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Donnerstag, 6. November 2014

Heinrich von Kleist und das Glück

Heinrich von Kleist (1777-1811)
Heinrich von Kleist (1777-1811) war ein Dichter der deutschen Klassik und der Romantik. Er schrieb zahlreiche Essays und Erzählungen, wurde aber vor allem als Dramatiker berühmt. Zu seinen wichtigsten Werken zählen „Der zerbrochene Krug“ (1808) und „Prinz Friedrich von Homburg“ (1821). Im Mittelpunkt seiner Werke steht der Konflikt zwischen dem Individuum und der Gesellschaft und zwischen der inneren Überzeugung und dem äußeren Handeln.

In seinem „Aufsatz, den sicheren Weg des Glücks zu finden und ungestört – auch unter den größten Drangsalen des Lebens – ihn zu genießen“ (1799) verteidigt Kleist die These, dass das Glück in der Befriedigung über das eigene tugendhafte Leben liegt.

Kleist geht zunächst von der Prämisse aus, dass Glück und materieller Überfluss sich nicht notwendigerweise bedingen: „Wir sehen die Großen dieser Erde im Besitze der Güter dieser Welt. Sie leben in Herrlichkeit und Überfluss, die Schätze der Kunst und der Natur scheine sich um sie und für sie zu versammeln, und darum nennt man sie Günstlinge des Glücks. Aber der Unmut trübt ihre Blicke, der Schmerz bleicht ihre Wangen, der Kummer spricht aus allen ihren Zügen. Dagegen sehen wir einen armen Tagelöhner, der im Schweiße seines Angesichts sein Brot erwirbt; Mangel und Armut umgeben ihn, sein ganzes Leben schein ein ewiges Sorgen und Schaffen und Darben. Aber die Zufriedenheit blickt aus seinen Augen, die Freude lächelt auf seinem Antlitz, Frohsinn und Vergessenheit umschweben die ganze Gestalt.“

Prototypus des unglücklichen Reichen ...

So kommt Kleist zum Schluss, dass das, was die Menschen Glück und Unglück nennen, nicht immer so ist, wie es zunächst scheint, „denn bei allen Begünstigungen des äußern Glückes haben wir Tränen in den Augen des erstem, und bei allen Vernachlässigungen desselben, ein Lächeln auf dem Antlitz des andern gesehen.“

Weil also das Glück, das sich auf äußere Dinge gründet, eher unsicher ist, so muss es dort, „wo es auch nur einzig genossen und entbehrt wird“ verankert werden, „im Innern.“ In der Tradition Epikurs stehend behauptet auch Kleist, dass „glücklich zu sein, […] der erste aller unsrer Wünsche [ist], der laut und lebendig aus jeder Ader und jeder Nerve unsers Wesens spricht, der uns durch den ganzen Lauf unsers Lebens begleitet, der schon dunkel in dem ersten kindischen Gedanken unsrer Seele lag und den wir endlich als Greise mit in die Gruft nehmen werden.“

Wo nun aber könnte dieser Wunsch erfüllt werden, wo könnte das das Glück besser sich gründen, als im Inneren, also dort, „wo auch die Werkzeuge seines Genusses, unsre Sinne liegen, wohin die ganze Schöpfung sich bezieht, wo die Welt mit ihren unermesslichen Reizungen im kleinen sich wiederholt?“

Glück ist eine Frage der inneren Verfassung!

Kleist ist überzeugt davon, dass es ein Glück geben muss, das sich von den äußeren Umständen trennen lässt, denn schließlich haben alle Menschen haben ja gleiche Ansprüche darauf, für alle muß es also in gleichem Grade möglich sein. Daher will Kleist „das Glück nicht an äußere Umstände knüpfen, wo es immer nur wandelbar sein würde, wie die Stütze, auf welcher es ruht.“

Vielmehr  will Kleist es „lieber als Belohnung und Ermunterung an die Tugend knüpfen, dann erscheint es in schönerer Gestalt und auf sicherem Boden. Diese Vorstellung scheint Ihnen in einzelnen Fällen und unter gewissen Umständen wahr, mein Freund, sie ist es in allen, und es freut mich in voraus, daß ich Sie davon überzeugen werde.“

