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Donnerstag, 18. April 2024

Hannah Arendt und die Revolution

Im Februar 1965 beginnt die amerikanische Luftwaffe mit der Bombardierung von Nordvietnam. In den USA formiert sich langsam und öffentlich ein breiter Widerstand gegen den Krieg in Asien. An vielen Universitäten wird der Protest zum Widerstand. In Berkeley, wo die ersten Unruhen ausbrechen, hindern Studenten einen Zug mit Soldaten an der Weiterfahrt.

Doch die Kritik an der amerikanischen Politik in Vietnam ist nicht der einzige Grund für die Studentenunruhen. Es geht auch um Mitbestimmung an den Universitäten und um einen Protest gegen die Benachteiligung schwarzer Studenten.

Hannah Arendt (1906 - 1975)

Hannah Arendt, die seit 1955 mit Lehraufträgen in Berkeley betraut, verfolgt die Vorgänge in der Universätit mit großem Interesse. „In Berkeley“, so schreibt sie an ihren Freund und Mentor Karl Jaspers, „haben sie alles durchgesetzt, was sie wollten  – und können und wollen nun nicht abblasen; nicht aus Bosheit oder Verhetztheit, sondern einfach, weil sie Blut geleckt haben, was es heißt, wirklich zu handeln, und nun, da die Ziele erreicht sind, nicht wieder nach Hause wollen. Das ist sehr gefährlich, gerade weil es sich um etwas ganz Echtes handelt.“

Was dieses „ganz Echte“ ist und warum es auch „gefährlich“ sein kann, das hat Hannah Arendt in ihrem Buch „Über die Revolution“ beschrieben, das bereits 1963 erschien, also noch vor den Unruhen in Berkeley und anderen amerikanischen Universitäten.

Das Buch knüpft an ihr Werk „Vita activa oder: Vom tätigen Leben“ an. In diesem Werk ging es darum, was eigentlich Handeln bedeutet – im Gegensatz zum Arbeiten und Herstellen. Handeln ist für Arendt zuerst die Initiative zu ergreifen, zusammen mit anderen etwas Neues beginnen.

In ihrem Buch über Revolution führt sie den Gedanken weiter: Revolution ist gewissermaßen Handeln im großen Maßstab, das Ereignis, mit dem in der Geschichte eine alte Ordnung über Bord geworfen und ein neuer Anfang gewagt wird. Der Mut und die Begeisterung, etwas Neues anzufangen, wobei man eigentlich keine rechte Vorstellung davon hat, was dabei herauskommt, das ist für Hannah Arendt etwas Mitreißendes, dieses „ganz Echte“, eine elementare Erfahrung von Freiheit.

Arendt interessiert sich vor allem für die Frage, was aus diesem ersten spontanen Impuls wird. D.h., es geht darum, wie man verhindern kann, dass der revolutionäre Anfang in Chaos und Gewalt endet. Anders formuliert: Wie kann man Einrichtungen und Absicherungen schaffen, um diesen Impuls zu erhalten und ihn zu stabilisieren?

„Hannah Arendt beantwortet diese Fragen anhand der zwei wohl bekanntesten Revolutionen in der Geschichte: der Französischen Revolution und der Amerikanischen Revolution. Diese zwei historischen Ereignisse sind für sie Musterbeispiele dafür, wann eine Revolution glücken kann und wann sie missglücken muss.“

Für Arendt ist offensichtlich, dass die Französische Revolution einen Verlauf zeige, der ab einem bestimmten Punkt von der ursprünglichen Richtung abweicht. „Dieser Punkt war erreicht, als es den gemäßigten Girondisten nicht gelang, eine neue Verfassung durchzusetzen, und die radikalen Jakobiner die Befreiung der Massen von Not und Leid zum obersten Ziel machten. „Die Republik? Die Monarchie? Ich kenne nur die soziale Frage“, rief Robespierre aus.

„Eben mit dieser neuen Fragestellung, so Hannah Arendt, habe sich die Revolution zum Scheitern verurteilt. Jetzt wurde das Mitleid mit dem Volk, mit den Unglücklichen und Notleidenden zur politischen Tugend.“ Mitleid aber ist für Hannah Arendt jedoch nur gegenüber einem einzelnen Menschen möglich. Gegenüber einer Masse wird es abstrakt und wirkt sich politisch verheerend aus. „Das Elend eines ganzen Volkes sprengt sozusagen das Fassungsvermögen des Mitleids und es neigt dann dazu, dieses maßlose Unglück auch mit maßlosen Mitteln abschaffen zu wollen, sprich mit Gewalt.“ So kommt es zu dem merkwürdigen Paradox, dass jemand aus Menschenliebe und Mitleid bereit ist, über Leichen zu gehen.

Französische Revolution: Der Terror als Herrschaftsmittel

„`Immer wieder´, schreibt Hannah Arendt, `war es die Maßlosigkeit ihrer Emotionen, welche die Revolutionäre so seltsam unempfindlich für das faktisch Reale und vor allem für die Wirklichkeit von Menschen machte, die sie immer bereit waren, für die Sache oder den Gang der Geschichte zu opfern.´“ Diese „emotionsgeladene Unempfindlichkeitentsteht dann, wenn das Handeln von Wut geleitet wird und wenn das Ziel nicht mehr Freiheit ist, sondern „die schiere Wohlfahrt und das Glück“ .

Die Amerikanische Revolution dagegen ist in den Augen von Arendt ganz verlaufen. In ihr spielte die soziale Frage so gut wie keine Rolle, weil das Land reich war und eine Massenarmut und wirkliches Elend wie in Frankreich nicht kannte. „Der `Fluch der Armut´, so Hannah Arendt, lag für die amerikanischen Revolutionäre nicht nur in der materiellen Not, sondern auch in der `Dunkelheit´, nämlich darin, dass man `von dem Licht der Öffentlichkeit ausgeschlossen ist´“.

Dementsprechend lag den Gründervätern der USA alles daran, Einrichtungen zu schaffen, die es so vielen wie möglich erlauben sollten, an der Meinungsbildung mitzuwirken. „Statt dem ominösen `Willen des Volkes´, auf den sich die französischen Revolutionäre beriefen und der im Grunde nur ein Freibrief für Willkür war, gab es in Amerika Versammlungsstätten wie die `townhall meetings´, wo die einfachen Leute wirklich ihre Meinung äußern konnten. Statt Gewalt bildete sich auf diese Weise Macht, die auf einem gemeinsamen Willen beruhte.“

Das Aushandeln der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung (John Trumbull) 

