag, 7. Juni 2012

Peter Sloterdijk und der Fußball

- Zur Fussballeuropameisterschaft 2012 - 


Peter Sloterdijk (*1947)
Wer vom Fußball reden will, darf von der Archäologie der Männlichkeit nicht schweigen. Dieser Meinung ist jedenfalls Peter Sloterdijk.

Fußball sei atavistisch, eine anthropologische Versuchsanordnung: „Seit einigen tausend Jahren suchen die männlichen Menschen nach einer Antwort auf die Frage: Was macht man mit Jägern, die keiner mehr braucht?“

Obwohl Männer von ihrem anthropologischen Design her so gebaut seien, dass sie an Jagdpartien teilnehmen sollten, werden sie seit gut 7000 Jahren, also etwa seit Einführung des Ackerbaus (lat. cultura - bezeichnenderweise), einem ausgeklügelten zivilisatorischen Beruhigungsprogramm unterworfen. 

Je höher die Zivilisation, desto stärker war der Versuch, den inneren Jäger davon zu überzeugen, dass es im Grunde eine Schande ist, ein Mann zu sein – es sei denn, sie spielen Fußball und ersetzen die Jagd nach dem Wild durch die Jagd nach dem Tor!

Sloterdijk zufolge gibt es kaum ein Spiel, bei dem "unsere" alten protoartilleristischen Jagderfolgsgefühle so deutlich imitiert werden können wie beim Fußball: Nur „wenn man den inneren Jäger ganz paralysiert, ganz umgebracht hat, dann kommt man unvermeidlich zu der Überzeugung, dass es auf der Welt nichts Dümmeres gibt als die Reaktion von Fußballern nach dem Torerfolg. 

Der schwedische Fußballer Ibrahimovic beim Torjubel
Aber: Sobald man auf diesen Mord am inneren Jäger verzichtet und die alten Jagdgefühle zulässt, spürt man sofort, was auf dem Rasen verhandelt wird. Da wird nämlich das älteste Erfolgsgefühl der Menschheit reinszeniert: mit einem ballistischen Objekt ein Jagdgut zu treffen, das mit allen Mitteln versucht, sich zu schützen.“

Besonderes Interesse zeigt Sloterdijk auch für den Zusammenhang zwischen Fußball und Nation bzw. Nationalgefühl. Die Bedeutung der Fußballnationalmannschaft sei bei allen modernen Nationen ähnlich simpel: „Da geschehen Stellvertretungsrituale, an denen sich ein Großteil der Population beteiligen will“ – und in diesem Sinne sind Nationen perfekte „Erregungsgemeinschaften.“

Das sei nicht immer unproblematisch: „Wenn man die Erfahrung gemacht hat, dass die Kollektiverregungen, um mit Thomas Mann zu reden, "dämonisches Gebiet" sind, dann wird man vorsichtig bei allem, was aufputscht. Wir sind gebrannte Kinder, seit wir erlebt haben, dass Kollektiverregungen auch immer Produkt einer gewissen gewollten politischen Regie sein können. 

Sportminister Zapatero 
So ist es an Peinlichkeit kaum zu überbieten, wenn sich ein Staatspräsident bei einem wichtigen Spiel einen Fussballschal umhängt oder beim Empfang der eigenen Mannschaft nach einem Titelgewinn sich das Trikot überzieht ... - aber von Abseitsfalle oder Raumdeckung nicht die geringste Ahnung hat. Kaum noch zu toppen ist, wenn sich der  Staatspräsident gleich selbst zum Sportminister ernennt - wie in Spanien mit Jose Luis Zapatero tatsächlich geschehen ...