Selbst wenn man dabei dem Glücksuchenden einen Eigennutz unterstellt, „so ist es der edelste der sich denken läßt, denn es ist der Eigennutz der Tugend selbst.“

So mache nur die Tugend allein den Menschen glücklich. „Das was die Toren Glück nennen, ist kein Glück, es betäubt ihnen nur die Sehnsucht nach wahrem Glücke, es lehrt sie eigentlich nur ihres Unglücks vergessen. Folgen Sie dem Reichen und Geehrten nur in sein Kämmerlein, wenn er Orden und Band an sein Bette hängt und sich einmal als Mensch erblickt. Folgen Sie ihm nur in die Einsamkeit; das ist der Prüfstein des Glückes. Da werden Sie Tränen über bleiche Wangen rollen sehen, da werden Sie Seufzer sich aus der bewegten Brust empor heben hören. Nein, nein, mein Freund, die Tugend, und einzig allein nur die Tugend ist die Mutter des Glücks, und der Beste ist der Glücklichste.“
 
Glück ist das Gefühl unsrer gegen tausend Anfechtungen und
Verführungen standhaft behaupteten Würde!
Was ist also Glück für Kleist? Auch hier bleibt er ein Anhänger Epikurs: „Ich nenne nämlich Glück nur die vollen und überschwänglichen Genüsse, die – um es mit einem Zuge Ihnen darzustellen – in dem erfreulichen Anschauen der moralischen Schönheit unseres eigenen Wesens liegen. Diese Genüsse, die Zufriedenheit unsrer selbst, das Bewusstsein guter Handlungen, das Gefühl unsrer durch alle Augenblicke unseres Lebens vielleicht gegen tausend Anfechtungen und Verführungen standhaft behaupteten Würde, sind fähig, unter allen äußern Umständen des Lebens, selbst unter den scheinbar traurigsten, ein sicheres tiefgefühltes und unzerstörbares Glück zu gründen.
   
Zitate aus: Heinrich von Kleist: Aufsatz, den sicheren Weg des Glücks zu finden und ungestört – auch unter den größten Drangsalen des Lebens – ihn zu genießen, Erstdruck in: Sämtliche Werke, hg. v. Theophil Zolling, Stuttgart 1885, online beimProjekt Gutenberg 

Donnerstag, 25. September 2014

Camus und die metaphysische Revolte Epikurs

Albert Camus (1913 – 1960) 
Albert Camus ist einer der bedeutendsten französischen Autoren des 20. Jahrhunderts und herausragender Vertreter des philosophischen Existentialismus.

Neben dem „Mythos von Sisypos“ (1942) ist es vor allem das zweite philosophische Hauptwerk „Der Mensch in der Revolte“ (1951), das Camus berühmt machte.

Ausgangspunkt von Camus Denken ist das Absurde. Damit beschreibt Camus die unüberbrückbare Zerrissenheit, Ambivalenz und Sinnlosigkeit als unvermeidbare Grundgegebenheit des menschlichen Daseins, die der Mensch im Verlauf seines Lebens immer wieder erlebt und von der er erschüttert wird.

Menschliche Würde verwirklicht sich angesichts des Absurden nur durch das bewusste Standhalten und die permanente Auflehnung gegen das Absurde. Der Selbstmord kann hier kein Ausweg sein, denn sich selbst zu töten, würde dem Menschen ja gerade die Möglichkeit nehmen, sein wahres Menschsein zu verwirklichen. 