Nach Arendt war dabei eben der Grundgedanke, den revolutionären Aufbruch sozusagen immer wieder zu wiederholen. „Und das hing in erster Linie davon ab, ob und in welcher Weise es gelang, den Einfluss der Bürger auf die Politik zu erhalten. Die Repräsentation durch Abgeordnete sollte nicht nur ein bloßer Ersatz für die direkte Teilnahme des Volkes sein. Im Hinblick auf die weitere Entwicklung schreibt Hannah Arendt: `Für eine vernünftige Meinungsbildung bedarf es des Meinungsaustauschs; um sich eine Meinung zu bilden, muss man dabei sein; und wer nicht dabei ist, hat entweder – im günstigsten Fall – gar keine Meinung oder er macht sich in den Massengesellschaften des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts aus allen möglichen, konkret nicht mehr gebundenen Ideologien einen Meinungsersatz zurecht.´“

Im Rahmen der Studentenproteste an den amerikanischen Universitäten kommt es zu Sit-ins und Teach-ins und auch Vorlesungen werden bestreikt. Hannah Arendt sympathisiert mit den Studenten, bleibt aber auch skeptisch. Für sie ist wichtig, dass der Protest nicht ausufert und nicht der `Mob´ die Führung übernimmt. Nach einer Veranstaltung gegen den Vietnam-Krieg, an der sie teilgenommen hat, schreibt sie an Karl Jaspers: “Alles außerordentlich vernünftig und unfanatisch. So überfüllt, dass man kaum durchkam. Niemand schrie, niemand hielt Reden, und das in einer Art Massenveranstaltung. Wirkliche Diskussion und auch Information. Sehr angenehm.” – eben ganz in der Tradition der amerikanischen Revolution bzw. ganz im Stile der Townhalls!

 

Zitate aus: Alois Prinz: Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt, Weinheim 2013 (Insel)

Donnerstag, 11. August 2022

Hannah Arendt und die Freundschaft

Neben vielen Ehrungen und Preisen wurde Hannah Arendt im Jahre 1959 mit dem Lessing-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg ausgezeichnet. In ihrer Rede mit dem Titel „Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten“, die sie am 28. September 1959 bei der Entgegennahme des Preises hielt, vertrat Arendt die Ansicht, Kritik sei stets das Begreifen und Beurteilen im Interesse der Welt, woraus gleichwohl niemals eine Weltanschauung werden könne, „die sich auf eine mögliche Perspektive festgelegt hat“. 

Hannah Arendt

Statt „Geschichtsbesessenheit“ und „Ideologieverschworenheit“ sieht Arendt das Ziel und die Aufgabe der Menschen darin, das freie Denken, mit Intelligenz, Tiefsinn und Mut, „ohne das Gebäude der Tradition“, zu wagen. Eine absolute Wahrheit existiere nicht, da sie sich im Austausch mit anderen sofort in eine „Meinung unter Meinungen“ verwandle und Teil des unendlichen Gesprächs der Menschen sei, in einem Raum, wo es viele Stimmen gibt. Jede einseitige Wahrheit, die auf nur einer Meinung beruht, sei „unmenschlich“.

Im letzten Teil ihrer Rede konkretisiert Arendt ihre Vorstellung von Menschlichkeit am Beispiel der Freundschaft. Schon in der Antike galt die Auffassung, „dass ein menschliches Leben nichts weniger entbehren könne als Freunde, ha dass ein Leben ohne Freunde nicht eigentlich lebenswert sei.“ Man dürfe allerdings nicht den Fehler machen, „in der Freundschaft ausschließlich ein Phänomen der Intimität zu sehen, in der die Freund unbehelligt von der Welt und ihren Ansprüchen einander die Seelen öffnen.“

Hannah Arendt erinnert daher im Rückgriff auf Aristoteles an die politische Relevanz der Freundschaft, demzufolge „die philia, die Freundschaft zwischen den Bürgern, eines der Grunderfordernisse des gesunden Gemeinwesens sei.“

So mag es auch nicht verwundern, dass für die Griechen, „das eigentliche Wesen der Freundschaft im Gespräch“ lag, und „das dauernde Miteinander-Sprechen“ erst die Bürger zu einer Polis vereinige.“

„Im Gespräch manifestiert sich die politische Bedeutung der Freundschaft und der ihr eigentümlichen Menschlichkeit, weil dies Gespräch (im Unterschied zu den Gesprächen der Intimität, in welchen individuelle Seelen über sich selbst sprechen), so sehr es von der Freude an der Anwesenheit des Freundes durchdrungen sein mag, der gemeinsamen Welt gilt, die in einem ganz präzisen Sinne unmenschlich bleibt, wenn sie nicht dauernd von Menschen besprochen wird. 

Denn menschlich ist die Welt nicht schon darum, weil sie von Menschen hergestellt ist, und sie wird auch nicht schon dadurch menschlich, dass in ihr die menschliche Stimme ertönt, sondern erst, wenn sie Gegenstand des Gespräches geworden ist.“

Die Welt wird nur menschlich, wenn sie Gegenstand des Gespräches geworden ist.

Darin liegt Arendt zufolge die Macht des Gespräches: „Was nicht Gegenstand des Gespräches werden kann, mag erhaben oder furchtbar oder unheimlich sein, es mag auch eine Menschenstimme finden, durch die es in die Welt hineintönt; menschlich gerade ist es nicht. Erst indem wir darüber sprechen, vermenschlichen wir, was in der Welt ist, wie das, was in unserem eigenen Inneren vorgeht, und in diesem Sprechen lernen wir, menschlich zu sein.“

Diese Form der Menschlichkeit bezeichneten die Griechen mit dem Begriff philanthropia, „eine `Liebe zu den Menschen´, die sich darin erweist, dass man bereit ist, die Welt mit ihnen zu teilen. In der römischen humanitas habe die griechische Philanthropie zwar manche Änderung erfahren – u.a., dass Menschen verschiedener Herkunft und Abstammung das römische Bürgerrecht erhalten und so in das Gespräch zwischen Römern über die Welt und das Leben aufgenommen wurden -, aber der politische Hintergrund der griechischen Philanthropie blieb auch der römischen humanitas erhalten.

Zitate aus: Hannah Arendt: Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten. Rede am 28. September 1959 bei der Entgegennahme des Lessing-Preises der Freien und Hansestadt Hamburg, Hamburg 1999 (EVA)

Donnerstag, 25. Dezember 2014

Hannah Arendt und der Totalitarismus -Teil 7: Totale Herrschaft - Eine neue Staatsform

„Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1955 auf Deutsch erschienen) ist das vielleicht wichtigste, in jedem Fall umfangreichste Buch von Hannah Arendt. Auf insgesamt 1015 Seiten rekonstruiert sie einerseits die Entwicklung des Antisemitismus im 18. und 19. Jahrhundert sowie das Aufkommen des Rassismus und des Imperialismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert, andererseits entwirft sie eine umfassende Theorie des Totalitarismus, aufbauend auf den beiden historischen Formen totaler Herrschaft, dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus.

Arendt kommt am ihres Werkes zu dem Ergebnis, dass es sich bei der totalen Herrschaft um „eine neue, noch nie dagewesene Staatsform“ handelt, d.h., „dass sie auf einer menschlichen Erfahrung gegründet ist, die nie zuvor zur Grundlage menschlichen Miteinanderlebens gemacht worden ist, die politisch sozusagen noch niemals produktiv geworden ist“ (944).

