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Donnerstag, 27. Juni 2019

Der Kalte Krieg und der "Kongress für Kulturelle Freiheit" - Teil 2



Es ist eine bekannte Tatsache, dass im Kalten Krieg auch Kunst und Kultur im politischen Machtkampf zwischen Ost und West standen. Eine führende westliche Organisation war der Kongress für Kulturelle Freiheit.

Trotz eines nach außen hin gezeigten kämpferischen Antikommunismus konzentrierte sich Führung des CCF in der Folge eher darauf, den Europäern und der restlichen Welt ein positives Bild eines liberalen Amerika zu vermitteln quasi als Gegenentwurf zum Kommunismus. Dies geschah vor allem, als Nicolas Nabokov 1951 neuer Generalsekretär des Kongresses für kulturelle Freiheit wurde.

Nicolas Nabokov (1903 - 1978)
Nabokov stammte aus einer weißrussischen Familie, die in den 1920er Jahren vor den stalinistischen Säuberungen nach Deutschland floh und 1933 nach Amerika emigrierte. Er versuchte in Amerika zunächst vergeblich, als Komponist Fuß zu fassen und musste sich als Musiklehrer an amerikanischen Mädchen-Colleges durchschlagen.

1945 meldete er sich zur Propagandaabteilung der amerikanischen Armee. Die schickte ihn nach Berlin, wo er für die Entnazifizierung zuständig war und den kulturellen Wiederaufbau der Stadt vorantrieb. Nabokov war vielseitig interessiert, charmant, amüsant und weltoffen. Er sprach fließend vier Sprachen und war mit vielen einflussreichen Persönlichkeiten befreundet, auch mit dem späteren Berliner Bürgermeister und Bundeskanzler Willy Brandt.

Nabokovs erstes großes Projekt war die Organisation eines vierwöchigen Festivals in Paris mit dem Titel „Meisterwerke des 20. Jahrhunderts“. Dafür reist er durch halb Amerika und Europa, führt Verhandlungen mit Künstlerinnen und Künstlern und organisiert Kooperationen mit Orchestern und Ballettkompanien. Das Ziel ist, dem Pariser Publikum einen Kanon westlicher Kunst zu präsentieren, in dem Amerika als Kulturland einen zentralen Platz einnimmt.

Der CCF verstand sich nun vorwiegend als Institution, die die Werte des Westens vertritt. Und weil Amerika der Hauptprotagonist, d.h. der mächtigste Staat im Westen war, wollte Nabokov zeigen, dass die Amerikaner über eine ähnlich hohe Kultur verfügen wie die alten europäischen Kulturnationen. Es ging also darum, den liberalen Westen, seine „Kernideen“ von Liberalismus bzw. Sozialliberalismus zu verteidigen, auch gegen Konservative zum Beispiel.

In den vier Pariser Festivalwochen 1952 war alles vertreten, was in der Musik-, Literatur- und Kunstszene Amerikas und Europas Rang und Namen hatte: die Wiener Philharmoniker, das Westberliner RIAS Orchester, das Orchestre de la Suisse romande aus Genf und das New York City Ballet. Auf dem Programm standen v. a. Werke, die von den Nazis und von den Kommunisten verboten worden waren: Werke von Arnold Schönberg, Alban Berg, und Benjamin Britten; von Hindemith, Debussy oder Bartok. Und natürlich von amerikanischen Komponisten, von Aaron Copland oder Samuel Barber oder vom Exilanten Igor Strawinsky, der extra aus Hollywood anreiste. Er war der Star des Pariser Festivals.

Igor Stravinsky 1952 in Paris

Ein wichtiger Teil des Pariser Festivals von 1952 war auch eine große Ausstellung, in der Werke von Chagall, Matisse, Mondrian und vielen anderen Vertretern der klassischen Moderne gezeigt wurden. Hierfür hatte Nabokov seine Verbindungen zum New Yorker Museum of Modern Art aktiviert. Idee der Ausstellung war, Gemälde zu zeigen, die von den Nationalsozialisten als „entartet“ verunglimpft worden waren und nun von den Kommunisten erneut als „formalistische Kunst“ abgelehnt wurden. Vor allem aber wollte er dem Pariser Publikum mit dem Einbezug des Museum of Modern Art demonstrieren, dass Amerika nicht hinter Europa zurücksteht.

