Donnerstag, 10. Mai 2018

Leonardo da Vinci und die Naturphilosophie - Teil 1

Leonardo da Vinci
(1492 - 1519)
Von Leonardo da Vinci sind über 6000 Blätter voller Zeichnungen und Notizen erhalten, mit denen er versuchte, Naturgesetzen auf die Spur zu kommen und so zu erkennen, was die Welt „im Innersten zusammenhält“.

Mit Leonardo beginnt eine neue Weise, die Welt zu sehen. Er verließ sich nicht auf althergebrachtes Wissen, sondern versuchte die Welt vom Anbeginn an neu und analytisch zu erfassen. Ihm reichte es nicht, einfach nur irgendwo hinzuschauen sondern er war der Überzeugung, dass es notwendig ist, systematische Experimente machen. Diese Experimente macht er sowohl in der Natur selbst als auch im Bereich der Zeichnung.

So hat Leonardo zwischen seiner Kunst einerseits und seiner Wissenschaft andererseits überhaupt nicht getrennt. Auch das macht die ungeheure Faszination seiner Kunstwerke aus.

Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ ist das wohl bekannteste Gemälde der Welt. Die Frau, die den Betrachter sanft anlächelt, ist wahrscheinlich Lisa del Giocondo, Gattin eines reichen Florentiners. Der Künstler hat das Bild zwischen 1503 und 1506 gemalt. Das Bild muss für ihn eine besondere Bedeutung gehabt haben muss: Er hat es nie aus der Hand gegeben.

Das Bild ist jedenfalls mehr als ein Geniestreich. Leonardo da Vinci hat jeden einzelnen Beleuchtungspunkt gewissermaßen konstruiert – ziemlich genau so, wie man das heute in der Computergrafik bei Computeranimationen macht. Die Lichtverhältnisse auf dem Gesicht der Mona Lisa sind berechnet.

Leonardo hat also seine Erkenntnisse über Optik verwendet, um neuartige Kunstwerke hervorzu-bringen. Er hat die Gesichtsmuskulatur studiert, um Porträts malen zu können, die gewissermaßen „wahrer“ waren als das, was die Anschauung ihm zeigte – weil er ein Tiefenwissen hatte und in den Berglandschaften im Hintergrund der Mona Lisa spiegelt sich Leonardos Beschäftigung mit Geologie wider, denn dort ist eine ganze Geschichte der Erschaffung und des Vergehens und der Umformung von Gebirgen abzulesen.

Auch wenn Leonardo heute in der Öffentlichkeit als Maler bekannt ist, hat er sich selbst wohl eher als Naturphilosoph und Naturforscher bzw. – modern gesprochen – als Naturwissenschaftler verstanden.

Leonardos Kunst verdankt sich letztlich seiner Wissenschaft, und Leonardos wissenschaftliche Forschung profitierte von seiner unglaublichen Wahrneh-mungsfähigkeit und seiner Darstellungsfähigkeit als Zeichner. Leonardo zeichnet eigentlich unentwegt. Es gibt keinen anderen Künstler und auch Wissenschaftler der frühen Neuzeit, von dem wir so viele Zeichnungen erhalten haben – es sind tausende.

Es ist unglaublich, mit welcher Genauigkeit Leonardo Vinci die Formen des menschlichen Körpers darstellen konnte und vor allem, wie er sie dreidimensional darstellen konnte. Da Vinci zeichnet Flugmaschinen, Strömungs-verläufe in Flüssen, Kriegsgeräte, Stadtpläne, die Anatomie von Tieren und Menschen und vieles mehr.

Leonardo hatte durch seine visuelle Begabung einen ganz neuartigen Zugang zur Natur. Ein Zugang, der sich als viel geeigneter herausstellen sollte um die Natur zu erfassen, als die Sprache. Vielleicht, weil die visuelle Sprache der modernen Naturwissenschaft viel besser entspricht als die lineare Sprache. Und Leonardo war einer der ersten, der das gesehen hat und vor allem nutzen konnte.

Mit 17 Jahren tritt Leonardo in Florenz in die Werkstatt seines Lehrmeisters ein, dem bekannten Bildhauer und Universalkünstler Andrea del Verrocchio. Dort ist er dann im Handwerk ausgebildet worden, vor allem auch im Kunsthandwerk.