Totale Herrschaft - Eine neue Staatsform
Die Originalität totalitärer Herrschaftsapparate wird zunächst schon darin deutlich, dass die Urteile über Staaten und Regierungen seit den Theorien der Antike auf der Unterscheidung zwischen gesetzmäßiger Regierung und tyrannisch-gesetzloser Willkür beruhen.

Im Totalitarismus nun tritt an die Stelle des positiv gesetzten Rechts das `Gesetz der Geschichte´ oder das `Recht der Natur´. Schon Engels hatte in seiner Grabrede auf Karl Marx folgende Worte gebraucht: „Just as Darwin discovered the law of development of organic life, so Marx discovered the law of development of human history“ (951, Anm.1). Die Geschichte oder die Natur ist demnach „eine Art von Instanz, wie sie das positive Recht, das immer nur konkrete Ausgestaltung einer höheren Autorität zu sein behauptet, selbst braucht und auf die es sich als Quelle seiner Legitimität immer irgendwie beruft“ (947).

Arendt beobachtet, dass das Wort `Gesetz´ in der totalitären Sprache seine Bedeutung grundlegend geändert hat: „Es deutet nicht mehr auf des Zaun des Gesetzes hin, dessen relative Stabilität den Raum der Freiheit schafft und behütet, in welchem menschliche Bewegungen und Handlungen stattfinden und sich abspielen; sondern es bezeichnet vorerst und wesentlich eine Bewegung. (…) So braucht totalitäre Herrschaft den Terror, um die Prozesse von Geschichte oder Natur loszulassen und ihre Bewegungsgesetze in der menschlichen Gesellschaft durchzusetzen“ (953).

Arendt entwickelt die Idee des Totalitarismus als neuer Staatsform in bewusster Nachfolge Montesquieus, der in seinem Werk „Vom Geist der Gesetze“ bekanntlich zwischen den Staatsformen Monarchie, Republik und Tyrannis unterschied.

Danach hat die Monarchie ihr Wesen in gesetzlicher Regierung, in der die Macht in den Händen eines einzigen Monarchen liegt. „Gehandelt wird in ihr nach dem Prinzip der Ehre, das auf dem Wunsch nach Auszeichnung beruht“ (954). Die Republik wiederum hat ihr Wesen in verfassungsmäßiger Regierung, in der die Macht in den Händen des Volkes liegt. „Gehandelt wird in ihr nach dem Prinzip der Tugend, das auf der Liebe zur Gleichheit beruht“ (954). Die Tyrannis schließlich hat ihr Wesen in gesetzloser Herrschaft, „in der Macht von der Willkür eines einzelnen ausgeübt wird; ihr Prinzip des Handelns ist die Furcht“ (954).

Das Wesen totalitärer Herrschaft aber ist Arendt nach der Terror, „der aber nicht willkürlich und nicht nach den Regeln des Machthungers eines einzelnes (wie in der Tyrannis), sondern in Übereinstimmung mit außermenschlichen Prozessen und ihren natürlichen oder geschichtlichen Gesetzen vollzogen wird. Als solcher ersetzt er den Zaun des Gesetzes, in dessen Umhegung Menschen in Freiheit sich bewegen können, durch ein eisernes Band, das die Menschen so stabilisiert, dass jede freie, unvorhergesehene Handlung ausgeschlossen wird“ (955).

Terror: Das Wesen totalitärer Herrschaft
(© by Klemens ETZ)
Es lässt sich bei den totalitären Regimes gut beobachten, dass jede Gewaltherrschaft die Zäune der Gesetze dem Erdboden gleichmachen muss. „Totalitärer Terror, sofern er dies in seinen Anfangsstadien auch tut, unterscheidet sich nicht prinzipiell von anderen Formen der Tyrannis. Nur dass dieser nicht den willkürlich-tyrannischen Willen eines einzelnen über die ihres Schutzes beraubten und zu Ohnmacht verdammten Menschen loslassen will, noch die despotische Macht eines einzigen gegen alle anderen, noch, und am allerwenigsten, die Anarchie eines Krieges aller gegen alle“ (957).

Während sich die Tyrannis mit der Gesetzlosigkeit begnügt, setzt der totale Terror an die Stelle der Zäune des Gesetzes und der gesetzmäßig etablierten und geregelten Kanäle menschlicher Kommunikation ein eisernes Band, das alle so eng aneinander schließt, dass nicht nur der Raum der Freiheit, wie er in verfassungsmäßigen Staaten zwischen den Bürgern existiert, sondern auch „die Wüste der Nachbarlosigkeit und des gegenseitigen Misstrauens, die der Tyrannis eigentümlich ist, verschwindet, und es ist, als seien alle zusammengeschmolzen in ein einziges Wesen von gigantischen Ausmaßen“ (957f).

Die Furcht wiederum entsteht in der Tyrannei dadurch, dass der Raum der Freiheit, den die Gesetze umhegten, von der Willkür des Tyrannen in eine Wüste verwandelt ist. Aber selbst in der Wüste gibt es noch ein Minimum menschlichen Kontakts, „sie bewahrt noch eine Spur jenes Raumes, den menschliche Freiheit braucht, um wirklich zu werden. In ihre bewegen sich Menschen noch und begegnen einander, beraten von den Prinzipien der Furcht und des Misstrauens. Furcht und Misstrauen können aber keine Ratgeber mehr sein, wenn unter totalitärer Herrschaft der Terror beginnt, seine Opfer nach objektiven Merkmalen, ohne allen Bezug auf irgendwelche Gedanken oder Handlungen der Betroffenen, auszuwählen“ (960).

Wenn der Terror das Wesen der totalitären Herrschaft ist, dann rechnet sie strenggenommen überhaupt nicht mehr mit handelnden Menschen und kann daher auch kein eigentliches Prinzip des Handelns, auch nicht das der Furcht, gebrauchen.

"Vier Beine gut - Zwei Beine schlecht"
An seine Stelle eines Handlungsprinzips setzt der Totalitarismus ihre „wissenschaftliche Weltanschauung“, also etwas, das mit dem menschlichen Willen zum Handeln nichts mehr zu tun hat, dafür aber die Menschen lehrt, die Bewegungsgesetze zu verstehen, „die der Terror vollstreckt und die ja angeblich von Geschichte und Natur über eine ihnen ausgelieferte Menschheit ohnehin verhängt worden sind“ (961).

So ist das vielleicht wichtigste Merkmal des Totalitarismus der Anspruch auf totale Welterklärung, der nicht nur die totale Erklärung alles geschichtlich sich Ereignenden verspricht, also die totale Erklärung des Vergangenen, totales Sich-Auskennen im Gegenwärtigen und verlässliches Vorhersagen des Zukünftigen, sondern als ideologisches Denken auch und vor allem völlig unabhängig von aller konkreten Erfahrung ist" (964).