Als Generalsekretär des Kongresses für kulturelle Freiheit war Nikolas Nabokov insgesamt sehr umtriebig: In über 35 Ländern wurden Lokalredaktionen gegründet, die eigene Zeitschriften herausgaben. Das publizistische Netz reichte bis in den Nahen Osten, nach Indien, Australien, Lateinamerika und Afrika. Das Flaggschiff war der britische Encounter, der von allen Publikationen des CCF die höchste Auflage erreichte. Überall in der Welt organisierte der CCF Tagungen und Kongresse. Man knüpfte enge Kontakte zu den Künstler-und Schriftstellerverbänden in den jeweiligen Ländern und organisierte Ausstellungen und Dichterlesungen.

Der CCF versuchte nun zunehmend, auch in den Ländern des Ostblocks Einfluss zu gewinnen. Sein Ziel war es, oppositionelle Intellektuelle zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass deren Werke im Westen erschienen. Er rief studentische Austauschprogramme ins Leben und schrieb Stipendien für Künstlerinnen und Künstler aus Ländern hinter dem Eisernen Vorhang aus. Wenn es irgendwo auf der Welt galt, den Einfluss des Kommunismus zurückzudrängen, dann war der Kongress für Kulturelle Freiheit zur Stelle. Auch als es 1956 nach dem Aufstand in Ungarn darum ging, eine Gruppe von geflohenen ungarischen Musikern wieder in Lohn und Brot zu bringen. Mithilfe des CCF gründeten sie kurzerhand die Philharmonia Hungarica, ein Orchester, das über viele Jahrzehnte existierte und zeitweilig unter der Leitung des berühmten Geigers Yehudi Menuhin stand.

Natürlich drängte sich irgendwann die Frage auf, woher das Geld kam, das die Aktivitäten des Kongresses für Kulturelle Freiheit möglich machte – die Veröffentlichung von über 1000 Büchern, die weltweit erscheinenden Zeitschriften, die Kongresse und Tagungen und nicht zuletzt das Pariser Festival. Offiziell hieß es, dass amerikanische Gewerkschaften und Stiftungen für die Finanzierung sorgen würden.

Doch Anfang 1966 veröffentlichten das kalifornische Magazin Ramparts und wenig später die New York Times eine Serie von Artikeln über die finanziellen Machenschaften und Verstrickungen des amerikanischen Geheimdienstes CIA. Die Artikel enthielten detaillierte Informationen darüber, mit welchen kriminellen Methoden die CIA Gelder in Umlauf brachte, um Organisationen, Projekte, Kampagnen, aber auch einzelne Personen zu finanzieren und auf diese Weise politisch Einfluss zu gewinnen. Dazu zählte auch der Kongress für kulturelle Freiheit.

Karikatur von Steve Hamann (2015)

Das Vorgehen der CIA war im Grunde immer dasselbe: Entweder kooperierte der Geheimdienst mit renommierten Stiftungen wie der Rockefeller-, Carnegie- oder Ford-Foundation, indem man über deren Konten CIA-Gelder weiterleitete. Oder man gründete kurzerhand eigene Scheinstiftungen, über die die Gelder weitergeleitet wurden. Im Mai 1967 gab der CIA-Agent Thomas Braden der Saturday Evening Post ein Interview und machte erstmals öffentlich, wie die CIA dabei vorging:

„Wir sind einfach zu irgendeinem bekannten oder reichen New Yorker gegangen und haben gesagt: ‚Wir wollen eine Stiftung einrichten‘. Dann haben wir ihm erklärt, wie wir uns die Sache vorstellten, und baten ihn um Diskretion. Darauf sagte der Betreffende gewöhnlich. ‚Selbstverständlich mache ich das‘. Dann haben wir einfach einen Briefkopf mit seinem Namen gedruckt, und fertig war die Stiftung.“

Heute weiß man, dass die CIA ein riesiges Netz von über 170 Stiftungen und Scheinstiftungen aufbaute, um Geldströme zu verschleiern. Sie schuf ein von außen fast undurchschaubares Geflecht aus Strohmännern und Tarnorganisationen, das die Finanzierung der weltweiten Geheimprojekte der CIA sicher stellte. Auch die Aktivitäten des Kongresses für Kulturelle Freiheit wurden überwiegend von der CIA finanziert.