So schreibt Camus: „Es gibt für den Menschen keine Freiheit, solange er seine Angst vor dem Tod nicht überwunden hat. Aber nicht durch Selbstmord. Um zu überwinden, darf man sich nicht aufgeben.“

"Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz ausfüllen.
Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen." (Camus)

Diese ständige Auflehnung gegen das Absurde ist die Revolte, eine ihrer Spielarten ist die metaphysische Revolte.  Sie besteht zunächst darin, „dass der Mensch an der transzendenten Sinngebung seiner Existenz zu zweifeln beginnt und gegen die transzendente Rechtfertigung des Leidens und des Sterbens revoltiert.“ 

Man darf die metaphysische Revolte jedoch nicht mit Atheismus gleichsetzen: „Der Revoltierende fordert eher heraus, als dass er leugnet. Am Anfang wenigstens beseitigt er Gott nicht, er spricht einzig als Ebenbürtiger mit ihm.“ Wer metaphysisch revoltiert, sei also nicht notwendig ein Gottesleugner, aber er ist unweigerlich ein Gotteslästerer.

„In den letzten Augenblicken des antiken Denkens“ nun findet die metaphysische Revolte ihre Sprache in der Philosophie Epikurs:

Epikur (341 - 270 v. Chr.)
„Die erschütternde Trauer Epikurs … ist zweifellos von einer Angst vor dem Tod eingegeben, welche dem griechischen Geist nicht fremd ist. Aber der pathetische Akzent dieser Angst ist aufschlussreich. `Man kann sich gegen alles sichern, doch was den Tod betrifft, bleiben wir wie die Bewohner einer geschleiften Festung.´ Weshalb also den Genuss auf später verschieben?

`Mit Warten´, sagt Epikur, `zehren wir unser Leben auf, und wir arbeiten uns alle zu Tode.´ Also muss man sich dem Genuss ergeben. Doch welch befremdlicher Genuss! Er besteht darin, die Fenster der Festung zuzumauern, sich des Brotes und des Wassers im stillen Schatten zu versichern. Da der Tod uns bedroht, muss man beweisen, dass der Tod nichts ist. (…)

`Der Tod ist nichts in Bezug auf uns, denn was aufgelöst ist, ist unfähig zu empfinden, und was nicht empfindet, ist nichts für uns.´ Ist es das Nichts? Nein, denn alles ist Materie in dieser Welt, und Sterben heißt nur, zum Urstoff zurückzukehren. Das Sein ist der Stein. Die einzigartige Wollust, von der Epikur spricht, besteht vor allem in der Abwesenheit von Schmerz; das ist das Glück der Steine.

Um dem Schicksal zu entgehen, tötet Epikur, mit einer herrlichen Bewegung, die wir bei unseren Klassikern wiederfinden, die Sensibilität und zuvörderst den ersten Schritt der Sensibilität: die Hoffnung.

Was der griechische Philosoph von den Göttern sagt, heißt nichts anderes. Alles Unglück der Menschen stammt von der Hoffnung, die sie dem Schweigen der Festung entreißt und sie auf die Wälle treibt in Erwartung des Heils. Diese unvernünftige Bewegung hat keine andere Wirkung, als sorgfältig verbundene Wunden neu zu öffnen.

Der wahre Genuss liegt im Verzicht:
"... sich des Brotes und des Wassers im stillen Schatten zu versichern ..."

Deshalb leugnet Epikur die Götter nicht, er entfernt sie so schwindelnd weit, dass die Seele keinen anderen Ausweg hat, als sich aufs Neue einzumauern. `Das glückselige und unsterbliche Wesen hat nichts zu tun und gibt niemandem etwas zu tun.´ (…) Vergessen wir also die Götter, denken wir nie an sie, und `weder eure Gedanken bei Tag noch eure Träume bei Nacht werden euch Unruhe verursachen.´ (…)

[So] urteilt Epikur, dass, da man sterben muss, das Schweigen des Menschen dieses Geschick besser vorbereitet als die Worte der Götter. Die lange Bemühung dieses seltsamen Geistes erschöpft sich darin, um den Menschen eine Mauer zu errichten, die Festung neu zu panzern und ohne Gnade den ununterdrückbaren Schrei der menschlichen Hoffnung zu ersticken.

