Donnerstag, 26. Februar 2015

Der Große Terror und der Stalinkult

Josef Wissarionowitsch Stalin (1878-1953)
Zwischen August 1936 und März 1938 fanden in Moskau die drei großen Schauprozesse statt, in denen Stalin anhand erfundener Anklagen die alte Revolutionsgarde und die letzten Kampfgenossen Lenins eliminierte. Parallel dazu verliefen in den Provinzen tausende weiterer Verfahren, in denen immer neue Verräter entdeckt bzw. alte Rechnungen beglichen wurden und die - durch regelrechte Quotenvorgaben von Stalin – zu wahren Blutorgien ausarteten und faktisch eine Lizenz zum Töten darstellten.

Stalin höchstpersönlich veranlasste, befahl, organisierte und kontrollierte die ‚Maßnahmen‘. Er ließ sich wöchentlich die Zahl der Hingerichteten vorlegen. Es ist nachgewiesen, dass er die Todesurteile gegen hohe Parteifunktionäre selbst prüfte und bestätigte, und dass in den drei Jahren des Terrors 383 Listen mit Todesurteilen über seinen Schreibtisch gegangen sind, die allein in den Jahren 1937 und 1938 mindestens 40.000 Namen enthielten. An einem einzigen Tag, dem 12. Dezember 1937, beispielsweise bestätigte Stalin 3.167 Todesurteile und gingen anschließend in sein Privatkino - wo er sich zumeist amerikanische Western anschaute, die im ganzen Lande streng verboten waren.

Im Juni 1937 wurden zusätzlich und ohne jede Vorwarnung die führenden Köpfe aus dem Oberkommando der Roten Armee verhaftet und bereits am nächsten Tag erschossen. Zuvor erging eine von Stalin eigenhändig unterschriebene Weisung an sämtliche Staatsorgane, überall Arbeiter-, Bauern- und Soldatendemonstrationen zu organisieren, auf denen die Todesstrafe für die Verhafteten zu fordern war. 

Schauprozess in Moskau (1936) 
Was als „Säuberung in der Armee“ entfesselt wurde, entwickelte sich buchstäblich zum „Overkill“ in den eigenen Reihen. Danach wurden drei von fünf Marschällen, 13 von 15 Armeekommandeuren, acht von neun Flottenadmirälen, 50 von 57 Korpskommandeuren, 154 von 186 Divisionskommandeuren, alle 16 Politkommissare, alle elf Stellvertreter des Volkskommissars für Verteidigung und 98 von 108 Mitgliedern des Obersten Militärrats ermordet. Im Zeitraum von 1937 bis 1941 wurden 43.000 Bataillons- und Kompanieoffiziere verhaftet, erschossen, deportiert oder endgültig vom Dienst suspendiert. Das Militär enthauptete sich praktisch selbst. Der Historiker Roy Medwedjew urteilt, dass „keine Armee im Kriege je so viele höhere Offiziere verloren hat wie die Rote Armee in dieser Periode des Friedens.“

Schließlich begann mit der Verhaftung und Hinrichtung des Geheimdienstchefs Jagoda die ‚Säuberung der Säuberer‘. Das Zentrum des Terrors, die Lubjanka, verwandelte sich nochmals in ein Schlachthaus, und zwar nicht nur für die dort Einsitzenden, sondern auch für das Personal. Menschen, die gestern noch zu den Peinigern gehört hatten, fanden sich unten in den Folterkellern nicht selten auf ein- und derselben Pritsche neben denen wieder, denen sie vor Tagesfrist noch die Todesangst ins Gesicht getrieben hatten. 

Im Frühjahr 1938 konnten Partei, Armee, Wirtschaft, NKWD und Verwaltung als gesäubert gelten. Alle Altbolschewisten waren tot, alle Generäle erschossen und alle großen Fabriken ohne Direktor.