Nach den Enthüllungen übte sich das Exekutivkomitee des CCF in Schadensbegrenzung. Denn auf dem Spiel stand nichts weniger als die Glaubwürdigkeit und damit die Existenz des CCF. Also versuchte man zu retten, was noch zu retten war und gab eine offizielle Erklärung an die Presse:

„Die Generalversammlung drückt ihr tiefes Bedauern darüber aus, dass die ihr vorliegenden Informationen die Berichte über eine Finanzierung durch den CIA bestätigt haben […] und dass der Geschäftsführende Direktor es für notwendig hielt, diese Mittel ohne Wissen seiner Kollegen anzunehmen. Sie gibt der Überzeugung Ausdruck, dass die Aktivitäten des Kongresses frei von jeder Beeinflussung und jedem Druck durch finanzielle Unterstützer gewesen seien, und sie zweifelt nicht an der Unabhängigkeit und Integrität seiner Mitarbeiter. Sie verurteilt die Art, wie die CIA die Betreffenden getäuscht und ihre Anstrengungen ins Zwielicht gerückt hatte, aufs Schärfste. Ein solches Handeln schädigt den intellektuellen Diskurs. Die Versammlung lehnt die Anwendung solcher Methoden in der Welt des Geistes strikt ab.“

In Deutschland nahm man von den CIA-Verstrickungen des CCF in der Presse kaum Notiz. Die Mitstreiter des Kongresses zogen es vor, einen Mantel des Schweigens darüber zu legen und die Sache in der Öffentlichkeit nicht weiter zu thematisieren. Vielleicht auch, weil die Nähe führender Sozialdemokraten zum Kongress für kulturelle Freiheit möglicherweise eine ernste politische Krise heraufbeschworen hätte.

Schon Anfang der 1960er Jahre hatten sich erste intellektuelle Ermüdungserscheinungen im CFF gezeigt. Doch nach dem Bekanntwerden der Geheimdienst-Verstrickungen stürzte das System „CCF“ zusammen.

Encounter (Ende der 60er Jahre)
Mit dem Ausbleiben der CIA-Gelder konnten keine Kongresse finanziert, keine Festivals veranstaltet und keine Publikationen mehr unterstützt werden. Die Zeitschriften kämpften vergeblich um ihr Überleben, nur dem britischen Encounter gelang es, bis in die 1990er Jahre weiter zu existieren. Der Niedergang des CCF ließ sich nicht mehr aufhalten, auch nicht durch seine Umbenennung in International Association for cultural freedom. Bis Mitte der 1970er Jahre versuchte diese Nachfolgeorganisation noch zu überleben, dann war auch sie Geschichte.

Man hat sich natürlich die Frage gestellt, warum ausgerechnet ein hochrangiger CIA-Agent dem Kongress für kulturelle Freiheit den Todesstoß versetzte, indem er mit den Einzelheiten an die Presse ging. Wahrscheinlich ist, dass das Interview mit Thomas Braden nicht zufällig erschien, sondern dem altbewährten Muster der CIA folgte, ein unliebsames Projekt loszuwerden, indem man es auffliegen lässt, vielleicht, weil der CCF schlicht zu teuer geworden war.

Quelle und Zitate: Ellen Freyberg, Kulturkampf im Kalten Krieg. Der Kongress für Kulturelle Freiheit, swr2 Wissen, Sendung vom 18. Mai 2018




Donnerstag, 20. Juni 2019

Der Kalte Krieg und der "Kongress für Kulturelle Freiheit" - Teil 1


Es ist eine bekannte Tatsache, dass im Kalten Krieg auch Kunst und Kultur im politischen Machtkampf zwischen Ost und West standen. Eine führende westliche Organisation war der Kongress für Kulturelle Freiheit.