Ist dieser strategische Rückzug einmal abgeschlossen, dann erst wird Epikur, gleich einem Gott inmitten der Menschen, das Siegeslied anstimmen, das den defensiven Charakter seiner Revolte gut ausdrückt:

`Ich habe deine Schlichte durchkreuzt, o Schicksal, ich habe alle Wege verrammelt, auf denen du mich erreichen konntest. Wir lassen uns weder von dir noch einer anderen bösen Macht besiegen. Und wenn die Stunde des unvermeidlichen Aufbruchs geschlagen hat, wird unsere Verachtung für die, welche sich vergeblich ans Dasein klammern, in die schönen Worte ausbrechen: Ah, wie würdig haben wir gelebt!´“

Zitate aus: Albert Camus: Der Mensch in der Revolte, Reinbek 2013 (Rowohlt)


Donnerstag, 27. März 2014

John Stuart Mill und die Nützlichkeit

John Stuart Mill (1806 - 1873)
John Stuart Mill war einer der einflussreichsten und vielseitigsten Philosophen des 19. Jahrhunderts. Als engagierter Bürgerrechtler und Publizist im viktorianischen England setzte er sich u.a. für ein allgemeines Bildungs- und Erziehungssystem ein, das auf Freiheit, Individualität, eigenständigem Denken und Kritikfreudigkeit beruht. Weiter setzte er sich in seiner Schrift „Über die Freiheit“ für die Frauenemanzipation und das Frauenwahlrecht ein. Aber Mill machte sich auch als Wirtschaftstheoretiker und Historiker einen Namen.

Mill gilt als Mitbegründer mehrer bedeutender Richtungen in der modernen Philosophie. Als Positivist strebte er nch einem streng  wissenschaftlichen Weltbild und verlangte daher, dass alles menschliche wissen sich durch das den Sinnen unmittelbar Gegebene (eben das „Positive“) begründen lassen muss. Als einer der Väter des modernen Liberalismus sah er die Hauptaufgabe des Staates im Schutz der individuellen Freiheit. In der Geschichte der philosophischen Ethik gilt Mill neben Jeremy Bentham als Vertreter des klassischen Utilitarismus.

In seiner Schrift „Utilitarismus“ entwirft Mill nicht nur eine ethische Theorie, die die Aufgabe der Moral dahingehend beschreibt, das Glück der Gemeinschaft, d.h. das Allgemeinwohl zu befördern, sondern er beschäftigt sich auch mit den Einwänden, die gegen das Nützlichkeitsprinzip in der Ethik vorgebracht wurden (und z.T. auch noch werden).

Mill definiert zunächst das ethische Prinzip des Utilitarismus wie folgt: „Die Auffassung, für die die Nützlichkeit oder das Prinzip des größten Glücks die Grundlage der Moral ist, besagt, dass Handlungen insoweit und in dem Maße moralisch richtig sind, als sie die Tendenz haben, Glück zu befördern, und insoweit moralisch falsch, als sie die Tendenz haben, das Gegenteil von Glück zu bewirken. Unter `Glück´ ist dabei Lust (pleasure) und das Freisein von Unlust (pain), unter `Unglück´ Unlust und das Fehlen von Lust verstanden.“

Mill gibt zu, dass natürlich nun gesagt werden müsse, „was die Begriffe Lust und Unlust einschließen sollen“, gleichwohl änderten solche Erklärungen nichts an der Lebensauffassung, auf der die Theorie des Utilitarismus wesentlich beruht: „dass Lust und das Freisein von Unlust die einzigen Dinge sind, die als Endzwecke wünschenswert sind, und dass alle anderen wünschenswerten Dinge (die nach utilitaristischer Auffassung ebenso vielfältig sind wie nach jeder anderen) entweder deshalb wünschenswert sind, weil sie selbst lustvoll sind oder weil sie Mittel sind zur Beförderung von Lust und zur Vermeidung von Unlust.“

Mill ist sich bewusst, dass eine solche Lebensauffassung bei vielen Menschen – „darunter manchen, deren Fühlen und Trachten im höchsten Maße achtenswert ist“ – auf deutliche Kritik stößt. Der Gedanke also, dass das Leben „keinen höheren Zweck“ habe als die Lust oder „kein besseres und edleres Ziel des Wollens und Strebens“ erscheint manchem als „niedrig und gemein“, geradezu „als eine Ansicht, die nur der Schweine würdig wäre.“