Arendt erkennt das eigentliche Wesen der Ideologie darin, aus einer Idee eine Prämisse zu machen, aus einer Einsicht in das, was gegenwärtig ist, eine Voraussetzung für das, was sich in der Zukunft zwangsläufig ereignen soll. Werden aber die Aussagen der Ideologie bzw. wissenschaftlichen Weltanschauung buchstäblich ernst genommen, dann entstehen Konsequenzen, „von denen sich der gesunde Menschenverstand, der sich an der Wirklichkeit auch dann orientiert, wenn er von ihr gelegentlich irregeführt wird, nichts hatte träumen lassen" (967).

Dasjenige, was nach Montesquieu den Geist der Gesetze "in einer jeden politischen Formation garantiert, ist die Grunderfahrung, aus der das jeweils verschiedene Prinzip öffentlichen Handelns entspringt und die als solche das Gemeinsame ist, was Struktur der Staatsform Im Anschluss an Montesquieu sieht Arendt die politisch ausschlaggebende gemeinsame Grunderfahrung aller Menschen in einer Republik die Erfahrung, dass alle Menschen gleich sind. „Dieser Gleichheit entsprechen republikanische Gesetze, und aus der Liebe zu ihr, die Tugend ist, entspringt republikanisches Handeln.“

Gleichheit: Die Grunderfahrung in der Republik
Gleichheit in einer Republik aber meint weder Gleichheit aller Menschen vor Gott und auch nicht die Gleichheit allen menschlichen Schicksals vor dem Tod, sondern die Gleichheit menschlicher Stärke. „Dass wir gleich geboren werden, heißt politisch nur, dass wir - bei aller Verschiedenheit der Anlagen - von Natur mit gleicher Stärke ausgestattet sind. (Gleichheit konnte Hobbes daher im Leviathan als eine 'equality of ability' zu töten definieren.) Die Grunderfahrung der Republik ist das Zusammensein mit gleich starken Mitbürgern; die republikanische Tugend, die das öffentliche Leben in ihr durchwaltet, ist die Freude, nicht allein zu sein; denn nur weil wir von Natur gleich, mit gleicher Kraft begabt sind, sind wir miteinander zusammen. allein sein heißt immer, zu existieren ohne seinesgleichen" (971f).

In einer Monarchie ist die politisch ausschlaggebende Grunderfahrung die Erfahrung, „dass wir durch Geburt einer vom anderen verschieden und auf eine natürliche Weise voneinander und voreinander ausgezeichnet sind. Der Liebe zur Auszeichnung, die Ehre ist, muss die monarchische Gesetzgebung gerecht werden, denn sie bestimmt das Handeln in einer Monarchie. Im Zusammensein mit anderen, aber auch im Kampf mit ihnen kann sich der Einzelne auszeichnen und zu dem kommen, „was jeder wahrhaft sein eigen nennen darf; die Ehre, die das öffentliche Leben in ihr durchwaltet, ist die Freude, dies Eigene gefunden und in öffentlicher Anerkennung bestätigt zu haben" (972).

Ehre: Die Grunderfahrung in der Monarchie
Wenn Arendt dieses Schema auf die totalitäre Herrschaft anwendet, dann tut sie dies zunächst unter Zuhilfenahme der Tyrannis, als derjenigen „Staatsform, mit der die totalitäre Herrschaft zweifellos am meisten Ähnlichkeit hat" (973).

In der Tyrannis steht die „Furcht als Prinzip öffentlich-politischen Handelns in engstem Zusammenhang mit jener Grundangst, die wir alle in Situationen völliger Ohnmacht erfahren haben, nämlich in Situationen, in denen wir aus gleich welchen Gründen nicht handeln können“ (973).

Die Grunderfahrung menschlichen Zusammenseins, die in totalitärer Herrschaft politisch realisiert wird, ist die Erfahrung der Verlassenheit: „Verlassenheit entsteht, wenn aus gleich welchen personalen Gründen ein Mensch aus dieser Welt hinausgestoßen wird, oder wenn aus gleich welchen geschichtlich-politischen Gründen diese gemeinsam bewohnte Welt auseinander bricht und die miteinander verbundenen Menschen plötzlich auf sich selbst zurückwirft. (…) In der Verlassenheit sind Menschen wirklich allein, nämlich verlassen nicht nur von anderen Menschen und der Welt, sondern auch von dem Selbst, das zugleich jedermann in der Einsamkeit sein kann. So sind sie unfähig, den Zwiespalt der Einsamkeit zu realisieren, und unfähig, die eigenen, von den anderen nicht mehr bestätigte Identität mit sich selbst aufrechtzuerhalten. In dieser Verlassenheit gehen Selbst und Welt, und das heißt echte Denkfähigkeit und echte Erfahrungsfähigkeit, zugleich zugrunde“ (977).

Verlassenheit: Die Grunderfahrung im Totalitarismus
Was den modernen Menschen dabei so leicht in die totalitären Bewegungen jagt und sie so gut vorbereitet für die totalitäre Herrschaft, ist für Arendt die überall zunehmende Verlassenheit. „Es ist, als breche alles, was Menschen miteinander verbindet, in der Krise zusammen, so dass jeder von jedem verlassen und auf nichts mehr Verlass ist. Das eiserne Band des Terrors, mit dem der totalitäre Herrschaftsapparat die von ihm organisierten Massen in eine entfesselte Bewegung reißt, erscheint so als ein letzter Halt und die `eiskalte Logik´, mit der totalitäre Gewalthaber ihre Anhänger auf das Ärgste vorbereiten, als das einzige, woraus wenigstens noch Verlass ist“ (978).

Arendt gibt zu, dass Furcht eigentlich gar kein Prinzip des Handels ist, sondern nichts anderes ist als die Verzweiflung, nicht handeln zu können. „Innerhalb des politischen Bereichs ist sie eine Art antipolitisches Prinzip. Darum meint Montesquieu, dass die von ihr beseelte Tyrannis die einzige Staatsform sei, die an sich selbst zugrunde geht, die den Kern des eigenen Verderbens in sich trägt. Es bedarf äußerer Umstände, um Monarchien zu Fall zu bringen oder Republiken zu verderben; bei der Tyrannis ist dies Verhältnis genau umgekehrt: sie verdankt ihren Bestand immer nur äußeren Umständen; sich selbst überlassen, geht sie an sich selbst zugrunde“ (973).

Ausgehend von der aus der Antike herrührenden Einsicht erklärt Arendt, dass insbesondere die Staatsformen, die auf der Gleichheit ihrer Bürger beruhen, in besonders großer Gefahr stehen, in Tyranneien umzuschlagen: „Wenn die republikanischen Gesetze, deren Sinn immer ist, die natürliche Kraft jedes einzelnen Bürgers so zu begrenzen, dass Raum bleibt für die als gleich angesetzte Stärke seiner Mitbürger, zusammenbrechen, entsteht ein Chaos“ (973f).