"Der Kongress für Kulturelle Freiheit"
Am 26. Juni 1950, fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kamen in Berlin Wissenschaftler, Politiker und Schriftsteller aus über 100 Ländern zusammen, um ein Zeichen zu setzen gegen die wachsende kommu-nistische Bedrohung durch das Stalin-Regime. Vor über 2500 Gästen aus der ganzen Welt begann im Titania-Palast ein 3-tägiger Kongress.

Der RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) übertrug live den gesamten Kongress: „Die gesamte Kulturwelt blickt auf die Kongressstadt Berlin, auf die Stadt, die in den letzten Jahren ihrer Geschichte immer wieder feststellen musste, wie schwer es ist, zwischen Freiheit und Unfreiheit Kompromisse zu schließen […]

Hier im Titania-Palast, der bis auf den letzten Platz gefüllt ist, genau zwei Jahre nach dem kommunistischen Versuch, Berlin durch eine grausame Blockade zu unterjochen, und einen Monat nach dem gescheiterten Versuch, Berlin durch das Deutschlandtreffen der FDJ zu erobern, sehen wir die besten Köpfe des Abendlandes, Philosophen, Künstler und Schriftsteller, die sich zur bürgerlichen und geistigen Freiheit bekennen. Sie wollen hier etwa 200 km hinter dem Eisernen Vorhang beweisen, dass die großen Traditionen des freiheitlichen Geistes noch lebendig sind, wollen hier noch einmal bekennen, was in ihren Werken lange schon formuliert und ausgesprochen ist.“ (O-Ton RIAS)

In den drei Tages des Kongresses, konnten die Menschen in West- und Ostdeutschland an den Radiogeräten miterleben, wie sich Intellektuelle zu einer Organisation formierten, die bald zu einer gewichtigen Stimme im Kampf des Westens gegen den Kommunismus werden sollte.

Der Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter übernahm die Begrüßung: „Berlin, meine lieben Gäste, grüßt sie alle, die Sie heute zu uns gekommen sind. […] Wir haben erfahren, dass das kleine bescheidene Wort Freiheit, das seinen Glanz verloren zu haben schien, eine Leuchtkraft ohnegleichen für den besitzt, der ihren Wert erkannt hat, weil er sie einmal verlor. Wir hatten einmal die Freiheit verloren, mit Mühsalen ohnegleichen haben wir sie darum nicht nur verteidigt, sondern wiedergewonnen, und wir sind fest entschlossen, sie niemals wieder aufzugeben.“

Der Kongress für kulturelle Freiheit (englisch Congress for Cultural Freedom, kurz: CCF) war eine Organisation bevorzugt linksliberaler und sozialdemokratischer Intellektueller, Künstler und Politiker, die sich zur Aufgabe gemacht hatte, antikommunistische Propaganda auf einem relativ hohen intellektuellen Niveau zu betreiben.

In erster Linie war der CCF eine Reaktion der Amerikaner auch auf die sowjetische Propagandaaktivität im Vorfeld, im Umfeld und im Nachgang des Zweiten Weltkrieges bzw. des beginnenden Kalten Krieges. Die Kommunisten hatten über die Kommunistische Internationale und das Agitprop-Büro der Kommunistischen Internationalen in Paris Intellektuelle und Künstler organisiert und auch für ihre Zwecke instrumentalisiert. Nicht wenige der Gründungsmitglieder des Kongresses für kulturelle Freiheit waren ehemalige Kommunisten, einige haben sogar in der Agit-Prop-Zentrale in Paris gearbeitet, etwa Arthur Koestler.

Der Monat - Sprachrohr des CCF
So entstand der CCF als antitotalitaristisches Bündnis, das bis in die 70er Jahre hinein weltweit großen Einfluss auf die Politik und das Geistesleben in Europa, Lateinamerika, Afrika und Asien hatte. Eine Organisation, die aber – wie später bekannt wurde – vom amerikanischen Geheimdienst initiiert, gelenkt und finanziert wurde: Ein Werkzeug der CIA im Kalten Krieg.