Mit diesem Vorwurf habe sich auch schon Epikur – der Vertreter des antiken Hedonismus – auseinandersetzen müsse. Und schon dieser habe auf diese Vorwürfe stets geantwortet, dass nicht sie, sondern ihre Ankläger es sind, „die die menschliche Natur in entwürdigendem Lichte erscheinen lassen, da die Anklage ja unterstellt, dass Menschen keiner anderen Lust fähig sind als der, deren auch Schweine fähig sind.“



Natürlich sind den antiken Hedonisten bei der Ableitung von Konsequenzen aus dem utilitaristischen Prinzip Fehler unterlaufen – beispielsweise beim unbegrenzten positiven Hedonismus eines Aristippos. Daher müsse man am besten Kriterien der stoischen und christlichen Ethik mit in die Ableitung integrieren.

Grundsätzlich jedoch Mill verteidigt die Idee, dass die Menschen im Grundsatz höhere Fähigkeiten als bloß tierische Gelüste haben. Denn schließlich schreibe auch die epikureische Lebensauffassung „den Freuden des Verstandes, der Empfindung und Vorstellungskraft sowie des sittlichen Gefühles“ einen weit höheren Wert zu als denen der Sinnlichkeit.

Diese Höherwertigkeit der geistigen Freuden ist nicht nur in ihrer größeren Dauerhaftigkeit oder Verlässlichkeit erkennbar. „Die Anerkennung der Tatsache, dass einige Arten der Freude wünschenswerter und wertvoller sind als andere, ist mit dem Nützlichkeitsprinzip durchaus vereinbar. Es wäre unsinnig anzunehmen, dass der Wert einer Freude ausschließlich von der Quantität abhängen sollte, wo doch in der Wertbestimmung aller anderen Dinge neben der Quantität auch die Qualität Berücksichtigung findet.“

Glück – in der oben genannten Bedeutung von `pleasure´ – ist somit für Mill ein legitimes moralisches Gut, sowohl für jedes Individuum als auch für die Gemeinschaft: „Damit hat das Glück seinen Anspruch begründet, eines der Zwecke des Handelns und folglich eines der Kriterien der Moral zu sein.“

Die Gegner des Utilitarismus aber würden nun einwenden, dass es neben dem Glück auch noch weitere Zwecke des menschlichen Handelns gibt, etwa die Tugend oder das Freisein vom Laster.

Das hieße aber, so Mill, dass der Utilitarismus bestreiten würde, dass Menschen auch nach Tugend strebten oder dass er gar behaupten würde, dass Tugend nicht erstrebenswert sei. „Im Gegenteil. Er behauptet nicht nur, dass Tugend erstrebenswert ist, sondern dass sie uneigennützig, um ihrer selbst willen erstrebt werden sollte.“
 
Die Tugend
So setzten die Utilitaristen die Tugend nicht nur „an die Spitze der Dinge, die als Mittel zu jenem letzten Zweck gut sind“, sondern  sie „erkennen es auch als eine psychologische Tatsache an, dass sie für den Einzelnen ein an sich selbst und ohne äußeren Zweck wertvolles Gut werden kann.“ Weiter würden die Utilitaristen behaupten, „dass sich das menschliche Bewusstsein nicht im richtigen – dem Nützlichkeitsprinzip gemäßen, dem allgemeinen Glück am förderlichsten – Zustand befindet, wenn es die Tugend nicht in dieser Weise liebt – als etwas, das um seiner selbst willen erstrebenswert ist.“

Mill wehrt sich somit dagegen, Tugend und die Suche nach dem Glück gegeneinander auszuspielen, wie es die Kritiker des Utilitarismus tun würden. Der Grund dafür ist einfach: „Die Bestandteile des Glücks sind sehr verschiedenartig und jeder einzelne Bestandteil ist um seiner selbst willen erstrebenswert und nicht nur insofern, als sich die Gesamtsumme durch ihn erhöht (…) Sie sind nicht nur Mittel zum Zweck, sie sind auch Teile des Zwecks.“