Wäre also totalitäre Herrschaft nichts anderes als eine moderne Form der Tyrannei, so würde sie sich ebenso damit zufriedengeben, die politische Sphäre der Menschen zu zerstören, also ihr Handeln zu verwehren und Ohnmacht zu erzeugen. Totalitäre Herrschaft aber wird wahrhaft total in dem Augenblick – und sie pflegt sich dieser Leistung auch immer gebührend zu rühmen –, „wenn sie das privat-gesellschaftliche Leben der ihr Unterworfenen in das eiserne Band des Terrors spannt. Dadurch zerstört sie einerseits alle nach Fortfall der politisch-öffentlichen Sphäre noch verbleibenden Beziehungen zwischen Menschen und erzwingt andererseits, dass die also völlig Isolierten und voneinander Verlassenen zu politischen Aktionen (wiewohl natürlich nicht zu echtem politischen Handeln) wieder eingesetzt werden können“ (975).

Totale Herrschaft raubt den Menschen ihre Fähigkeit zum Handeln

Auf diese Weise raubt totalitäre Herrschaft den Menschen nicht nur ihre Fähigkeit zu handeln, „sondern macht sie im Gegenteil, gleichsam als seien sie alle wirklich nur ein einziger Mensch, mit unerbittlicher Konsequenz zu Komplizen aller von dem totalitären Regime unternommenen Aktionen und begangenen Verbrechen“ (975).

Zitate aus: Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 2009 (piper)


Donnerstag, 11. Dezember 2014

Hannah Arendt und der Totalitarismus - Teil 6: Totale Herrschaft - Die Konzentrationslager

„Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1955 auf Deutsch erschienen) ist das vielleicht wichtigste, in jedem Fall umfangreichste Buch von Hannah Arendt. Auf insgesamt 1015 Seiten rekonstruiert sie einerseits die Entwicklung des Antisemitismus im 18. und 19. Jahrhundert sowie das Aufkommen des Rassismus und des Imperialismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert, andererseits entwirft sie eine umfassende Theorie des Totalitarismus, aufbauend auf den beiden historischen Formen totaler Herrschaft, dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus.

Der außerordentlich blutige Terror im Anfangsstadium einer totalen Herrschaft dient vor allem dazu, den politischen Gegner zu erledigen und alle Opposition unmöglich zu machen. Der totale Terror aber erst dann entfesselt, wenn das Anfangsstadium überwunden ist und das Regime keinerlei Opposition mehr zu fürchten hat.

Auschwitz

Die Konzentrations- und Vernichtungslager im Totalitarismus haben hierbei die Funktion von Laboratorien, „in denen experimentiert wird, ob der fundamentale Anspruch der totalitären Systeme, dass Menschen total beherrschbar sind, zutreffend ist. Arendt zufolge handelt es sich „darum, festzustellen, was überhaupt möglich ist, und den Beweis dafür zu erbringen, dass schlechthin alles möglich ist“ (907).

Zwar ist uns nichts von dem, was sich in den Lagern abgespielt hat,  „unbekannt aus perversen und bösartigen Phantasiewelten“, doch urplötzlich stellt sich heraus, „dass das, was die menschliche Phantasie seit Jahrtausenden in ein Reich jenseits menschlicher Kompetenz verbannt hat, tatsächlich herstellbar ist“ (919f).

In keinem Fall sind die Konzentrationslager um der möglichen Arbeitsleistung willen eingerichtet worden. Vielmehr hängt die Unglaubwürdigkeit der Gräuel aufs engste mit ihrer ökonomischen Zwecklosigkeit zusammen. Die Nazis haben diese Zwecklosigkeit sogar bis zur offenen Zweckwidrigkeit betrieben, „als sie mitten im Kriege und bei offenbaren Mangel an rollendem Material Millionen von Juden transportierten und riesige, kostspielige Vernichtungsfabriken anlegten“ (918).

Totale Herrschaft geht davon aus, alle Menschen in ihrer unendlichen Pluralität und Verschiedenheit neu zu organisieren, „als ob sie alle zusammen nur einen einzigen Menschen darstellten.“ Das Ziel dabei ist, „jeden Menschen auf eine sich immer gleichbleibende Identität von Reaktionen zu reduzieren, so dass jedes dieser Reaktionsbündel mit jedem anderen vertauschbar ist“ (ebd.).

Sachsenhausen

Insofern dienen die Lager nicht nur der Ausrottung von Menschen, der Erniedrigung von Individuen, sondern auch „dem ungeheuerlichen Experiment, unter wissenschaftlich exakten Bedingungen Spontaneität als menschliche Verhaltensweise abzuschaffen und Menschen in ein Ding zu verwandeln, das unter gleichen Bedingungen sich immer gleich verhalten wird, also etwas, was selbst Tiere nicht sind; denn der Pawlow´sche Hund, den man bekanntlich darauf dressiert hatte, nicht zu essen, wenn er hungrig war, sondern wenn eine Glocke ertönte, war ein pervertiertes Tier“ (908).

Dabei hängt das Experiment der totalen Herrschaft in den Konzentrationslagern vor allem davon ab, dass die Lager gegen die Welt der Lebenden vollkommen abgedichtet sind. „Mit dieser Abdichtung hängt die eigentümliche Unwirklichkeit und Unglaubwürdigkeit zusammen, die allen Berichten aus den Lagern innewohnt“ (908).

Daher sind die Berichte der Überlebenden von Konzentrations- und Vernichtungslagern für Arendt „von auffallender Monotonie“, denn „je echter diese Zeugnisse sind, desto kommunikationsloser sind sie, desto klagloser berichten sie, was sich menschlicher Fassungskraft und menschlicher Erfahrung entzieht.“ Mehr noch, die Ungeheuerlichkeit der begangenen Untaten „schafft automatisch eine Garantie dafür, dass den Mördern, die mit Lügen ihre Unschuld beteuern, eher Glauben geschenkt wird als den Opfern, deren Wahrheit den gesunden Menschenverstand beleidigt“ (908f).

 
Auschwitz

Das eigentliche Grauen der Konzentrations- und Vernichtungslager besteht nun darin, „dass die Insassen, selbst wenn sie zufällig am Leben bleiben, von der Welt der Lebenden wirksamer abgeschnitten sind, als wenn sie gestorben wären, weil der Terror Vergessen erzwingt. Der Mord geschieht also ganz ohne Ansehen der Person; er kommt dem Zerdrücken einer Mücke gleich (…) Es gibt keine Parallele zu dem Leben in den Konzentrationslagern“ (916f).

Der erste entscheidende Schritt ist die Tötung der juristischen Person, denn das Konzentrationslager steht immer außerhalb des normalen Strafvollzug, weil „die Insassen niemals `zur Ahndung von strafbaren oder sonst verwerflichen Taten´ eingeliefert werden“ (922).

