Donnerstag, 26. April 2018

Kassandra und der Umgang mit Krisen


Karoline Bär als Kassandra (2012)
"Orestie" des Aischylos, Regie: P. Bernhardt
Kassandra, Tochter des trojanischen Königs, besaß die prophetische Gabe, zukünftiges Unheil vorauszusehen – allerdings verbunden mit dem Fluch, niemals Gehör zu finden. Diese mythische Figur wurde im Verlauf der Jahrhunderte nicht zufällig wieder und wieder aktualisiert und interpretiert. Sie steht für den Umgang mit der Wahrheit, die man zugleich sucht und umgehen will. So werden auch Symptome drohender Krisen bereits im Vorfeld abgewehrt. Für Jürgen Wertheimer, Professor für Internationale Literatur an der Universität Tübingen, Grund genug, um über diesen fatalen Mechanismus nachzu-denken.

Das Schlimmste, was einem voraus-schauenden Menschen geschehen kann, ist dass seine begründeten Warnungen als „Kassandrarufe" eingestuft und damit meist abgetan oder zumindest belächelt werden. Das dunkle Erbe der Seherin, deren Begabung in die Zukunft blicken zu können zum Fluch wird, spukt noch immer durch das kollektive Halbbewusstsein und wird als bewährte Abwehrstrategie gegen unerwünschte Warner und Warnungen eingesetzt.

Ohnmächtig muss die Geschlagene zusehen, wie sich das von ihr vorhergesehene und vorausgesagte Schicksal erfüllt. In seiner Ballade „Kassandra“ lässt Friedrich Schiller die Unglückliche verzweifeln und gegen ihre fatale Berufung aufbegehren:

"Warum gabst du mir zu sehen,
Was ich doch nicht wenden kann?/.../
Nur der Irrtum ist das Leben,
Und das Wissen ist der Tod.“

Apollos Fluch als Ursache dieses seherischen Debakels ist natürlich nur die mythologische Einkleidung für eine Eigenart des menschlichen Verhaltens, die offenbar bereits in der griechischen Antike augenscheinlich war: die enorme Fähigkeit des Menschen zur Unbelehrbarkeit bei allen entscheidenden Fragen.

Das Phänomen der Unbelehrbarkeit ist umso gravierender und paradoxer, als der Abwehr unerwünschter Vorhersagen seit der Antike ein boomender Markt von Orakeln, Propheten und Horoskopen gegenübersteht. Das Delphische Orakel erreichte geradezu staatserhaltende Dignität. Druiden und professionelle Seher wurden zu Kultfiguren. Ganz offensichtlich ist der Mensch zukunftssüchtig und -scheu zugleich. Es ist sicher kein Zufall, dass mit Kassandra und Pythia gleich zwei Profis des vorausschauenden Gewerbes bereits am Anfang der kulturellen Entwicklung Europas stehen. Denn die Menschen suchen nicht nur Rat, sie sind förmlich süchtig danach und sogar bereit, dafür zu zahlen.


Max Klinger: Kassandra (Hamburger Kunsthalle, Juli 2013)

Wie die Menschen mit den erworbenen oder aufoktroyierten Ratschlägen dann umgehen, ist eine andere, weit schwierigere Frage. Dass sich ein klug reflektierter Lernprozess, ein durchdachter Verhaltensplan an den Beratungs-vorgang anschlösse, ist eher die Ausnahme. Um die menschliche Fähigkeit, Eindrücke und Informationen unbeeinflusst zu sammeln, Wahrnehmungen klug zu verarbeiten, um dann daraus die optimalen Schlüsse für ein angemessenes Verhalten zu ziehen, steht es jedenfalls nicht besonders gut.

In Max Frischs Stück „Biedermann und Brandstifter“ kann man die Stadien dieser Selbstblockade minutiös verfolgen und die Faktoren heraus destillieren, die den Menschen daran hindern, präventiv zu agieren. Hochmut, Trägheit und Eitelkeit spielen dabei auf frappierende Art zusammen:

„Wenn man jedermann für einen Brandstifter hält, wo führt das hin? Man muss auch ein bisschen Vertrauen haben. Ein bisschen Vertrauen.“

Umgekehrt versteht es die andere Seite sehr gut, mit einer der eigentümlichsten Verhaltensweisen, der Lust, Fakten zu ignorieren, ihr Spiel zu treiben, denn, so die Formulierung eines der späteren Brandstifter:

„Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste ist Sentimentalität. Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand.“

Immer dann, wenn die Tatsachen schließlich auf dem Tisch liegen, wenn eine wie Kassandra explizit warnt, vor der List der Griechen, vor Helena, vor dem hölzernen Pferd, dann wird umgeblättert oder weggehört.