Künstler gelten damals als Handwerker, erst später wird man sie als „Originalgenies“ feiern. So ist Leonardo bei Verrocchio zunächst Lehrling, dann Geselle und schließlich Assistent, darf zum Beispiel Teile von dessen Bildern malen. 1477 gründet er eine eigene Werkstatt in Florenz, beschäftigt sich aber zunehmend mit Naturforschung. Vor allem das Thema Bewegung, Kraft und Veränderung interessiert ihn.

Der vitruvianische Mensch
„Was nun die Dinge in Bewegung setzt sind für ihn zwei unterschiedliche Faktoren. Das eine ist ein interner `Wunsch´ kann man sagen der einzelnen Körper und Elemente, ihren spezifischen Ort zu finden. Der Stein möchte gern in die Tiefe fallen, da zieht es ihn hin. Das sind natürliche Tendenzen der Körper. Und das andere, was für ihn noch viel interessanter ist, sind, was er `widernatürliche´ Kräfte nennt: Einwirkungen, die einen Körper aus seiner Ruhelage bringen. Diese Kräfte sind mysteriös, sind unvorhersehbar, zufällig, da gibt es viele verschiedene Wirkungen zwischen den Körpern, ganz viele Faktoren, die ineinander spielen.“

Seine Studien nützen Leonardo schon bald. 1482 sucht der Mailänder Fürst Ludovico Sforza einen Künstler, der ein riesiges, sieben Meter hohes Reiterstandbild seines Vaters Francesco baut. Leonardo macht Vorschläge für die Bronzestatue und bekommt den gut bezahlten Posten. Auch wenn das Standbild schließlich doch nicht gebaut wird, beeindruckt Leonardo Ludovico mit Entwürfen spektakulärer Kriegsgeräte und unterhält den Hof bei Festen mit kuriosen mechanischen Geräten. Daneben kann er seinen Naturstudien nachgehen. Bald verbreitet sich sein Ruf eines Meisteringenieurs und Universalgelehrten in ganz Italien.

Der ganze Stolz Leonardos als Autodidakt besteht für ihn darin, dass er genauer hinguckt als andere: “Ich weiß wohl, dass so mancher eitle Tropf glauben wird, er könne mich tadeln, denn ich sei ein ungebildeter Mann. Dumme Menschen! (...) Sie werden behaupten, ich könne mangels Gelehrsamkeit das, was ich behandeln will, nicht richtig sagen. Nun, wissen sie denn nicht, dass meine Lehren nicht so sehr aus den Worten anderer gezogen werden, als aus der Erfahrung, die doch die Lehrmeisterin derer war, die gut geschrieben haben?“

Da Vinci ist der erste Philosoph, der durch genaue Anschauung der Dinge und praktische Experimente erkennt, dass es so etwas wie universale Naturgesetze gibt, die vor allem aus dem Bereich der Physik stammen, eine Einsicht, die bis heute gültig ist.

Nach Leonardo findet man Proportionen nicht nur in Zahlen und Maßen, sondern auch in Tönen, Gewichten, Zeiten, Orten, und in jeder Kraft, die es gibt. Leonardo war der Überzeugung, dass die Natur sich Regelmäßigkeiten unterordnet und zwar völlig unabhängig von irgendwelchen Zielen, von Schöpfern, von höheren Mächten. Das spielte alles für ihn überhaupt keine Rolle.

Monatelang beobachtet er etwa die Oberfläche von Bächen und Flüssen. Besonders interessiert ihn die Strömung des Wassers: „So kreist es unaufhörlich, immer zusammenhängend und immer im Umlauf. Da es hierhin und dorthin, aufwärts und abwärts eilt, so kommt es nie zur Ruhe, weder in seinem Lauf noch in seiner Natur. (...) So ändert es sich immer wieder, sei es in der Lage oder in der Färbung, sei es, dass es einen neuen Geschmack oder Geruch in sich aufnimmt, (...) sei es, dass es sich als verderblich oder Segen bringend erweist (...) Wasser ist der Antrieb der ganzen Natur.“

Turbulenzen unter Wasser
Wie immer begleitet er seine Beobachtungen mit Zeichnungen. Zunächst gibt er wieder, was er gesehen hat. Da er aber die Gesetze der Strömungsdynamik kennt, zeichnet er auch mögliche Strudelbildungen unter der Wasseroberfläche. Er kombiniert also das, was man sieht, wenn man von oben auf eine aufgewühlte Wasserfläche sieht, mit dem, was seiner Meinung nach – und dort lag er tatsächlich richtig – sich unter der Wasseroberfläche abspielt.