Neben politischen Gefangenen und normalen Kriminellen fügte sich in Deutschland wie in Russland „ein drittes Element, das bald die Majorität aller Insassen bilden sollte. Diese größte Gruppe besteht aus Menschen, die überhaupt nichts getan haben, was, sei es in ihrem eigenen Bewusstsein oder im Bewusstsein ihrer Peiniger, in irgendeinem rationalen Zusammenhang mit ihrer Haft steht“ (925).

Dementsprechend waren die Gaskammern auch nicht als Abschreckungs- oder gar als Strafmaßnahme gedacht; sondern sie „waren bestimmt für Juden oder Zigeuner oder Polen `überhaupt´, und sie dienten letztlich dem Beweis, dass Menschen überhaupt überflüssig sind“ (926).

 
Auschwitz

Der nächste entscheidende Schritt in den Lagern ist die Ermordung der moralischen Person. „Dies geschieht wesentlich dadurch, dass zum ersten Mal in der Geschichte Märtyrertum unmöglich gemacht worden ist“ (929). In anderen Momenten hatte es die Möglichkeit gegeben, „sich auf das Gewissen zu berufen und seinen unsichtbaren Trost, dass es immerhin noch besser war, als Opfer zu sterben, denn als Beamter des Sterbens zu leben.“

Diesen individualistischen Ausweg der moralischen Person haben die totalitären Regierungen dadurch abgeschnitten, dass sie die Entscheidung des Gewissens selbst absolut fragwürdig und zweideutig gemacht haben. Die Alternative ist hier nicht mehr zwischen Gut und Böse, sondern zwischen Mord und Mord. Arendt zitiert hier das Beispiel von der Frau in Griechenland, das Camus in einem Vortrag erwähnte hatte. Die Nazis hatten ihr die Wahl überlassen, welches von ihren drei Kindern getötet werden solle:

„In der Schaffung von Lebensbedingungen, in denen Gewissen schlechthin nicht mehr ausreicht und das Gute unter keinen Umständen mehr getan werden kann, wird die bewusst organisierte Komplizität aller Menschen an den Verbrechen totalitärer Regime auch auf die Opfer ausgedehnt und damit wirklich `total´ gemacht“ (930, unter Verwendung von Albert Camus: Die Krise des Menschen, Vortrag an der Columbia Universität New York, März 1946).

Das eigentlich Grauenhafte der Lager nicht die spontane Vertiertheit – diese trat merklich zurück, nachdem die SS ihre Verwaltung übernommen hatte –, sondern die absolut kalte, absolut berechnende und systematische Zerstörung der menschlichen Körper zum Zwecke der Zerstörung der menschlichen Würde, „die sich genug in der Gewalt hatte, den Tod zu verhindern oder auf unabsehbar lange Zeit hinauszuschieben“ (932f).

 
Dachau

Dass die Zerstörung der Individualität nach Vernichtung der juristischen und Ermordung der moralischen Peron in nahezu allen Fällen gelingt, ist wohl einleuchtend, geht aber am klarsten aus dem Verhalten der Inhaftierten selbst hervor, der Tatsache, „dass die Millionen von Menschen sich widerstandslos in den Gastod haben abkommandiert lassen“ (934).

Die Zerstörung der Individualität ist identisch mit „der Ertötung der Spontaneität, der Fähigkeit des Menschen, von sich aus etwas Neues zu beginnen, das aus Reaktionen zu Umwelt und Geschehnissen nicht erklärbar ist. Was danach übrig bleibt, sind jene unheimlichen, weil mit wirklichen, menschlichen Gesichtern ausgestatteten Marionetten, die sich alle benehmen wie der Pawlowsche Hund, die alle bis in den Tod vollkommen zuverlässig reagieren und nur reagieren. Das ist der größte Triumpf des Systems“ (935).

Die Rolle der Lager im Totalitarismus wird aber auch deutlich, wenn man dessen Totalitätsanspruch wirklich ernst nimmt und von der Prämisse ausgeht, dass totale Herrschaft in diesem Stadium eben keine Utopie mehr ist: „Die Unzweckmäßigkeit der Lager, ihre zynisch zugestandene Zweckwidrigkeit, ist nur scheinbar. In Wahrheit dienen sie effektiver der Aufrechterhaltung der Macht des Regimes als jede andere seiner Institutionen. Ohne die Lager, ohne die unbestimmte Angst vor ihnen und ohne die sehr bestimmte Erziehung zu totaler Herrschaft, die nirgendwo sonst in ihren radikalsten Möglichkeiten ausprobiert werden könnte, kann eine totale Herrschaft weder ihr Kerntruppen fanatisieren noch ein ganzes Volk in kompletter Apathie erhalten. Herrscher wie Beherrschte würden nur zu schnell wieder in `bürgerlichen Schlendrian´ anheimfallen, kurz, sie würden sich in jener Richtung entwickeln, die alle vom gesunden Menschenverstand beratenen Beobachter so sehr vorauszusagen liebten“ (936).

Es geht dem Totalitarismus also nicht darum, „nur“ ein despotisches Regime über Menschen zu errichten, sondern ein System, durch das Menschen überflüssig gemacht werden. „Totale Macht ist nur zu leisten und zu gewährleisten, wenn es auf nichts anderes mehr ankommt als auf absolut kontrollierbare Reaktionsbereitschaft, auf restlos aller Spontaneität beraubte Marionetten. Menschen sind, gerade weil sie so mächtig sind, vollkommen nur dann zu beherrschen, wenn sie Exemplare der tierischen Spezies Menschen geworden sind“ (937).

Konzentrations- und Vernichtungslager

Während die totale Herrschaft also einerseits „alle Sinnzusammenhänge zerstört, mit denen wir normalerweise rechnen und in denen wir normalerweise handeln, errichtet sie andererseits eine Art Suprasinn, durch den in absoluter und von uns niemals erwarteter Stimmigkeit jede, auch die absurdeste Handlung und Institution ihren `Sinn´ empfängt.“ Über die Sinnlosigkeit der totalitären Gesellschaft thront der Suprasinn der Ideologien, die behaupten, den Schlüssel zur Geschichte oder die Lösung aller Rätsel gefunden zu haben.

Hierbei zeigt sich für Arendt nachträglich, dass die Ideologien des 19. Jahrhunderts und die kuriosen `Weltanschauungen´ des wissenschaftlichen Aberglaubens und der Halbbildung nur so lange harmlos sind, als niemand im Ernst an sie glaubt. Sobald ihr Anspruch auf absolute und totale Geltung erst genommen wird, „entwickeln sie sich zu logischen Systemen, in denen nun jegliches zwangsläufig folgt, weil eine Prämisse axiomatisch angenommen ist“ (939).

In diesem bekannten Wunsch, ein eindeutiges Weltbild, eine in sich stimmige Weltanschauung zu haben, der aus der Erfahrungsunfähigkeit der modernen Massen stammt und der eigentliche Motor aller Ideologien ist, „liegt bereits jene Verachtung für Wirklichkeit und Tatsächlichkeit in ihrer unendlich variierenden und nie einheitlich zu fassenden reinen Gegebenheit, die eines der hervorstechenden Merkmale der totalitären fiktiven Welt bildet“ (939).