Am drastischsten wird die tragische Situation der Seherin, der keiner Glauben schenkt, in der Orestie des Aischylos dargestellt. Kassandra „sieht“, „riecht“ das Mordkomplott, das sich im Haus des zurückgekehrten Agamemnon in wenigen Stunden abspielen wird – um sie herum das Volk, der Chor, ratlos und ungläubig und verstört.

Verstört nicht zuletzt durch die Wucht, das poetische Pathos ihrer „seherischen Rede“, die hoch erregt, in nahezu unkontrollierten Stößen aus ihr herausbricht und sie gleichzeitig befeuert und quält. Um es klar zu sagen: in allen ihren Vorahnungen, in ihrem Vorwissen liegt Kassandra hier wie zuvor in Troja zu hundert Prozent richtig. Und dennoch zögert die Öffentlichkeit, die Botschaft wahrhaben zu wollen.

Die Argumente scheinen auch Heutigen nicht ganz unvertraut. Eines davon hat schlicht mit Angst zu tun, Angst mit Unangenehmen konfrontiert zu werden, panischer Angst:

„Weh! Welchen Dämon rufst du auf, in diesem Haus
 ... Fröhlich macht dein Wort mich nicht!
Nein, in das Herz zurück stürzt mir in dumpfer Angst
Das Blut totenbleich, wie der Verwundeten
Brechendes Auge der Tod tief in Nacht hüllt“

Ein weiteres Abwehrargument verweist auf schlechte Erfahrungen und ein allgemeines Unbehagen, verbunden mit der vermutlich vorgeschobenen Behauptung der eigenen Inkompetenz im Umgang mit der Deutung von unbekannten Vorzeichen:

„Nicht großer Kunde rühm ich mich im Deuten von
Orakelsprüchen; ...
Wo ist ein freundlich Wort von den Orakeln je
Den Sterblichen gesandt?“

Und schließlich fehlt in der Reihe der Gründe für die abweisende Haltung der – bereits zum Greifen nahen – Prophezeiungen auch nicht der Hinweis auf eventuelle Defekte der Seherin:

„Dich hat ein Gott verwirrt,
Dir das Gemüt verstört, ...
Sag, welcher schwererzürnte Gott
Erfasst überstark dich, ...
Dass Wehklage du, Jammer des Todes du singst?“

Abwehr und Abkehr, obwohl bereits die Schreie und der Blutgeruch aus dem Palast dringen. Aischylos hat wahrhaft gut beobachtet, wie weit die Fähigkeit zur Ausblendung unerwünschter Wirklichkeit reicht.


Ajax mit Kassandra die am Abbild der Athene um Hilfe bittet, Aeneas mit Anchises verlassen die Stadt ... (Neapel, Museo Archeologico Nazionale)

Welche Faktoren müssen zusammenkommen, dass ein derartiger Verlust an Wirklichkeitsbindung eintreten kann und man die Warnerin und Aufklärerin in die Nähe von Paranoia und Krankheit rückt?

Und zudem einen verhängnisvollen Zirkel in Gang setzt: denn je mehr die Seherin sich abgewiesen sieht, umso stärker wird ihr Bedürfnis, sich mitzuteilen, umso verzweifelter und exaltierter erscheinen ihre Versuche, durchdringen zu wollen – was wiederum zur Folge hat, dass sie unwillentlich den Grad der Isolation um sich her nur noch weiter vergrößert.

Auf der Bühne wird dies geradezu körperlich greifbar, wenn das Kollektiv von ihr auch räumlich abrückt und sie im Abseits stehen lässt. Vielleicht auch, weil man sie bereits allzu automatisch mit der Rolle der notorisch unerwünschten Ratgeberin identifizierte.

Kassandra hat nur dann eine Chance, wenn wir bereit sind, uns dem Potential ihrer Warnungen willentlich zu öffnen. Nur dann würde sich etwas für sie ändern und sie müsste sich nicht mehr wie noch bei Schiller diese verfluchte, frustrierende Gabe vom Halse wünschen.

„Meine Blindheit gib mir wieder
Und den fröhlich dunkeln Sinn,
Nimmer sang ich freudge Lieder,
Seit ich deine Stimme bin.
Zukunft hast du mir gegeben,
Doch du nahmst den Augenblick,
Nahmst der Stunde fröhlich Leben,
Nimm dein falsch Geschenk zurück!“


Zitate aus: Jürgen Wertheimer: Kassandra und die Ignoranten. Der Umgang mit Krisen in postfaktischen Zeiten, SWR2 Wissen: Aula, Sendung vom 6. August 2017, Redaktion: Ralf Caspary, Produktion: SWR 2017

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