So ist die Tugend nach utilitaristischer Auffassung nicht ursprünglich und von Natur aus Teil des Zwecks, aber sie kann dazu werden; „und bei denen, die die Tugend ohne eigennützige Motive lieben, ist sie dazu geworden und wird von ihnen nicht als Mittel zum Glück, sondern als Teil des Glücks erstrebt und geschätzt.“

Zitate aus: John Stuart Mill: Utilitarismus, in: Otfried Höffe: Einführung in die utilitaristische Ethik, München 1975 (C.H.Beck), S. 60ff

Donnerstag, 19. Januar 2012

Aristippos und der Hedonismus

Wahrscheinlich ließ sich Hieronymus Bosch bei seinem Bild „Die sieben Todsünden“ durch die Moralsatire „Das Narrenschiff“ von Sebastian Brant inspirieren. Demnach sind all jene Narren, die sich den Todsünden hingeben. Völlerei, Faulheit, Wollust, Eitelkeit, Zorn, Neid und Habgier sind nichts anderes als der Ausdruck einer verfehlten hedonistischen Lebensführung. 

Die sieben Todsünden (Hieronymus Bosch) 

Im Gegensatz zum Eudaimonismus des Aristoteles besteht für den Hedonismus die Glückseligkeit in der Bedürfnisbefriedigung. Die Hedonisten behaupten, dass sich menschliches Handeln und Streben letztlich immer um der Lust und des Genusses willen vollzieht. Allerdings muss man beim Hedonismus unterscheiden zwischen seiner positiven und negativen Variante.

Aristippos von Kyrene (um 435-355 v.Chr.), der wichtigste Vertreter des positiven Hedonismus, versteht unter Lust die Befriedigung von Bedürfnissen und Wünschen ohne Rücksicht auf einschränkende Vorschriften, „denn mag auch die Handlung verächtlich sein, die Lust rein für sich genommen ist doch um ihrer selbst willen erstrebenswert (Diog. Laert. II,8,88)

Für Aristippos gibt es auch keinen qualitativen Unterschied zwischen den Lüsten, geht es ihm doch nur um eine intensive – vorwiegend körperliche und nicht intellektuelle - Lustempfindung. Diogenes Laertius berichtet, dass Aristippos „jede Lust genoss, die der Augenblick bot, ohne ängstlich nach Genüssen zu jagen, die in dunkler Ferne liegen“ (II,8,66).
 

Über sein Verhältnis zur Lust äußert sich Aristippos selbstbewusst: „Ich bin ihr Herr und nicht ihr Knecht; denn zu gebieten über die Lust und ihr nicht zu unterliegen, das ist wahrhaft preiswürdig, nicht sie sich zu versagen“ (Diog. Lart. II,8,75).

Völlerei 

Kritikern seines verschwenderischen Lebensstils hielt Aristippos entgegen: „Wäre das verwerflich, so würde es gewiss bei den Göttern nicht zulässig sein“ (Diog. Laert. II,8,68).

Mit der alleinigen Ausrichtung des Lebens auf die Bedürfnisbefriedigung verbindet sich eine Abwendung vom Staat. In einem Gespräch mit Sokrates weist Aristippos jedes politisches Engagement für das Gemeinwesen zurück: „Es scheint mir nämlich durchaus Sache eines törichten Menschen zu sein, sich nicht zu begnügen mit der großen Last, welche die Befriedigung der eigenen Bedürfnissen aufbürdet, sondern es dazu auf sich zu nehmen, auch noch die übrigen Bürger mit dem Notwendigen zu versorgen und sich selbst vieles, was man gern möchte, zu versagen“ (Xenophon II,1).

Im Gegensatz zu Aristippos steht Epikur (341-270 v.Chr.) für den negativen Hedonismus. Auch für ihn ist „die Lust Anfang und Ende des glücklichen Lebens. Denn sie haben wir als das erste und uns angeborene Gut erkannt. Von ihr gehen wir aus, wenn wir etwas wählen oder vermeiden wollen“ (Brief an Menoikeus).