Das heißt natürlich nicht, dass „Säuberungen“ und Terror an sich aufhörten. Was nun begann, war etwas Neues: Die Verehrung und Verherrlichung des großen Führers nahm nunmehr die unübersehbaren Merkmale eines schlichtweg unbegrenzten babylonischen Götzenkults an.

"Genialer Führer"
In nur einer einzigen Rede eines Parteisekretärs wurde Stalin nacheinander „genialer Führer der proletarischen Revolution“, „Inspirator und Organisator des Sieges des Sozialismus“, „höchster Genius der Menschheit“, „erfahrener proletarischer Befehlshaber“, „genialer Theoretiker und Organisator des Aufbaus von Kolchosen“ und „genialer Führer der Werktätigen der ganzen Welt“ genannt. Eine andere, von Stalin gehaltene Rede wurde auf acht Schallplatten aufgenommen, wobei die achte und letzte allein mit dem Beifallklatschen bespielt war.

Im ganzen Land setzte sich der Brauch durch, dass bei Reden allein schon die Nennung von Stalins Namen mit lang anhaltenden stehenden Ovationen begleitet wurde. Als ein alter Mann einmal nicht länger stehen konnte und es wagte, sich noch während des Beifalls hinzusetzen, sah er sich am nächsten Tag verhaftet.

Je näher sein sechzigster Geburtstag im Dezember 1939 rückte, umso dichter füllten sich die Straßen, Plätze und Schaufenster mit Stalin-Bildern, -Büsten und -Denkmälern. Stalin, der selbst öffentlich immer weniger präsent wurde, war auf Schritt und Tritt in Gips, Zement, Stahl oder Marmor gegenwärtig. Er begegnete dem Schüler auf dem Weg zur Schule, dem Soldaten beim Verlassen der Kaserne und dem Liebespaar im Park, er war überall und allgegenwärtig, er sah, wusste, überwachte und kontrollierte alles, er war der Übervater, unfehlbar, unsterblich, gottähnlich, absolut und total.

Der Stalinkult und das in der Verfassung von 1936 verordnete Nationalempfinden verschmolzen jetzt zu einem Ganzen. Die Liebe zur Heimat, die Verehrung ihres ersten Sohnes und die Unterwerfung unter die KPdSU bildeten in dem neuen sowjetischen Wertekosmos aus Stalin, Partei und Vaterland eine unangefochtene, nachgerade heilige Dreifaltigkeit. Die Wissenschaftler an den Universitäten wiesen nach, dass Stalins Art, sich zu artikulieren, die russische Sprache in ihrer reinsten und vollkommensten Form repräsentierte. Er war gleichsam die Verkörperung der Sowjetunion.

Bald galt er als der beste Kenner Hegels(!), Kants (!) und Aristoteles’ (!), nicht zu reden von seiner eigentlichen Domäne, dem Marxismus-Leninismus.

Der Kurze Lehrgang
Es erscheint zynisch und war zeitlich sicher kalkuliert, dass Stalin im Frühjahr 1938, also während des letzten Schauprozesses, die Arbeiten an einem Buch über die Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion abschloss, das meist mit seinem Untertitel als „Der Kurze Lehrgang“ genannt und zitiert wurde.

Auch wenn von Stalin persönlich nur 32 der 440 Druckseiten stammten, wurde der objektive Geschichtsverlauf eklatant verfälscht und zurechtgebogen: Demnach hatte Lenin nur einen einzigen Schüler, Vertrauten und Freund, mit dem er zusammen die Oktoberrevolution und den Aufbau der Sowjetunion gegen die anderen Bolschewisten durchgesetzt hat, die alle „Abtrünnige“, „Verräter“ und „Agenten des Imperialismus“ gewesen waren: Dieser Freund war Stalin. Der Kurze Lehrgang ist letztlich die Rechtfertigung des Großen Terrors auf dem Papier.


Literatur: Klaus Kellmann: Stalin. Eine Biographie, Darmstadt 2005 (Primus Verlag)

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