Donnerstag, 20. Juni 2019

Der Kalte Krieg und der "Kongress für Kulturelle Freiheit" - Teil 1


Es ist eine bekannte Tatsache, dass im Kalten Krieg auch Kunst und Kultur im politischen Machtkampf zwischen Ost und West standen. Eine führende westliche Organisation war der Kongress für Kulturelle Freiheit.

"Der Kongress für Kulturelle Freiheit"
Am 26. Juni 1950, fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kamen in Berlin Wissenschaftler, Politiker und Schriftsteller aus über 100 Ländern zusammen, um ein Zeichen zu setzen gegen die wachsende kommu-nistische Bedrohung durch das Stalin-Regime. Vor über 2500 Gästen aus der ganzen Welt begann im Titania-Palast ein 3-tägiger Kongress.

Der RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) übertrug live den gesamten Kongress: „Die gesamte Kulturwelt blickt auf die Kongressstadt Berlin, auf die Stadt, die in den letzten Jahren ihrer Geschichte immer wieder feststellen musste, wie schwer es ist, zwischen Freiheit und Unfreiheit Kompromisse zu schließen […]

Hier im Titania-Palast, der bis auf den letzten Platz gefüllt ist, genau zwei Jahre nach dem kommunistischen Versuch, Berlin durch eine grausame Blockade zu unterjochen, und einen Monat nach dem gescheiterten Versuch, Berlin durch das Deutschlandtreffen der FDJ zu erobern, sehen wir die besten Köpfe des Abendlandes, Philosophen, Künstler und Schriftsteller, die sich zur bürgerlichen und geistigen Freiheit bekennen. Sie wollen hier etwa 200 km hinter dem Eisernen Vorhang beweisen, dass die großen Traditionen des freiheitlichen Geistes noch lebendig sind, wollen hier noch einmal bekennen, was in ihren Werken lange schon formuliert und ausgesprochen ist.“ (O-Ton RIAS)

In den drei Tages des Kongresses, konnten die Menschen in West- und Ostdeutschland an den Radiogeräten miterleben, wie sich Intellektuelle zu einer Organisation formierten, die bald zu einer gewichtigen Stimme im Kampf des Westens gegen den Kommunismus werden sollte.

Der Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter übernahm die Begrüßung: „Berlin, meine lieben Gäste, grüßt sie alle, die Sie heute zu uns gekommen sind. […] Wir haben erfahren, dass das kleine bescheidene Wort Freiheit, das seinen Glanz verloren zu haben schien, eine Leuchtkraft ohnegleichen für den besitzt, der ihren Wert erkannt hat, weil er sie einmal verlor. Wir hatten einmal die Freiheit verloren, mit Mühsalen ohnegleichen haben wir sie darum nicht nur verteidigt, sondern wiedergewonnen, und wir sind fest entschlossen, sie niemals wieder aufzugeben.“

Der Kongress für kulturelle Freiheit (englisch Congress for Cultural Freedom, kurz: CCF) war eine Organisation bevorzugt linksliberaler und sozialdemokratischer Intellektueller, Künstler und Politiker, die sich zur Aufgabe gemacht hatte, antikommunistische Propaganda auf einem relativ hohen intellektuellen Niveau zu betreiben.

In erster Linie war der CCF eine Reaktion der Amerikaner auch auf die sowjetische Propagandaaktivität im Vorfeld, im Umfeld und im Nachgang des Zweiten Weltkrieges bzw. des beginnenden Kalten Krieges. Die Kommunisten hatten über die Kommunistische Internationale und das Agitprop-Büro der Kommunistischen Internationalen in Paris Intellektuelle und Künstler organisiert und auch für ihre Zwecke instrumentalisiert. Nicht wenige der Gründungsmitglieder des Kongresses für kulturelle Freiheit waren ehemalige Kommunisten, einige haben sogar in der Agit-Prop-Zentrale in Paris gearbeitet, etwa Arthur Koestler.

Der Monat - Sprachrohr des CCF
So entstand der CCF als antitotalitaristisches Bündnis, das bis in die 70er Jahre hinein weltweit großen Einfluss auf die Politik und das Geistesleben in Europa, Lateinamerika, Afrika und Asien hatte. Eine Organisation, die aber – wie später bekannt wurde – vom amerikanischen Geheimdienst initiiert, gelenkt und finanziert wurde: Ein Werkzeug der CIA im Kalten Krieg.

Eine der Schlüsselfiguren des Berliner Gründungskongresses des CCF war der us-amerikanische Journalist Malvin Lasky, Herausgeber der 1948 gegründeten Zeitschrift Der MonatDer Monat gehörte zu den führenden Zeitschriften Deutschlands und bestimmte den kulturellen, politischen und ästhetischen Diskurs maßgeblich mit. Bereits in seiner Studienzeit begann Lasky, Kontakt zu zahlreichen Intellektuellen aufzubauen, was ihm als Herausgeber des Monats und nun auch in seiner Funktion als erster Generalsekretär des Kongresses für kulturelle Freiheit zugutekam.

Der Monat hatte eine erlesene Autorenschar, zu der Schriftsteller wie Albert Camus und George Orwell, die Philosophen Hannah Arendt, Bertrand Russell und Karl Jaspers sowie die Soziologen Theodor W. Adorno und Raymond Aron gehörten. Viele von ihnen fühlten sich der Idee des Kongresses für Kulturelle Freiheit eng verbunden – und waren auch bei seiner Gründung in Berlin anwesend.

Für einiges Aufsehen beim Berliner Gründungskongress des CCF sorgte die Rede Arthur Koestlers. Koestler war ein ungarisch-britischer Schriftsteller und Kommunist, der durch seinen Roman „Sonnenfinsternis“ bekannt geworden war. Darin hatte er über die stalinistischen Säuberungsaktionen geschrieben, die ihn dazu bewogen, ins Lager der Antikommunisten zu wechseln. In seiner Rede griff er all jene Intellektuellen an, die sich noch immer nicht vom Kommunismus losgesagt hatten:

„Wir kamen nicht nach dieser Stadt, um nach einer abstrakten Wahrheit zu suchen, wir kamen, um ein Kampfbündnis zu schließen. Es geht hier nicht um relative Unterschiede, es geht hier um Leben und Tod. […] Aber ich spreche hier über Eure Köpfe hinweg zu jenen intellektuellen Kollegen im Westen, die immer noch glauben, einer Entscheidung ausweichen zu können. Ich spreche über Eure Köpfe hinweg zu jenen Halbjungfrauen der Demokratie, die immer noch nicht gelernt haben, dass es Zeiten gibt, um in Bedingungssätzen und in Nebensätzen zu sprechen, und Zeiten, um ja zu sagen oder nein.“

Arthur Koestler: "Freunde, die Freiheit hat die Offensive ergriffen!“

Auf der Abschlusskundgebung des Gründungskongresses verlas Koestler vor 15.000 Besuchern ein Manifest der intellektuellen Freiheit und beendete seine kämpferische Rede mit dem denkwürdigen Satz: „Freunde, die Freiheit hat die Offensive ergriffen!“

(Fortsetzung folgt) 

Quelle und Zitate: Ellen Freyberg, Kulturkampf im Kalten Krieg. Der Kongress für Kulturelle Freiheit, swr2 Wissen, Sendung vom 18. Mai 2018



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