Donnerstag, 12. Februar 2026

Franz Werfel und "Die vierzig Tage des Musa Dagh"

Als Franz Werfel 1933 seinen Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh veröffentlichte, schrieb er nicht nur ein historisches Epos, sondern ein literarisches Mahnmal. Der Roman steht im Zeichen des Aghet – der „Katastrophe“, wie die Armenier selbst jene Ereignisse bezeichnen, die im Frühjahr 1915 ihren grausamen Anfang nahmen und heute als der erste Genozid des 20. Jahrhunderts gelten. Werfels Werk ist zwar keine historische Chronik im engen Sinn, sondern ein Roman mit fiktionalisierten Figuren, seine erzählerische Kraft bezieht er dennoch aus einer historischen Wahrheit, die sich der literarischen Gestaltung geradezu aufdrängt: Der systematischen Vernichtung des armenischen Volkes.

 

Buchtitel (Verlag e-artnow)

Der historische Hintergrund ist bekannt. Unter dem Deckmantel militärischer „Umsiedlungen“ leitete die jungtürkische Regierung des Osmanischen Reiches Deportationen der armenischen Bevölkerung ein. Ganze Dörfer wurden entvölkert, Männer erschossen, Frauen, Kinder und Alte auf Todesmärsche in die syrische Wüste geschickt. Hunger, Krankheiten, Massaker und Vergewaltigungen waren keine Begleiterscheinungen, sondern Teil eines kalkulierten Programms. Werfel greift diese Realität auf, ohne sie dokumentarisch zu sezieren. Stattdessen verdichtet er sie im literarischen Bild.

Der Musa Dagh – ein Gebirgszug an der Mittelmeerküste – wird im Roman zum Ort des Widerstands. Armenische Dorfgemeinschaften verweigern die Deportation, ziehen sich auf den Berg zurück und verteidigen sich vierzig Tage lang gegen osmanische Truppen, bis sie schließlich von französischen Kriegsschiffen gerettet werden.

 

Diese Episode hat ein historisches Vorbild! Werfel stützt sich auf Berichte von Augenzeugen und Missionaren. Doch der eigentliche Fokus des Romans liegt weniger auf militärischer Tapferkeit als auf der existenziellen Erfahrung eines Volkes, das erkennt, dass es ausgelöscht werden soll.

 

Der Musa Dagh und das Dorf Yoghonoluk (Quelle: Blog von Georg Pfarl)

 

Gerade hierin liegt die Nähe zur historischen Realität des Aghet. Der Genozid war kein spontaner Gewaltausbruch, sondern ein politisch organisierter Akt. Werfel macht dies deutlich, indem er die Mechanismen der Macht freilegt: Bürokratische Kälte, ideologische Rechtfertigungen, das Schweigen der Mitwissenden. In einer eindringlichen Szene lässt er den deutschen Theologen Johannes Lepsius erkennen, dass es nicht um vereinzelte Exzesse geht, sondern um das Schicksal eines ganzen Volkes. Lepsius formuliert nüchtern, fast resigniert: „Ein Volk besteht aus vielen Teilen. Aus der Regierung und ihren Organen. Aus den Klassen, die mit der Regierung gehen, und aus der Opposition.“

 

Diese scheinbar analytische Feststellung erhält im Kontext des Romans eine erschütternde Bedeutung. Denn sie impliziert, dass Verantwortung nicht allein bei anonymen Strukturen liegt, sondern in einer gesellschaftlichen Gesamtheit. Der Aghet erscheint so nicht nur als historisches Verbrechen des türkischen Volkes, sondern als anthropologische (An-)Frage: Wie ist es möglich, dass eine Gesellschaft die Vernichtung eines Teils ihrer Bevölkerung hinnimmt, bzw. aktiv betreibt?

 

Werfels literarische Antwort ist keine theoretische Abhandlung, sondern eine Ethik der Empathie. Seine Figuren sind Träger kollektiver Erfahrung. In ihnen spiegelt sich die existenzielle Verlassenheit der Armenier, aber auch ihre kulturelle Tiefe, ihre religiöse Symbolik, ihre Verwurzelung in Geschichte und Landschaft. Der Roman insistiert darauf, dass mit den Menschen nicht nur Körper, sondern Erinnerungen, Rituale und Bedeutungen ausgelöscht werden sollten.

 

Die Verteidiger des Musa Dagh

Gerade deshalb ist Die vierzig Tage des Musa Dagh mehr als ein historischer Roman. Er ist ein Akt des Erinnerns gegen das Vergessen – und gegen die Leugnung. Werfel schrieb sein Buch zwischen 1932 und 1933, also zu einer Zeit, als neue Formen staatlich organisierter Gewalt bereits am Horizont erschienen. Die Parallelen sind unübersehbar, ohne dass der Roman sie explizit benennt. Der Aghet wird so zu einem Menetekel der Moderne.

 

Dass der Aghet kein isoliertes Ereignis blieb, sondern Teil einer längeren Kette ethnischer Gewalt der Jungtürken war, zeigt sich besonders deutlich in der bewussten Zerstörung von Smyrna imSeptember 1922. Nach ihrem Einmarsch in die überwiegend von Griechen und Armeniern bewohnte Stadt lösten die türkischen Truppen einen – auch hier – im Voraus geplanten Großbrand aus, der systematisch die christlichen Viertel vernichtete, während muslimische Stadtteile weitgehend verschont blieben. Zehntausende Menschen kamen ums Leben oder wurden vertrieben, die jahrhundertealte multikulturelle Metropole am Ägäischen Meer hörte faktisch auf zu existieren. Smyrna markiert damit den späten, aber folgerichtigen Endpunkt jener Politik der ethnischen Homogenisierung, deren erster großer Kulminationspunkt der Aghet von 1915 gewesen war.

 

Am Ende des Romas von Werfel bleibt nicht die heroische Rettung durch die französischen Schiffe als stärkstes Bild, sondern der Blick in das Leid der Opfer. Werfel verdichtet diese Erfahrung in einer Passage, die zu den eindringlichsten des Romans gehört. 

 

Die Evakuierung der Armenier durch französische Schiffe

Johannes Lepsius sieht die Gesichter der Armenier vor sich, und in ihren Augen erkennt er das unausweichliche Schicksal: „Und alle schauen aus den riesigen Armenieraugen ihn an. Solche Augen haben nur Wesen, die den Kelch bis zur Neige leeren müssen. Jesus am Kreuz hat wohl ähnliche Augen gehabt.“

 

In diesen Sätzen kulminiert die ganze Dramatik der ethnischen Säuberung. Der Aghet erscheint nicht mehr als abstraktes historisches Ereignis, sondern als Passion eines Volkes. Werfels Roman zwingt den Leser, hinzusehen – und erinnert daran, dass Literatur dort beginnt, wo Geschichte nicht mehr schweigen darf.

 

Literatur: Franz Werfel: Die Vierzig Tage des Musa Dagh, Berlin 2016 (Insel)

 

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