In dem Bestreben, den Beweis dafür zu erbringen, dass alles möglich ist, hat die totale Herrschaft schließlich entdeckt, dass es ein radikal Böses wirklich gibt und dass es in dem besteht, was Menschen weder bestrafen noch vergeben können. „Als das Unmögliche möglich wurde, stellte sich heraus, dass es identisch ist mit dem unbestrafbaren, unverzeihlichen radikal Bösen, das man weder verstehen noch erklären kann durch die bösen Motive von Eigennutz, Habgier, Neid, Machtgier, Ressentiment, Feigheit oder was es sonst noch geben mag und demgegenüber daher alle menschlichen Reaktionen gleich machtlos sind; dies konnte kein Zorn rächen, keine Liebe ertragen, keine Freundschaft verziehen, kein Gesetz bestrafen. 

So wie die Opfer in den Fabriken zur Herstellung von Leichen und den Höhlen des Vergessens nicht mehr `Menschen´ sind in den Augen ihrer Peiniger, so sind diese neuesten Verbrecher selbst jenseits dessen, womit jeder von uns bereit sein muss, sich im Bewusstsein der Sündhaftigkeit des Menschen zu solidarisieren“ (941).

Zitate aus: Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 2009 (piper)

Donnerstag, 27. November 2014

Hannah Arendt und der Totalitarismus - Teil 5: Totale Herrschaft - Die Geheimpolizei

„Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1955 auf Deutsch erschienen) ist das vielleicht wichtigste, in jedem Fall umfangreichste Buch von Hannah Arendt. Auf insgesamt 1015 Seiten rekonstruiert sie einerseits die Entwicklung des Antisemitismus im 18. und 19. Jahrhundert sowie das Aufkommen des Rassismus und des Imperialismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert, andererseits entwirft sie eine umfassende Theorie des Totalitarismus, aufbauend auf den beiden historischen Formen totaler Herrschaft, dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus.

Geheimes Staatspolizeihauptamt
(Prinz-Albrecht-Straße 8, Berlin)
Arendt sieht ein wesentliches Merkmal der totalitären Bewegungen nach ihrer Machtergreifung darin, die wesentliche Differenzen zwischen Staat und Bewegung aufrechtzuerhalten, so dass sie das schwierige Problem lösen, „sich des Staatsapparats zu bemächtigen, ohne mit ihm zu verschmelzen“ (868), mit einer Ausnahme – der Geheimpolizei! Sie ist einzige Institution, in der Staatsmacht und Parteiapparat zusammenfallen und gerade deshalb das eigentliche Machtzentrum im totalitären Herrschaftsapparat.

Die wesentliche Funktion der Gemeinpolizei nach der Machtergreifung ist Arndt zufolge die „unmittelbare Verwirklichung der totalitären Fiktion“ (872). Der Terror hört nun auf, ein bloßes Mittel für die Beseitigung des Widerstands in und die Bewachung der Bevölkerung zu sein, weil bereits alle Opposition liquidiert und die Bevölkerung so organisiert ist, dass sie sich ohnehin nicht mehr rühren kann.

„Erst in diesem Stadium beginnt die wirklich totale Herrschaft, deren eigentliches Wesen der Terror ist. Der Inhalt dieses spezifisch totalitären Terrors ist niemals einfach negativ – etwa die Niederschlagung der Feinde des Regime -, sondern dient positiv der Verwirklichung der jeweiligen totalitären Fiktion“ (874) – der Errichtung der klassenlosen Gesellschaft im Stalinismus oder der Volksgemeinschaft oder der Rassegesellschaft im Nationalsozialismus.

Göring ernennt Himmler (links)
zum Leiter der Gestapo (April 1934)
Dementsprechend ignoriert die totalitäre Polizei auch alle Unterscheidungen zwischen Feind und Freund und versucht auch gar nicht, den geheimen Gedanken der Beherrschten nachzuspüren. Vielmehr gehört es zu dem Wesen totalitärer Bewegungen, „ihre Feinde in Übereinstimmung mit ihrer bereits vor der Machtergreifung voll entwickelten Ideologie zu definieren, und da diese Definitionen nichts mit ... den Betroffenen zu tun haben, braucht die Polizei auch keine besonderen Erkenntnisse, um 'verdächtige Personen' festzustellen. Die ideologisch definierten Gegner werden aus den natürlichen oder historischen Ablaufgesetzen, deren Exekutor der totalitäre Machthaber zu sein vorgibt, 'objektiv' errechnet. Rassisch Minderwertige sind 'objektive Feinde' der Rassegesellschaft, genauso wie die 'sterbenden Klassen' und ihre Vertreter (die subjektiv sich einbilden mögen, sehr gute Kommunisten zu sein) objektive Feinde der klassenlosen Gesellschaft und objektive Helfer der Bourgeoisie sind" (876f).

Es ist im totalen Staat also bereits von vornherein entschieden, wer der zu Verhaftende und Liquidierende ist. Sein wirkliches Denken oder Planen interessiert keinen Menschen, denn sein Verbrechen ist bereits „objektiv, ohne alle Zuhilfenahme `subjektiver Faktoren´ festgestellt" (877).

So ist in jedem konkreten Fall das 'Verbrechen' früher als die Aufspürung des Verbrechers. „Ist aber erst einmal objektiv entschieden, welches Verbrechen in einem bestimmten Moment der Geschichte gerade an der Tagesordnung ist, so müssen auch die 'Verbrecher' gefunden werden" (877f).

Propagandaplakat zum
Tag der Deutschen Polizei (1941)
Für das Funktionieren totalitärer Regime ist die Einführung des Begriffs vom 'objektiven Gegner' wesentlich wichtiger als die ideologisch festgelegte Bestimmung, wer der Gegner jeweils ist:

„Der Begriff des 'objektiven Gegners', dessen Identität je nach Lage der Dinge wechselt - so dass, sobald eine Kategorie liquidiert ist, einer neuen der Krieg erklärt werden kann -, entspricht aufs genaueste dem von totalitären Machthabern immer wieder proklamierten Tatbestand, dass ihr Regime nicht eine Regierung im althergebrachten Sinne sei, sondern eine Bewegung, deren Fortschreiten naturgemäß immer wieder auf Widerstände stößt, die aufs neue zu beseitigen sind, sofern man von einem Rechtsdenken der totalitären Herrschaftsform sprechen kann, ist der 'objektive Gegner' sein zentraler Begriff" (879).

Es daher nicht wirklich erstaunlich, dass sich subjektive Einsicht in die objektive Notwendigkeit einer Verhaftung und eines Geständnisses am ehesten bei ehemaligen Angehörigen der Geheimpolizei beobachten lässt: "In den Worten eines ehemaligen NKDW-Agenten: 'Meine Vorgesetzten kennen mich und meine Arbeit: wenn die Partei und die NKDW von mir jetzt verlangen, diese Dinge einzugestehen, müssen sie ihre Gründe haben. Meine Pflicht als Bürger der Sowjetunion ist es jedenfalls, das Geständnis, das sie von mir verlangen, nicht zu verweigern.'" (Anm. 87, 880).

