Donnerstag, 22. Januar 2026

Sönke Neitzel und der Referenzrahmen der Soldaten im "Dritten Reich"

Das Buch „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ von Sönke Neitzel und Harald Welzer gehört zu jenen Arbeiten, die nicht nur durch neue Fakten, sondern auch eine veränderte Perspektive auffallen. Die vom britischen Geheimdienst heimlich mitgeschnittenen Gespräche deutscher Kriegsgefangener eröffnen keinen Blick „hinter die Front“ im heroischen Sinne, sondern legen eine erschreckende Alltäglichkeit von Gewalt offen. 


Besonders aufschlussreich ist dabei der Abschnitt „Der Referenzrahmen des Dritten Reiches“ im Kapitel „Soldatenwelt“, in dem Neitzel und Welzer zeigen, wie tief nationalsozialistische Deutungsmuster das Denken und Sprechen der Soldaten strukturierten – ohne dass diese sich selbst als fanatische Ideologen wahrnahmen.

 

Fallschirmjäger der Wehrmacht (Quelle: mdr - Geschichte)

Zentral ist die Einsicht, dass Handlungen nicht primär durch individuelle Moral, sondern durch soziale Referenzrahmen gesteuert werden. Menschen handeln, so die sozialpsychologische Grundannahme, innerhalb dessen, was in ihrem jeweiligen Kontext als normal, sagbar und legitim gilt. Für die deutschen Soldaten des Zweiten Weltkriegs bildete das „Dritte Reich“ genau einen solchen Referenzrahmen, d.h., einen Deutungs- und Bedeutungsraum, der bestimmte Formen der Gewalt nicht nur erlaubte, sondern als selbstverständlich erscheinen ließ. 


Neitzel und Welzer betonen ausdrücklich, dass viele der abgehörten Soldaten keine überzeugten Nationalsozialisten im engeren Sinne waren. Dennoch sprechen sie mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit über Massenerschießungen, Luftangriffe auf Zivilisten oder das Töten von Kriegsgefangenen. Die Autoren formulieren pointiert: „Was wir hören, ist nicht das Reden von Monstern, sondern das Reden von Männern, die sich in einem bestimmten Referenzrahmen bewegen.“ Genau darin liegt die eigentliche Provokation des Buches.

 

Der Referenzrahmen des Dritten Reiches war dabei kein abstraktes Ideengebäude, sondern eine alltagspraktische Ordnung von Sinn. Er definierte Freund und Feind, Wert und Unwert, Leben und Vernichtung. Antisemitismus, Rassismus und Sozialdarwinismus bildeten keine permanent expliziten Bekenntnisse, sondern einen stillschweigenden Hintergrund, vor dem Handlungen interpretiert wurden. Wenn ein Soldat von der Erschießung jüdischer Zivilisten berichtet, dann häufig nicht in moralischer Empörung oder Rechtfertigung, sondern im Ton sachlicher Berichterstattung.

 

Hinrichtung angeblicher Partisanen in der Sowjetunion

(Aufnahme einer Propagandakompanie, Bundesarchiv, Bild 101I-212-0221-06)

Auffällig ist, dass moralische Kategorien in den Gesprächen kaum vorkommen. Stattdessen dominieren technische, funktionale oder pragmatische Bewertungen: War eine Aktion effizient? Hat sie funktioniert? War sie militärisch sinnvoll? In diesem Sinne schreiben Neitzel und Welzer: „Die Gespräche zeigen eine weitgehende Entkopplung von Handeln und moralischer Reflexion.“ Gewalt wird nicht reflektiert, sondern vollzogen – eingebettet in Routinen, Befehlsstrukturen und Kameradschaft.


Der Referenzrahmen des Dritten Reiches wirkte dabei nicht nur legitimierend, sondern auch entlastend. Verantwortung wurde nach oben delegiert, Schuld externalisiert. Befehle galten als handlungsleitend, nicht als moralisch zu prüfende Anordnungen. Das enthebt den Einzelnen nicht der Verantwortung, erklärt aber, warum Grausamkeit nicht als Bruch, sondern als Teil der Normalität erfahren werden konnte. Töten wurde zu einer Tätigkeit unter anderen – in der Eigenwahrnehmung sicherlich schrecklich, aber nicht außergewöhnlich.

 

Besonders eindrücklich ist, dass selbst extreme Gewaltformen wie der Vernichtungskrieg im Osten oder der Bombenkrieg gegen Städte nicht als moralische Grenzüberschreitungen thematisiert werden. Vielmehr erscheinen sie als Konsequenz einer Logik, die Freund und Feind radikal voneinander trennt. Der Gegner wird entmenschlicht, der eigene Handlungsspielraum dadurch erweitert. Der Referenzrahmen definiert, wer überhaupt als moralisches Subjekt gilt – und wer nicht.

 

Neitzel und Welzer widerstehen der Versuchung, aus den Protokollen eine einfache Täterpsychologie abzuleiten. Ihr Ansatz ist strukturell-systemisch, nicht psychologisierend. Es geht nicht um Sadismus oder individuelle Abgründe, sondern um die Frage, wie gesellschaftliche Ordnungen Gewalt möglich machen. In dieser Hinsicht fügt sich das Buch „Soldaten“ in eine Traditionslinie ein, die von Hannah Arendts Analyse der „Banalität des Bösen“ bis zu neueren sozialpsychologischen Gewaltstudien reicht.

 

Erschießung von Zivilisten in Kondomari, Kreta 1941 (Bundesarchiv, Bild 1011-166-0517-04) 

Für den heutigen Leser ist diese Analyse zutiefst verstörend. Sie nimmt die bequeme Distanz, mit der man Täter gern als radikal Andere betrachtet. Der Referenzrahmen des Dritten Reiches war kein Ausnahmezustand jenseits menschlicher Erfahrung, sondern eine historisch konkrete, sozial wirksame Ordnung. Gerade darin liegt die bleibende Aktualität des Buches: Es zwingt dazu, über die eigenen Referenzrahmen nachzudenken – über das, was heute als normal, legitim oder unausweichlich gilt.

 

„Soldaten“ ist daher weniger ein Buch über die Vergangenheit als über die Bedingungen menschlichen Handelns überhaupt. Der Abschnitt über den Referenzrahmen des Dritten Reiches zeigt, wie dünn die Schicht moralischer Selbstgewissheit ist, wenn soziale Kontexte Gewalt plausibel machen. Die Protokolle sind Dokumente einer Welt, in der Töten Teil des Alltags war – nicht, weil die Menschen darin per se grausamer waren, sondern weil sie gelernt hatten, in einem bestimmten Rahmen zu denken und zu handeln.

 

Gerade diese Einsicht macht das Buch so unbequem. Es verweigert die Entlastung durch moralische Distanz und zwingt zur intellektuellen Selbstprüfung. Das ist gleichermaßen seine eigentliche Stärke und seine bleibende Zumutung.

 

Zitate aus: Sönke Neitzel und Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen. Töten und Sterben, Frankfurt a.M. 2011 (fischer)

 

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