Dieser Methode bleibt der Mann aus Vinci zeitlebens treu. Zeichnung ist für ihn, genau wie Malerei, ein Mittel der Erkenntnis. Seine Zeitgenossen halten sich noch an Aristoteles, der meinte, Kunst solle die Welt lediglich abbilden, das Denken und die Erklärungen aber würden sie übernehmen. Für Leonardo dagegen ist Zeichnen und Malen Denken: „... denn das Auge täuscht sich weniger als der Verstand.“

(Fortsetzung folgt)


Zitate aus: Matthias Kußmann: Leonardo da Vincis Naturphilosophie Zeichnend die Welt verstehen, SWR2 Wissen, Sendung vom 8. Dezember 2017, Redaktion: Ralf Kölbel, Regie: Günter Maurer, Produktion: SWR 2017

Weitere Literatur: Stefan Klein: Da Vincis Vermächtnis oder Wie Leonardo die Welt neu erfand. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2014   -   Thomas Heichele: Die erkenntnistheoretische Rolle der Technik bei Leonardo a Vinci und Galileo Galilei im ideengeschichtlichen Kontext. Aschendorff Verlag, Münster 2016


Donnerstag, 3. Mai 2018

Der Islam und die Bildung

„Der Islam befindet sich in einer Krise, es findet eine langsame Implosion statt: Immer mehr Muslime zweifeln an ihrem Glauben, viele konvertieren, andere schwören der Religion ganz ab. Und man sieht, dass die Säkularisierung bei Muslimen ebenso oder sogar stärker auftritt als bei Christen.“ Zu diesem Ergebnis kommt Dr. Michael Blume, Gründungsvorsitzender der Christlich-Islamischen Gesellschaft (CIG).

Michael Blume
Allerdings wehrt sich Blume vehe-ment gegen das im Westen immer noch gängige Erklärungsmuster für diesen schockierenden Niedergang, das den Grund für die Überwältigung und Zerstörung der islamischen Gesellschaften und Institutionen im Wesentlichen auf die Rolle westlicher Imperien und Kolonialmächte sieht. Diese Erklärung, so Blume, würde gerade nicht die Frage beantworten, wie es denn überhaupt so weit kommen konnte, „dass die mächtigen, islamischen Reiche nach Jahrhunderten der auch militärischen Expansion plötzlich in die Defensive gerieten und unterworfen werden konnten.“

„Schützt den Islam vor den Fanatikern,
sonst müsst ihr die Welt vor dem Islam schützen.“

Dieses populäre, türkische Sprichwort wird Mevlana Rumi zugeschrieben, dem großen, islamischen Mystiker des 13. Jahrhunderts, auf den unter anderen die „tanzenden Derwische von Konya“ zurückgehen.

Es dient Blume als Leitfaden bei der Suche nach Antworten auf die Frage, wieso ab dem 18. Jahrhundert der Zerfall und Niedergang der islamischen Staatenwelt einsetzte und bis heute noch nicht beendet ist.

Blume zufolge gibt es ein Schicksalsjahr, an dem sich die Erstarrung und der bis heute reichende Niedergang der islamischen Welt festmachen lässt. Es ist das Jahr 1485.  Das Osmanische Reich steht am Gipfel seiner Macht. Erst wenige Jahrzehnte zuvor, 1453, haben die Osmanen Konstantinopel erobert, das alte Byzanz und die Hauptstadt des oströmischen Reiches.

Bazazid II (1447-1512)
In unmittelbarer Nähe der Hagia Sophia residiert nun Sultan Bayazid II., ein mächtiger und auch gelehrter Herrscher. Seine Truppen sind längst tiefer nach Europa eingedrungen und haben große Teile des Balkans erobert, Aber der Sultan hat auch großmütig jüdische und muslimische Flüchtlinge aus Andalusien aufgenommen und dabei über die intoleranten Spanier gespottet, die ihre besten, gebildeten Bürger in sein blühendes Reich treiben.

Im Jahre 1485 bat nun eine Delegation von Kaufleuten bei der Hohen Pforte in Istanbul um Erlaubnis, eine ganz bestimmte Maschine aus Europa einführen und aufbauen zu dürfen: Eine Druckerpresse mit beweglichen Lettern.

Auch wenn die Überlieferungen leider lückenhaft sind, so spricht doch viel für die Annahme, dass es die Ulama waren, die osmanisch-islamischen Schriftgelehrten, die den Sultan dringend vor der Erlaubnis warnten.

