Wenn Geschichte bestritten wird, ist sie nicht weniger wirklich. Sie wird lediglich politisch gefährlicher. Rolf Hosfelds monumentale Studie über die Vernichtung der Armenier im Osmanischen Reich im Jahre 1915 ist nicht nur ein historiographisches Standardwerk, sondern zugleich ein eindringlicher Appell an die moralische Vernunft. Der Autor legt mit großer Akribie dar, warum die Deportationen, Massaker und Todesmärsche an der armenischen Bevölkerung als das bezeichnet werden müssen, was sie waren: ein Genozid. Dass die türkische Regierung diese Einordnung bis heute vehement ablehnt, ist selbst Teil der Geschichte, die Hosfeld erzählt.
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"Der Völkermord an den Armeniern war ein staatlich organisierter Akt der Vernichtung!" |
Hosfeld, der sich seit Jahrzehnten mit Nationalismus, Gewaltgeschichte und Erinnerungspolitik befasst, lässt keinen Zweifel daran, dass der Mord an den Armeniern kein chaotisches Nebenprodukt des Ersten Weltkriegs war, sondern Ergebnis politischer Planung. Er schreibt unmissverständlich: „Der Völkermord an den Armeniern war keine tragische Begleiterscheinung des Krieges, sondern ein staatlich organisierter Akt der Vernichtung.“ Diese Feststellung bildet das Rückgrat des Buches. Sie richtet sich gegen jene Narrative, die von „Umsiedlungen“ oder „beiderseitigen Massakern“ sprechen und damit Täter- und Opferrollen verwischen.
Im Zentrum steht die jungtürkische Führung des Osmanischen Reiches, die im Zeichen eines radikalisierten Nationalismus eine ethnisch und religiös homogene Nation schaffen wollte. Armenier galten als „Fremdkörper“, als potenzielle Verräter, als Sicherheitsrisiko. Hosfeld rekonstruiert die schrittweise Eskalation von Diskriminierung über Enteignung bis hin zur physischen Vernichtung. Besonders eindrucksvoll ist seine Analyse der Deportationen in die syrische Wüste: Die Todesmärsche, die angeblich der Umsiedlung dienten, waren in Wahrheit so organisiert, dass sie zwangsläufig zum Massensterben führten. Hunger, Durst, Krankheiten, Überfälle durch Milizen – all dies war einkalkuliert.
Der Titel des Buches, Tod in der Wüste, ist daher mehr als eine Metapher. Die Wüste wird zum Symbol für einen Raum jenseits des Rechts, in dem Menschen systematisch dem Tod preisgegeben wurden. Hosfeld zitiert einen deutschen Zeitzeugen mit den Worten: „Man schickte die Menschen nicht fort, um sie anzusiedeln, sondern um sie verschwinden zu lassen.“ Gerade die Rolle deutscher Diplomaten, Militärs und Missionare, die das Geschehen beobachteten und dokumentierten, nimmt breiten Raum ein. Deutschland war als Bündnispartner des Osmanischen Reiches über das Geschehen informiert – und schwieg weitgehend. Dieses Schweigen gehört für Hosfeld zur Geschichte des Genozids dazu.
Armenische Zivilisten, die von türkischen Soldaten aus der Stadt Harput vergetrieben werden (April 1915) 
Besonders überzeugend ist die begriffliche Klarheit des Autors. Er diskutiert die Entstehung des Terminus „Genozid“ durch Raphael Lemkin und zeigt, dass die Ereignisse von 1915 in frappierender Weise genau jene Merkmale erfüllen, die später völkerrechtlich definiert wurden: Vorsatz, Zielgerichtetheit, staatliche Organisation, Vernichtung einer nationalen und religiösen Gruppe als solcher. Hosfeld formuliert: „Wer den Begriff des Genozids auf 1915 nicht anwenden will, entleert ihn seines Sinnes.“ Der Streit um die Bezeichnung ist somit kein bloß semantischer, sondern ein politischer.
Denn die türkische Leugnungspolitik ist nicht nur rückwärtsgewandt, sondern gegenwartswirksam. Sie beeinflusst Schulbücher, Medien, internationale Diplomatie. Hosfeld beschreibt diese Leugnung als eine „zweite Gewalt“, die den Opfern nachträglich ihre Geschichte raubt. In diesem Sinne ist Anerkennung mehr als symbolisch: Sie bedeutet, den Toten ihren Namen zurückzugeben und den Lebenden die Möglichkeit zu eröffnen, zu trauern.
Stilistisch bewegt sich Hosfeld souverän zwischen erzählender Darstellung und analytischer Schärfe. Er lässt Opferstimmen zu Wort kommen, zitiert Tagebücher, Briefe, diplomatische Depeschen. Dadurch gewinnt das Buch eine existenzielle Tiefe, die reine Statistik niemals erreichen könnte. Zugleich verliert sich der Autor nie im Pathos. Die moralische Empörung entsteht aus der Präzision der Darstellung, nicht aus rhetorischer Überhöhung.
Für Menschen, die sich der Bildung im klassischen Sinne – der Formung des Urteilsvermögens – verpflichtet fühlen, ist Hosfelds Buch in besonderer Weise relevant. Es erinnert daran, dass historische Erkenntnis immer auch ethische Konsequenzen hat. Wer den Genozid an den Armeniern als solchen anerkennt, bekennt sich zur universalen Norm, derzufolge die Vernichtung von Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe ein Verbrechen ist, unabhängig von Ort, Zeit und politischer Opportunität.
Gedenkstätte des Genozids in Jerewan (Quelle: deutschlandfunk) 
Hundert Jahre nach den Ereignissen bleibt die Auseinandersetzung mit 1915 ein Prüfstein für das historische Bewusstsein Europas und der Welt. Hosfeld zeigt, dass Vergessen kein natürlicher Prozess ist, sondern Ergebnis von Entscheidungen. Ebenso ist Erinnern eine Entscheidung. Sein Buch ist ein Plädoyer für diese Entscheidung – sachlich, eindringlich und von bleibender Aktualität.
So steht am Ende weniger ein Gefühl der abgeschlossenen Erkenntnis als vielmehr der Auftrag, die Wahrheit zu benennen, auch wenn sie unbequem ist. Oder, um Hosfeld selbst zu zitieren: „Geschichte beginnt dort, wo man aufhört, sich selbst zu belügen.“
Zitate aus: Rolf Hosfeld: Tod in der Wüste. Der Völkermord an den Armeniern, München 2015 (C.H.Beck)

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