Solche emotionalen Liturgien werden nach bestimmten Regeln erzeugt und sind von Hause aus instrumentalisierbar. Die samstägliche Sportschau mit Heribert F. und der Wille zum Krieg sind psychologische Verwandte. Daher erweist sich der Enthusiasmus als ein missbrauchbares Phänomen. Also sollte man die deutsche Vorsicht nicht nur als eine Neurose ansehen. Es würde genügen, darauf hinzuweisen, dass man auch die Vorsicht moralisch missbrauchen kann: "Wer als Deutscher einmal miterlebt hat, wie Engländer feiern und Hymnen singen, meint unwillkürlich, der Faschismus sei auf die Britische Insel ausgewichen.“

Fußballer und Werbung

Sloterdijk macht jedoch auch deutlich, dass die Faszination am Fußball eher in den kleinen, am Rand liegenden Geschehnissen aufzufinden ist: „Das Einzige, was mich beim Fußball wirklich zutiefst beeindruckt, das ist diese Fähigkeit der jungen Spieler, hinzufallen und wieder aufzustehen. Das finde ich begeisternd.“

Natürlich wolle auch Sloterdijk keine harten Fouls und unfaires Geholze sehen, sondern nur, „wie Männer wieder aufstehen. Ich finde das ein Manifest der Antigravitation. Wenn man älter und schwerer wird, dann weiß man ja, wie es sonst zugeht. Ich falle gelegentlich vom Fahrrad, und die Mühe, wieder auf die Beine zu kommen, ist eine grauenvolle Beleidigung. Deshalb habe ich großen Respekt vor diesem raschen Aufstehen bei hingefallenen Spielern. Das sind Momente, wo ich innerlich total beteiligt bin. Das Hinfallen gehört zur Sache, aber erst das Wiederaufstehen macht sie großartig.“

Leider habe sich auch hier der Fußball in die falsche Richtung modernisiert: „Ich beklage darum auch die neue Zwangsverarztung auf dem Feld: Ein angeschlagener Spieler, der noch laufen könnte, muss sich auf einer Bahre wegtragen lassen. Schauderhaft. Früher sind die Spieler heroisch selbst an den Rand gehumpelt. Jetzt werden sie obligatorisch abgeschleppt, das halte ich für eine Verirrung.“

Zitate aus: „Ein Team von Hermaphroditen“, Ein Gespräch von Dirk Kurbjuweit und Lothar Gorris Lothar mit Peter Sloterdijk, in: DER SPIEGEL 23/2006, S. 70ff (online: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-47134766.html) - Auch wenn das Interview von Herrn Sloterdijk schon vor 6 Jahren gegeben wurde, halte ich die Gedanken für zeitlos ... - Auch sehr empfehlenswert: "Das philosophische Radio" mit Martin Gessmann über die Philosophie des Fussballs

Kommentare:

  1. Wie erklärt sich PS dann eigentlich das Phänomen des Frauenfußballs? In 6 Jahren sollte er doch auch dazu mal etwas gesagt haben.

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  2. Anachronismen gibt es natürlich überall - auch im Fussball ...

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  3. Sehr zu empfehlen ist zu diesem Thema übrigens auch Folgendes:
    http://www.swr.de/nachtkultur/rueckblick/-/id=3096936/did=9925214/pv=video/nid=3096936/etktgb/index.html
    Gruß
    Holger

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  4. Das Interview mit Wolfram Eilenberger ist wirklich ein schöner Beitrag. zum Thema Nur seine Äußerung, die Fussballer seien mittlerweile "sehr wohlerzogen (!), sehr gebildet (!!!) und sehr äußerungsfähig (!!!!!)" halte ich dann doch für eine unnötige Glorifizierung. Fussballer stehen wohl eher für die unendlichen Seichtigkeit des Scheins.

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  5. Santiago Navajas ha escrito recientemente un ensayo al respecto: "De Nietzsche a Mourinho, guía filosófica para tiempos de crisis".

    Saludos

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  6. Muchas gracias, Retablo.

    He buscado un poco y he encontrado una entrevista de Santiago Navajas en La 2 del 5 de junio de 2012: http://www.rtve.es/alacarta/videos/para-todos-la-2/para-todos-2-entrevista-santiago-navajas-nietzsche-mourinho-guia-filosofica-para-tiempos-crisis/1428675/. Parece que hay más filósofos que tratan el tema del futbol de que parece ...

    Lo único que me hace dudar de la importancia de ése deporte es que los griegos no sabían nada de el ... Por lo menos en Geometría deberían haber dicho algo como "Todo consiste en meter lo redondo en lo rectangular ..."

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