Eine der Schlüsselfiguren des Berliner Gründungskongresses des CCF war der us-amerikanische Journalist Malvin Lasky, Herausgeber der 1948 gegründeten Zeitschrift Der MonatDer Monat gehörte zu den führenden Zeitschriften Deutschlands und bestimmte den kulturellen, politischen und ästhetischen Diskurs maßgeblich mit. Bereits in seiner Studienzeit begann Lasky, Kontakt zu zahlreichen Intellektuellen aufzubauen, was ihm als Herausgeber des Monats und nun auch in seiner Funktion als erster Generalsekretär des Kongresses für kulturelle Freiheit zugutekam.

Der Monat hatte eine erlesene Autorenschar, zu der Schriftsteller wie Albert Camus und George Orwell, die Philosophen Hannah Arendt, Bertrand Russell und Karl Jaspers sowie die Soziologen Theodor W. Adorno und Raymond Aron gehörten. Viele von ihnen fühlten sich der Idee des Kongresses für Kulturelle Freiheit eng verbunden – und waren auch bei seiner Gründung in Berlin anwesend.

Für einiges Aufsehen beim Berliner Gründungskongress des CCF sorgte die Rede Arthur Koestlers. Koestler war ein ungarisch-britischer Schriftsteller und Kommunist, der durch seinen Roman „Sonnenfinsternis“ bekannt geworden war. Darin hatte er über die stalinistischen Säuberungsaktionen geschrieben, die ihn dazu bewogen, ins Lager der Antikommunisten zu wechseln. In seiner Rede griff er all jene Intellektuellen an, die sich noch immer nicht vom Kommunismus losgesagt hatten:

„Wir kamen nicht nach dieser Stadt, um nach einer abstrakten Wahrheit zu suchen, wir kamen, um ein Kampfbündnis zu schließen. Es geht hier nicht um relative Unterschiede, es geht hier um Leben und Tod. […] Aber ich spreche hier über Eure Köpfe hinweg zu jenen intellektuellen Kollegen im Westen, die immer noch glauben, einer Entscheidung ausweichen zu können. Ich spreche über Eure Köpfe hinweg zu jenen Halbjungfrauen der Demokratie, die immer noch nicht gelernt haben, dass es Zeiten gibt, um in Bedingungssätzen und in Nebensätzen zu sprechen, und Zeiten, um ja zu sagen oder nein.“

Arthur Koestler: "Freunde, die Freiheit hat die Offensive ergriffen!“

Auf der Abschlusskundgebung des Gründungskongresses verlas Koestler vor 15.000 Besuchern ein Manifest der intellektuellen Freiheit und beendete seine kämpferische Rede mit dem denkwürdigen Satz: „Freunde, die Freiheit hat die Offensive ergriffen!“

(Fortsetzung folgt) 

Quelle und Zitate: Ellen Freyberg, Kulturkampf im Kalten Krieg. Der Kongress für Kulturelle Freiheit, swr2 Wissen, Sendung vom 18. Mai 2018



Donnerstag, 24. September 2015

Arthur Koestler und der Kommunismus - Teil 2

In dem Buch „Ein Gott, der keiner war“ (Erstauflage 1950) beschreibt Arthur Koestler – zusammen mit fünf weiteren Intellektuellen - die Fahrt in den Kommunismus und die Rückkehr aus ihm. Gemeinsam ist ihrem Zeugnis, dass alle den Kommunismus anfänglich als eine Vision des Reiches Gottes auf Erden sahen, „bis jeder von ihnen die Kluft entdeckte, die zwischen seiner eigenen Vision von Gott und der Wirklichkeit des kommunistischen Staates klaffte – und der Gewissenskonflikt erreichte seinen kritischen Punkt.“


Arthur Koestler (1905 - 1983)
Zwischen 1932 und 1933 bereiste Koestler die Sowjetunion. Koestler nahm natürlich die katastrophalen Zustände in der Sowjetunion wahr - es herrschte gerade eine Hungersnot, die Millionen von Opfern forderte -, aber er blieb dennoch dem Kommunismus verbunden, da er die Verhältnisse, die er beobachtete, noch als unvermeidliche „Nachwehen“ der Revolution ansah und auf eine Verbesserung hoffte.

