In seinem siebten Kapitel seines Buches "Aristoteles in Oxford" widmet sich John Freely dem Thema der experimentellen Methode, die bekanntlich für das Selbstverständnis moderner Wissenschaft zentral ist. Dabei geht es ihm nicht um eine nachträgliche Heroisierung mittelalterlicher Gelehrter als „Vorläufer“ der Neuzeit, sondern um die Rekonstruktion eines epistemischen Wandels, der lange vor Galilei und Newton einsetzt. Freelys These lautet: Die experimentelle Methode ist kein plötzlicher Bruch der frühen Neuzeit, sondern das Ergebnis einer allmählichen Transformation aristotelischer epistēmē im mittelalterlichen Denken.

John Feely "Aristoteles in Oxford" (2014)
Ausgangspunkt ist Aristoteles selbst. In der antiken Wissenschaft ist Erfahrung (ἐμπειρία) zwar unverzichtbar, jedoch systematisch der Theorie untergeordnet. Erkenntnis zielt auf das Allgemeine, auf Ursachen (αἰτία), nicht auf singuläre Beobachtungen. Dieses Modell bleibt im lateinischen Mittelalter bis zur Wiederentdeckung der aristotelischen Naturphilosophie im 12. und 13. Jahrhundert dominant. Erst jetzt werden Physik, Meteorologie, Optik und Biologie wieder als eigenständige Wissensbereiche ernst genommen.
Freely zeigt, dass diese Rezeption nicht passiv erfolgt. Aristoteles gelangt – über arabische Vermittlung – bereits kommentiert, kritisiert und methodisch erweitert nach Europa. Besonders in Oxford entsteht ein Milieu, in dem Naturerkenntnis nicht mehr allein aus Textauslegung gewonnen wird, sondern aus der Verbindung von mathematischer Analyse, Beobachtung und gezieltem Experiment. „Oxford wurde der Ort im mittelalterlichen Europa, an dem das Experiment als notwendiger Bestandteil der Theorie betrachtet wurde.“
Zentral ist hier die Figur Roger Bacons. Für Bacon ist Erfahrung nicht bloß illustrativ, sondern erkenntniskonstitutiv. Berühmt ist seine Feststellung: „Sine experientia nihil sufficienter sciri potest.“ (Ohne Erfahrung kann nichts hinreichend erkannt werden). Dieses Diktum markiert einen tiefgreifenden methodischen Perspektivwechsel. Wissen soll sich nicht allein aus Autoritäten speisen, sondern an der Wirklichkeit bewähren.

Roger Bacon: Der "Doctor mirabilis" (gest. 1292)
Freely betont, dass Bacon dabei keineswegs antischolastisch argumentiert. Im Gegenteil: Die experimentelle Methode entsteht innerhalb der Scholastik, nicht gegen sie. Bacon bleibt Aristoteliker, doch er radikalisiert einen Aspekt aristotelischen Denkens, der zuvor marginal geblieben war: Die systematische Erprobung von Hypothesen an der Natur selbst. Experiment wird zu einer Methode der Korrektur – nicht der bloßen Bestätigung.
In diesem Zusammenhang spricht Freely von einer „neuen Einstellung Fehlern gegenüber“. Fehler gelten nicht länger als bloße Unzulänglichkeit des Forschers, sondern als notwendiger Bestandteil des Erkenntnisprozesses. Diese Haltung ist bemerkenswert modern. Sie bereitet jene epistemische Sensibilität vor, die Karl Popper Jahrhunderte später zur Grundlage seiner Wissenschaftstheorie machen sollte.
Popper definiert wissenschaftliche Rationalität nicht durch Verifikation, sondern durch Falsifikation. Theorien sind demnach keine gesicherten Wahrheiten, sondern riskante Hypothesen, die an der Erfahrung scheitern können – und sollen. In diesem Punkt zeigt sich eine überraschende Nähe zum mittelalterlichen Experimentaldenken, wie Freely es beschreibt. Auch für Bacon und seine Zeitgenossen ist Erfahrung kein Mittel zur endgültigen Bestätigung, sondern zur Prüfung und gegebenenfalls Widerlegung.
Zwar fehlt im Mittelalter ein expliziter Falsifikationismus im popperschen Sinne. Doch die methodische Haltung ist vergleichbar. Freely formuliert vorsichtig, aber deutlich: „Was Bacon forderte, war nicht Gewissheit, sondern eine Methode zur Fehlerkorrektur.“ Genau darin liegt die strukturelle Nähe zu Popper. Wissenschaft beginnt dort, wo Irrtum prinzipiell einkalkuliert wird.
Die Bedeutung dieser Entwicklung für die spätere Wissenschaft kann kaum überschätzt werden. Die experimentelle Methode des Mittelalters etabliert zentrale Prinzipien moderner Forschung: Kontrollierte Beobachtung, Wiederholbarkeit, methodische Skepsis gegenüber Autoritäten. Ohne diesen epistemischen Umbau wäre die wissenschaftliche Revolution der Neuzeit nicht denkbar gewesen.
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| Kontrollierte Beobachtung, Wiederholbarkeit, methodische Skepsis gegenüber Autoritäten |
Freely warnt daher vor einem vereinfachenden Fortschrittsnarrativ. Die Moderne entsteht nicht ex nihilo, sondern aus einer mittelalterlichen Transformation der aristotelischen Tradition. Die experimentelle Methode ist kein Bruch mit Aristoteles, sondern eine Konsequenz seiner ernsthaften Rezeption. Aristoteles wird nicht überwunden, sondern neu gelesen.
Die Ausführungen von Freely machen damit deutlich, dass Wissenschafts-geschichte weniger von heroischen Einzelgestalten als von methodischen Verschiebungen geprägt ist. Die experimentelle Methode entsteht dort, wo Theorie sich der Erfahrung aussetzt – und bereit ist, an ihr zu scheitern. In dieser Bereitschaft liegt ihre bleibende Aktualität.
Freelys Darstellung erinnert daran, dass Wissenschaft nicht mit Gewissheit beginnt, sondern mit der Einsicht in die Vorläufigkeit des eigenen Wissens. Genau darin treffen sich mittelalterliche Scholastik und moderne Wissenschaftstheorie. Oder, um es mit Popper zu sagen: Erkenntnis wächst nicht durch Beweise, sondern durch widerlegte Versuche. Die Wurzeln dieser Einsicht reichen tiefer, als wir oft annehmen – bis ins mittelalterliche Oxford.
Quelle: John Freely: Aristoteles in Oxford. Wie das finstere Mittelalter die moderne Wissenschaft begründete, Stuttgart 2014 (Klett-Cotta)

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