Epikur nun findet das Höchstmaß an Lust in der Selbstgenügsamkeit (gr. αὐτάρκεια) und der vernunftgeleiteten Einschränkung der Bedürfnisse: „Wir halten auch die Selbstgenügsamkeit für ein großes Gut, aber nicht, um uns immer mit dem Wenigem zu begnügen, sondern damit wir, wenn wir das Viele nicht haben, mit dem Wenigen auskommen. Wir vertreten also die Überzeugung, dass die Menschen den Überfluss am süßesten genießen, die am wenigsten auf ihn angewiesen sind“ (ebd.)

Das Ziel eines glücklichen Lebens ist nach Epikur die Ataraxia (gr. ἀταραξία), also „weder Schmerzen des Leibes zu erleiden noch Störung des Seelenfriedens“ (ebd.).

Ein lustvolles Leben durch Selbstgenügsamkeit und Enthaltsamkeit, eine Lebensführung nach dem „Weniger ist mehr“, wahrlich kein schlechter Ansatz in Krisenzeiten... .

Zitate aus: Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen, Bd. 1, Bücher I-VI, Hamburg 2008 (Meiner) -- Xenophon, Erinnerungen an Sokrates, Düsseldorf 2003 (Artemis und Winkler) -- Epikur: Brief an Menoikeus, in: Epikur: Von der Überwindung der Angst, München 1983 (dtv) -- Weitere Literatur: Jörg Peters und Bernd Rolf: Ethik im Bild, Bamberg 2003 (C.C: Buchner)

Samstag, 31. Dezember 2011

Aristoteles und die Eudaimonia


Brueghels berühmtes Bild „Das Schlaraffenland“ bezieht sich auf das im 16. Jahrhundert entstandene Märchen „Das Schlaraffenland“ - wörtlich „Das Land der faulen Affen“ -, ein fiktiver Ort, in dem alles im Überfluss vorhanden ist: 

Das Schlaraffenland - Pieter Brueghel d.Ä. (1525 - 1569) 

„Da sind die Häuser gedeckt mit Eierfladen, und Türen und Wände sind von Lebkuchen, und die Balken von Schweinebraten. Um jedes Haus steht ein Zaun, der ist von Bratwürsten geflochten. Alle Brunnen sind voll süßer Weine, die rinnen einem nur so in das Maul hinein.“

In den Flüssen fließen Milch, Honig oder Wein statt Wasser. Alle Tiere sind bereits vorgegart und bieten sich mundfertig den Hungrigen an: 

„Die Fische schwimmen in dem Schlaraffenlande oben auf dem Wasser, sind auch schon gebacken oder gesotten, und wenn einer ganz faul ist, der braucht nur rufen – so kommen die Fische auch heraus aufs Land spaziert und hüpfen dem guten Schlaraffen in die Hand. Die Spanferkel geraten dort alle Jahr überaus trefflich; sie laufen gebraten umher und jedes trägt ein Transchiermesser im Rücken, damit, wer da will, sich ein frisches saftiges Stück abschneiden kann.“

Genuss gilt als die größte Tugend der Schlaraffen, harte Arbeit und Fleiß werden dagegen als Sünde betrachtet. Das Schlaraffenland ist das Paradies des Nichtstuns.
Auch für die Schlafsäcke und Schlafpelze, die bei uns von ihrer Faulheit arm werden und betteln gehen müssen, ist jenes Land vortrefflich. Jede Stunde Schlafens bringt dort einen Gulden ein, und jedes Mal Gähnen einen Doppeltaler.