„Mein Aufenthalt in der Sowjetunion dauerte ein Jahr. Was ich sah und erlebte, war für mich ein harter Schock – aber gleichsam ein Schock mit Zeitzündung. Meine Parteierziehung hatte mich mit so kunstvollen geistigen Stoßdämpfern und dialektischen Wattepolstern ausgestattet, daß alles Gesehene und Gehörte sich automatisch in den vorgefaßten Rahmen fügte.

Ich sah die Hungerrationen in den Kooperativen und erfuhr, daß der Preis für ein Kilogramm Butter auf dem Freien Markt dem Monatslohn eines durchschnittlichen Arbeiters, und der Preis für ein Paar Schuhe zwei Monatslöhnen entsprach. Aber ich hatte gelernt, daß Tatsachen nicht nach ihrem Nennwert zu beurteilen sind und daß man die Dinge nicht statisch, sondern im dynamischen Zusammenhang betrachten muß. Der Lebensstandard war ohne Zweifel niedrig; aber unter dem zaristischen Regime war er halt noch niedriger gewesen. Der Arbeiterklasse in den kapitalistischen Ländern ging es zwar besser als in der Sowjetunion, aber das war eben ein statischer Vergleich; denn hier in Sowjetrußland befand sich der Lebensstandard ja im Ansteigen, unter dem Kapitalismus dagegen im Sinken.“


"Tag für Tag wird das Leben noch besser!" 

Koestler dachte sich, dass für den Weiterbestand der von einer feindlichen Welt umgebenen Sowjetunion diese Art von  Propaganda eben eine unerläßliche Notwendigkeit sei: „Die notwendige Lüge und Verleumdung; die notwendige Einschüchterung der Massen zur Verhinderung kurzsichtiger Irrtümer; die notwendige Liquidierung aller Oppositionsgruppen und feindlichen Klassen; die notwendige Opferung einer ganzen Generation im Interesse der nächsten – all das mag ungeheuerlich klingen und war dennoch so leicht zu schlucken für den, der sich im Zustand der Gnade des absoluten Glaubens befand.“

Eigentlich hätte es nach seinen Erfahrungen in Russland nun schon zum Bruch Koestlers mit dem Kommunismus kommen können, aber „eine Reihe von äußeren Ereignissen und inneren Rationalisierungen erleichterte es mir, weiter mitzumachen, und verzögerte den endgültigen Zusammenbruch meines Glaubens.

Das wichtigste dieser äußeren Ereignisse war der VII. Weltkongreß der Komintern im Jahre 1934, der eine neue Politik, eine vollkommene Negation der bisherigen Parteilinie einleitete – die jedoch wie immer durch dieselben Führer in die Tat umgesetzt werden sollte. Alle revolutionären Schlagworte, alle Hinweise auf den Klassenkampf und die Diktatur des Proletariats wurden mit einem gewaltigen Schwung in die Rumpelkammer gekehrt. Ihre Stelle nahm eine nagelneue Fassade mit Blumenkasten in den Fenstern ein, die `Volksfront gegen den Krieg und Faschismus´.

Das Podium des VII. Kongresses der Komintern mit den Portraits von
Karl Marx, Friedrich Engels, Wladimir I. Lenin und Josef Stalin

Wir nannten uns jetzt nicht mehr „Bolschewisten", nicht einmal Kommunisten – der öffentliche Gebrauch dieser Worte galt jetzt in der Partei als anrüchig; wir waren einfache, ehrliche, friedliebende Antifaschisten und Verteidiger der Demokratie.“