Schließlich galt Arabisch als die heilige Sprache des Koran und ihre Beherrschung war wenigen, ehrwürdigen Männern vorbehalten, die dazu eine jahrelange Ausbildung durchliefen. Wenn nun diese heilige Kunst plötzlich entwertet und den Marktplätzen ausgeliefert würde, dann – so befürchteten die Ulama – würde auch die tragende Säule des osmanischen Reiches gefährdet sein.

Und so verbot Sultan Bayazid II. um 1485 den Buchdruck arabischer Lettern bei Todesstrafe. Sein Sohn und Nachfolger Selim, der auch als erster Osmane den Kalifentitel annehmen würde, bestätigte dieses Verbot um 1515 noch einmal und es blieb bis ins 18. Jahrhundert in Kraft.

Buchdruckerwerkstatt

Und da in arabischen Lettern auch Osmanisch und Persisch geschrieben wurde, blieb die Buch- und Lesekultur in der islamischen Welt tatsächlich auf kleine und häufig nichtmuslimische Eliten beschränkt.

Natürlich förderte der Buchdruck nicht nur die Verbreitung von guten und gelehrten Werke. Stattdessen dominierten schon damals - wie heute im Internet auch – oft üble Pamphlete, Provokationen, Sensationsberichte und Verschwörungsmythen.

Erstausgabe der Lutherbibel (1534)
Den Wendepunkt markierte die Übersetzung der Bibel durch Martin Luther. Im September 1522 war eine erste Auflage des Neuen Testaments fertig, ab 1534 lag eine deutsche Vollbibel vor, an der Luther zeitlebens weiter Verbesserungen anbrachte.

Luther forderte nun, dass alle Menschen – auch Frauen – Lesen und Schreiben lernen sollten. Und er begründete auch selbst das beispielgebende, evangelische Pfarrhaus, in dem die Eltern den Kindern nicht mehr Land und Luxus zu vererben versuchten, sondern „Bildung“.

Dieser Begriff verweist darauf, dass jeder Mensch nach Gottes Ebenbild geformt und also aufgerufen sei, seine ganzen Potentiale auszubilden. Heute ist die mit diesem Begriff verknüpfte geistesgeschichtliche Revolution kaum noch nachvollziehbar. Das Privileg der religiösen Elite auf die Schrift endete jedenfalls mit dem Buchdruck!

Zwar zerbrach die Kirche entlang von Sprachgrenzen und Europa taumelte – nach der Phase der Konfessionskriege – schließlich in die Aufklärung und damit in die Moderne.

Das Osmanische Reich blieb demgegenüber weitergehend stabil – und erstarrte. Die technologische und militärische Überlegenheit ging schleichend verloren nach dem letzten Versuch, Wien einzunehmen (1683), begann der langsame und quälende Verfall des „kranken Mannes am Bosporus“.

Zwar öffnete im 18. Jahrhundert die erste Buchdruckerei in Istanbul ihre Türen – allerdings durften keine religiösen Werke gedruckt werden, doch da es an Lesern und damit an Nachfrage fehlte, musste die Druckerei bald wieder schließen.

Um 1800 konnte bereits die Hälfte der deutschsprachigen Bevölkerung Lesen und Schreiben. Im Osmanischen Reich aber lag der Anteil der Menschen, die Lesen und Schreiben konnte, weiterhin bei nur zwei Prozent!

Diesen riesigen Bildungsabstand hat die islamische Welt bis heute nicht aufgeholt und nicht verdaut. Eine Tatsache mag dies drastisch veranschaulichen: 2013 wiesen die USA 244.000 Patente aus, Japan sogar 340.000, China 154.000 und Südkorea 123.000. Deutschland war mit 82.000 Patenten dabei, Frankreich mit 43.000 und Großbritannien mit 22.000. Der gesamte arabische Raum mit über 370 Millionen Menschen erreichte 2013 lediglich 1.800 Patentanmeldungen.


Zitate aus: Michael Blume: Eine Religion am Ende? Die Krise des Islam, SWR2 Wissen: Aula, Sendung vom 31. Dezember 2017, Redaktion: Ralf Caspary, Produktion: SWR 2017

Weitere Literatur: Michael Blume: Islam in der Krise. Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug. Patmos 2017   -   Ders.: Evolution und Gottesfrage. Charles Darwin als Theologe. Herder 2013   -   Ders.: Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube nützt. Zur Evolution der Religiosität. Hirzel 2012