Wer gern arbeitet, Gutes tut und Böses lässt, der wird von jedermann verachtet, und er wird Schlaraffenlandes verwiesen. Wer nichts kann, als schlafen, essen, trinken, tanzen und spielen, der wird zum Grafen ernannt. Dem aber, welchen das allgemeine Stimmrecht als den faulsten und zu allem Guten untauglichsten erkannt, der wird König über das ganze Land, und hat ein großes Einkommen.“

Das Märchen und das Bild Brueghels verweisen auf die Frage, was einen Menschen glücklich macht. In der antiken griechischen Philosophie wurden dazu Ansätze entwickelt, die auch heute noch von Bedeutung sind.

Für den Hedonismus erreicht man das Glück durch die Befriedigung der Bedürfnisse. Der Vertreter des positiven Hedonismus, Aristippos von Kyrene (435 - 355 v. Chr.), fordert daher eine unmittelbare Bedürfnisbefriedigung ohne Rücksicht auf einschränkende Vorschriften. Der negative Hedonismus in der Tradition Epikurs (341 - 270 v. Chr.) dagegen sieht Glück eher in der Selbstgenügsamkeit (gr. αὐτάρκεια) und in der vernunftgeleiteten Einschränkung der Bedürfnisse, die letztlich ein höheres Maß an Befriedigung verspricht – ähnlich dem modernen „Weniger ist mehr“.
 
Seine klassische Ausprägung erreicht die antike Glücksethik jedoch in Aristoteles´
Eudaimonismus. Ihm zufolge ist die Glückseligkeit dann erreicht, wenn sich drei Glücksformen bei einem Menschen in einem harmonischen Verhältnis befinden (Nikomachische Ethik, I.3.). 
 
Die erste Form ist ein Leben der Lust und der Vergnügungen, die zweite ein Leben als freier und verantwortungsbewusster Bürger. Diese beiden Formen lassen sich auch als vita activa beschreiben. 
 
Die dritte Form des Glücks besteht in der Lebensform eines Forschers und Philosophen, ein Leben, das ganz der geistigen Schau (gr. Θεωρείν = „das Göttliche betrachten“) und der Erkenntnis, also der vita contemplativa gewidmet ist.
 
Mit diesen Glücksformen verbunden ist im aristotelischen Eudaimonismus
der Begriff der „Mitte“, denn das Bemühen um das rechte Maß bei allen unseren Handlungen, Emotionen und Begierden führt direkt zu einem tugendhaften Leben. 

So ist beispielsweise die Tugend der Tapferkeit eine Mitte zwischen den Lastern Tollkühnheit und Feigheit. Die Mitte findet sich also zwischen den Extremen des Zuviel und Zuwenig. Sie ist jedoch keine mathematisch berechenbare Größe, sondern wird situationsanhängig als Beschreibungsmodus verwendet, als „ein Verhalten der Entscheidung, begründet in der Mitte im Bezug auf uns, einer Mitte, die durch Vernunft bestimmt wird und danach, wie der Kluge bestimmen würde“ (Nikomachische Ethik, II.6.).

Im Schlaraffenland ließe sich nach Aristoteles die Glückseligkeit jedenfalls nicht erreichen, bleibt doch das Leben auf die Glücksform der Lust und des Vergnügens beschränkt. Aber wahrscheinlich ließe sich Aristoteles allein schon von den Einreisebedingungen ins „Land der faulen Affen“ abschrecken: „Um das ganze Land herum ist nämlich eine berghohe Mauer von Reisbrei. Wer hinein oder heraus will, muss sich da erst durchfressen.“

Zitate aus: Ludwig Bechstein: Sämtliche Märchen, Düsseldorf 2011 (Artemis & Winkler), im Projekt Gutenberg unter http://gutenberg.spiegel.de/buch/4510/22 -- Aristoteles: Ethik, München 1991 (dtv) -- Epikur: Brief an Menoikeus, in: Epikur: Von der Überwindung der Angst, München 1983 (dtv)

Weitere Literatur: Hans Sachs: Das Schlaraffenland, im Projekt Gutenberg unter http://gutenberg.spiegel.de/buch/5222/3 -- Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen, Bd. 1, Bücher I-VI, Hamburg 2008 (Meiner) -- Jörg Peters und Bernd Rolf: Ethik im Bild, Bamberg 2003 (C.C: Buchner)