Koestler bemerkt, dass das wirksamste Mittel, um sein Gewissen zu betäuben, darin besteht, sich selbstlos und von ganzer Seele einer Arbeit hinzugeben. Die Missetaten des Sowjetregimes und des Kominternapparates traten in den Hintergrund zurück, das einzige, worauf es nun ankam, war der Kampf gegen Hitler und den drohenden Krieg. „Keiner von uns verstand, daß unsere Führer den Kampf nicht ernst meinten; daß wir die Schatten in einem Scheingefecht waren.“

Und so verhält sich auch Koestler in dieser Situation so wie viele andere Intellektuelle auch: „Die einzige dialektisch korrekte Haltung war, dabei zu bleiben, das Maul zu halten, die Galle herunterzuschlucken und auf den Tag zu warten, an dem, nach der Niederwerfung des Feindes und dem Sieg der Weltrevolution, Sowjetrußland und die Komintern bereit waren, zu demokratischen Einrichtungen zu werden. Dann, und nur dann, würden die Führer über ihre Handlungen Rechenschaft ablegen müssen: über die vermeidbaren Niederlagen, die mutwilligen Opfer und die Fluten von Dreck und Verleumdung, unter denen die Elite unserer Genossen umgekommen war. Bis zu jenem Tag hatte man das Spiel weiter mitzumachen – ja sagen und widerrufen, ableugnen und denunzieren, ideologischen Speichel lecken und kräftig schlucken, wenn es einem hochkam; dies war der Preis für die Erlaubnis, sich weiter sozial nützlich zu fühlen und auf solche Art seine pervertierte Selbstachtung zu bewahren.“

1937, während des Spanischen Bürgerkriegs, ging Koestler als Kriegsberichterstatter nach Spanien, wo er von den Truppen Francos gefangengenommen und als Spion standrechtlich zum Tode verurteilt wurde. Er war fünf Tage im Gefängnis von Málaga in Isolierhaft, während dieser Zeit wurden dort fünftausend Menschen erschossen. Koestler wurde dann nach Sevilla verbracht. Die Briten erreichten nach neunzig Tagen auf dem Wege eines Gefangenenaustauschs seine Freilassung.

Schauprozess in Moskau (1936)
Unter dem Eindruck der großen stalinistischen Säuberungen und Schauprozesse wandte sich Koestler 1937/38 schließlich vom Kommunismus ab: „Dann erfuhr ich, daß im Zusammenhang mit den Massensäuberungsaktionen in Sowjetrußland mein Schwager und zwei meiner engsten Freunde verhaftet worden waren. Alle drei gehörten der KPD an (…).

Jeder einzelne von uns hat mindestens einen Freund, von dem er weiß, daß er in einem Arbeitslager der Arktis umgekommen ist, als Spion erschossen wurde oder spurlos verschwand. Wie erbebten doch unsere Stimmen vor gerechter Empörung, wenn wir gelegentliche Haschläge der Justiz in den westlichen Demokratien aufzeigten, und wie eisern hielten wir den Mund, wenn unsere Genossen auf dem sozialistischen Sechstel der Erde ohne Verhandlung und Urteil liquidiert wurden. Jeder von uns schleppt seine Toten in den Kellergewölben seines Gewissens herum; zusammenaddiert gibt es da mehr Gerippe als in den Pariser Katakomben (…).

In keinem Jahrhundert und in keinem Lande sind so viele Revolutionäre umgebracht oder zu Sklaven gemacht worden wie in Sowjetrußland. Und da ich selbst sieben Jahre lang für alle Torheiten und Verbrechen, die unter dein Banner des Marxismus begangen wurden, eine Ausrede zu finden wußte, ist für mich das Schauspiel dieser dialektischen Seiltänze, mit deren Hilfe im Grunde anständige Leute ihr eigenes Gewissen betrüge; noch entmutigender als die schlichte Barbarei der Armen im Geiste. Wer die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten dieser Akrobatenkunststücke auf dem Seil des Gewissens kennt, der weiß auch ungefähr, wie lange man darauf herumtanzen kann, bis es reißt.“