Die Geheimpolizei ist letztlich dem Führer unterstellt: "Wer der nächste 'objektive Gegner' sein wird entscheidet der Führer, nicht die Polizei, mit deren Hilfe er liquidiert werden soll (...) In den Worten Himmlers: 'Jeder vom Führer eingesetzte Führer wird von uns gedeckt; jeder vom Führer abgesetzte Führer wird  von uns, wenn es sein muss, mit Brachialgewalt entfernt, denn es gilt eben nur der Befehl des Führers" (881).

Im Totalitarismus kommt es zu einer völligen Umkehrung der traditionellen Aufgaben der Polizei: "Die totalitäre Polizei hat nicht die Aufgabe, Verbrechen aufzudecken; was für Verbrechen gerade verübt werden und wer die Verbrecher sind, bestimmt der Führer. Sie hat dafür immer zur Stelle zum sein, wenn bestimmte Kategorien der Bevölkerung verhaftet werden sollen, und sie hat für ihr Verschwinden zu sorgen. Die einzige Auszeichnung, deren sie sich rühmen kann - und dies ist eine sehr hohe Auszeichnung -, ist, dass nur sie weiß, was jeweils geplant ist und welche politische  Linie jeweils beschlossen wurde" (882).

So tritt an die Stelle eines heimlich geplanten, aber faktisch nachweisbaren Vergehens das objektiv errechenbare 'mögliche Verbrechen', "dessen Planung sich nicht mehr in den Köpfen von Staatsfeinden abspielt, sonder logisch aus der Analyse jeweiliger historisch-politischer Vorgänge ableitbar ist (...) Konstruiert man den Verlauf der Weltgeschichte am Schema der Protokolle der Weisen von Zion, so ergibt sich 'objektiv' - das heißt hier logisch aus einer Prämisse deduzierbar -, dass die Juden danach streben müssen, die Herrschaft zu ergreifen, ganz unabhängig von den faktisch feststellbaren Wünschen und Plänen konkret existierender Juden" (884f).

Juden warten auf den Abtransport (22.10.1940) (Bild: Topographie des Terrors)

Mit anderen Worten: Das Delikt hängt ganz und gar von den im geschichtlichen Augenblick enthaltenen Möglichkeiten ab. Diesen Möglichkeiten muss auch dann entsprochen werden, wenn die Wirklichkeit ihnen nicht entspricht, daß heißt, wenn zu dem 'möglichen Verbrechen' keine wirklichen Verbrecher sich entschlossen haben (...) Da die Geschichte in der totalitären Fiktion voraussehbar und berechenbar verläuft, muss jeder ihrer Möglichkeiten auch eine Wirklichkeit entsprechen. Diese 'Wirklichkeit' wird nicht anders fabriziert als andere 'Tatsachen' in dieser rein fiktiven Welt" (886).

Die totalitäre Geheimpolizei kann sich auch deshalb nicht mehr mit 'verdächtigen Personen' abgeben, weil vom Standpunkt totalitärer Herrschaft die gesamte Bevölkerung dazugehört. Außerdem muss vom Standpunkt totaler Herrschaft „allein die Tatsache, dass menschliche Wesen denken können, einen Verdacht erregen, den kein noch so vorbildliches Verhalten je zerstreuen kann. Denn die Fähigkeit zu denken ist unauflöslich mit der Fähigkeit, seine Meinung zu ändern, verknüpft" (892).

So hat Arendt nach keine Tyrannenherrschaft jemals die menschliche Freiheit so wirksam und gründlich negiert „wie die Willkür, die sich aus dem Begriff des 'objektiven Gegners' ergibt" (897).

Die totale Herrschaft hat die Begriffe von Verbrechen und Auszeichnung, von Schuld und Unschuld schlicht einfach abgeschafft und an ihre Stelle den furchtbaren neuen Begriff der 'Unerwünschten' und 'Lebensuntauglichen' gesetzt: „Nur Verbrecher kann man bestrafen, Unerwünschte und Lebensuntaugliche lässt man von der Erdoberfläche verschwinden, als hätte es sie nie gegeben (...) Die einzige Spur, die sie hinterlassen, ist die Erinnerung derer, die sie kannten, liebend zu deren Welt sie gehörten. daher gehört zu den vornehmsten und schwierigsten Aufgaben der totalitären Polizei, auch diese Spur mit den Toten zugleich auszulöschen" (898).

So müsse die Bevölkerung daran gewöhnt werden, dass der Verhaftete aus der Welt der Lebenden nicht nur so verschwindet, als wäre er gestorben. Die von der Polizei verwalteten Gefängnisse und Lager sind somit nicht einfach Stätten der Ungerechtigkeit und des Verbrechens; sie sind organisiert als  Höhlen des Vergessens, in die jeder jederzeit hineinstolpern kann, um in ihnen zu verschwinden, als hätte es ihn nie gegeben. „Weder Leichnam noch Grab geben Kunde davon, dass ein Mord geschah oder dass jemand starb (...) Erst wenn ein Mensch aus der Welt der Lebenden so ausgelöscht ist, als ob er nie gelebt hätte, ist er wirklich ermordet" (900f).

Der Entlassungsschein aus dem Zuchthaus
mit der sofortigen Überstellung des Häftlings ins KZ
Natürlich will Arendt damit nicht behaupten, dass die allgemeinen Tatsachen des Polizeiregimes nicht einem großen Teil der Bevölkerung und vor allem den Parteimitgliedern bekannt wären. „Dass es Konzentrationslager gibt, dass Unschuldige verhaftet werden, dass Menschen spurlos verschwinden, weiß ein jeder. Gleichzeitig aber weiß auch jedermann, dass es nichts Gefährlicheres und nichts Verboteneres gibt, als über diese offenen Geheimnisse zu sprechen oder sich gar nach ihnen zu erkundigen" (902).

Das Privileg des Geheimbundes der Polizei, der Elite und Kaderformationen, ist es aber nun, dieses Geheimnis zu kennen und besprechen zu dürfen. Welches die nächste Kategorie der `Unerwünschten´ und `Lebensuntauglichen´ sein wird, und wichtiger noch, dass es immer solche Kategorien geben wird, ist „das esoterische Wissen, über das allein diese Eingeweihten verfügen“ (902).

So dienen das Ziel der Geheimpolizei, die Erziehung `politischer Soldaten´, die ideologische Schulung der Eliteformationen letztlich alle nur dem einen Zweck – „der furchtbaren und grundsätzlich unbegrenzbaren Erforschung der Reiche des Möglichen und der Verwirklichung einer Welt, in der es Realität und Tatsache im Sinne einer dem Menschen vorgegebenen Faktizität nicht mehr gibt“ (904).

Zitate aus: Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 2009 (piper)