Langsam war in Koestler die Erkenntnis gereift, „daß der Mensch eine Realität ist und die Menschheit eine Abstraktion; daß man Menschen nicht als Zahlen in einer politischen Gleichung behandeln kann, weil sie sich wie die Zeichen für Null oder Unendlich verhalten, die alle mathematischen Berechnungen aus den Fugen bringen; daß der Zweck die Mittel nur innerhalb sehr enger Grenzen heiligt; daß die Ethik nicht nur eine Funktion sozialer Nützlichkeit ist und Nächstenliebe kein kleinbürgerliches Sentiment, sondern die Gravitationskraft, die jede Zivilisation zusammenhält. Nichts muß platter klingen, als wenn man ein Erlebnis, das sich schon seiner Natur nach jedem sprachlichen Zugriff entziehen muß, in Worte zu fassen versucht; und dennoch war jeder einzelne dieser trivialen Gemeinplätze unvereinbar mit dem kommunistischen Glauben.“

Der Mensch ist eine Realität und die Menschheit eine Abstraktion

Das Ende kam auf eine durchaus undramatische Art. Im Frühjahr 1938 hatte Koestler vor dem „Schutzverband Deutscher Schriftsteller in Paris" einen Vortrag über Spanien zu halten. Die Rede enthielt keinerlei direkte Kritik gegen die Partei oder gegen Sowjetrußland. Aber sie enthielt drei sorgfältig formulierte Sätze, die für normale Menschen Gemeinplätze waren, für Kommunisten einer Kriegserklärung gleichkamen. Der erste dieser Sätze lautete: „Es gibt keine Unfehlbarkeit einer Person, einer Bewegung, oder einer Partei." Der zweite hieß: „Toleranz dem Feinde gegenüber ist ebenso selbstmörderisch wie Intoleranz dem Freunde gegenüber, der dasselbe Ziel auf einem abweichenden Wege verfolgt." Der dritte Satz war ein Zitat von Thomas Mann: „Eine schädliche Wahrheit ist besser als eine nützliche Lüge."

„Damit war es geschehen. Als ich geendet hatte, applaudierte die nichtkommunistische Hälfte der Zuhörerschaft, während die Kommunisten – zum größten Teil mit untergeschlagenen Armen – in bedeutungsschwerem Schweigen verharrten (…) Einige Tage später erklärte ich dem Zentralkomitee schriftlich meinen Austritt aus der Partei (…)

Mein Schreiben war ein Abschiedsbrief an die KPD, die Komintern und das Regime Djugaschwilis – aber es schloß mit einer Loyalitätserklärung an die Sowjetunion. Dieser Schwebezustand dauerte für mich bis zu dem Tag, an dem zu Ehren Ribbentrops die Hakenkreuzfahne auf dem Moskauer Flugplatz gehißt wurde und die Kapelle der Roten Armee das Horst-Wessel-Lied anstimmte. Damit war es Schluß; von nun an war es mir wirklich egal, ob mich die neuen Verbündeten Hitlers einen Konterrevolutionär schimpften.“

Seine Abrechnung mit dem Kommunismus vollzog Koestler in dem Buch Sonnenfinsternis, das 1940 in England erschien und ein internationaler Bestseller wurde. Die Hauptfigur dieses Romans, inspiriert von alten Bolschewiki wie Nikolai Bucharin und Karl Radek, die Opfer der Moskauer Prozesse wurden, personifiziert die willenlose Unterwerfung des Individuums unter die mörderische politische Maschinerie des Totalitarismus.

„Wenn wir aber die Geschichte überblicken und die großen Ziele, in deren Namen Revolutionen begonnen wurden, mit dem jämmerlichen Ende vergleichen, das ihnen beschieden war, müssen wir immer wieder feststellen, daß eine korrupte Gesellschaft auch ihre eigene revolutionäre Brut korrumpiert.“
  



Zitate aus: Ein Gott, der keiner war. Arthur Koestler, Ignazio Silone, Andre Gide, Louis Fischer, Richard Wright, Stephen Spender, schildern ihren Weg zum Kommunismus und ihre Abkehr. Mit einer Einführung von Prof. Wolfgang Leonhard und einem Vorwort von Richard Crossman, Erstauflage 1950) Zürich 2005 (Europa Verlag AG)