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Donnerstag, 14. September 2017

Ian Buruma, Avishai Margalit und der Hass auf den Westen (Teil 1)

Ein „Okzidentalist“ ist nicht etwa ein Anhänger des Westens und westlicher Ideen, sondern ihr schlimmster Feind. In diesem Sinne verwenden jedenfalls Ian Buruma, ehemalige Professor für Demokratie, Menschenrechte und Journalismus am Bard College in New York und der israelische Philosoph Avishai Margalit den Begriff „Okzidentalismus“. 

Ian Buruma
Sie verstehen unter Okzidentalismus eine Ideologie des Hasses gegen den Okzident, gegen westliche Gesellschaftsstrukturen und Werte. Okzidentalis-mus darf jedoch nach Meinung von Buruma und Margalit in naiver Vereinfachung mit Antiamerikanismus gleichgesetzt werden. Das Phänomen des Hasses auf den Westen findet sich nämlich gleichermaßen in der deutschen Romantik wie in der westlichen konservativen Kulturkritik, im Japanischen Kaiserreich wie in der Rhetorik der Nationalsozialisten, bei der antiimperialistischen Linken ebenso wie bei Islamisten.

Dem kritischen Lesen mag manche These in Ian Burumas und Avishai Margalits Essay "Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde" gelegentlich überzogen vorkommen, dennoch sind ihre Ausführungen insgesamt überaus aufschlussreich, vor allem der Versuch, den aktuellen Islamismus in eine größere, historische Perspektive des "Hasses auf den Westen" zu stellen.

Buruma, und Margalit argumentieren an zentraler Stelle, dass der Islamismus in seinem Hass auf den Westen - und damit die Feindseligkeit gegen Rationalismus, gegen den angeblichen Krämergeist, die Wurzellosigkeit der Stadt, gegen die Seelenlosigkeit des Agnostikers sich in bunter Gesellschaft befindet, mit historischen Erweckungsbewegungen ebenso wie mit der deutschen Romantik, mit japanischen Antiwestlern und slawophilen Volkstümlern, mit Maos Bauernkommunismus und auch mit gewissen Spielarten aktueller linker Globalisierungskritik

"Der Islam wird die Welt beherrschen." - "Die Freiheit kann zur Hölle fahren."
"Die Sharia ist die wahre Lösung."

Der Angriff auf den Westen, so Buruma und Margalit ist unter anderem ein Angriff auf den Geist des Westens. „Dieser Geist des Westens wird von den Okzidentalisten häufig als eine Art höherer Idiotie dargestellt. Mit dem Geist des Westens ausgestattet zu sein heißt, ein dummer Gelehrter zu sein, der geistig zurückgeblieben ist, aber eine besondere Begabung für arithmetische Berechnungen besitzt. Dieser Geist ist seelenlos, effizient wie eine Rechenmaschine, aber ein hoffnungsloser Fall, wenn es darum geht, menschlich wichtige Dinge zu tun.“

Natürlich – und das gestehen selbst die Gegner des Westens ein – könne der Geist des Westens große ökonomische Erfolge erringen, fortgeschrittene Technologien entwickeln und verbreiten, doch die höheren Dinge des Lebens blieben ihm verschlossen, denn ihm fehlten intuitives Denken und damit letztlich Spiritualität.

Daß intuitives Denken dem abwägenden und diskursiven Denken überlegen sei, ist eine Vorstellung, die wir der Romantik zu verdanken haben. In der Zuordnung von Verstand und Seele stünde die Seele demnach für nichtdiskursives Denken, der Verstand für diskursives Denken. Lege man zu große Betonung auf den Verstand, so verringert sich die Rolle des intuitiven und nichtdiskursiven Denkens.

Der Geist des Westens sei in den Augen der Okzidentalisten – nicht nur der Romantiker – aber nun ein beschränkter Geist, mit dessen Hilfe man vielleicht den besten Weg findet, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, der jedoch völlig unbrauchbar ist, wenn man den richtigen Weg finden will – letztlich das Ziel aller religiösen und utopischen Geister – den Weg zum Heil.

Der Rationalitätsanspruch des Geistes und seiner Vernunft sei ohnehin nur die halbe Wahrheit – und zwar die wertlosere Hälfte. „Wenn mit Rationalität die instrumentelle Vernunft gemeint ist, welche die Mittel dem jeweiligen Zweck anpaßt, und zwar im Unterschied zur Wertrationalität, mit deren Hilfe man sich für den richtigen Zweck entscheidet, dann verfügt der Westen über jede Menge von ersterer und kaum etwas von letzterer. Der westliche Mensch ist demzufolge ein hyperaktiver, stets geschäftiger Körper, der immer nur die richtigen Mittel für den falschen Zweck findet.“

Schon Isaiah Berlin betrachtete die Romantik als Teil der Gegenaufklärung. Insbesondere bei Martin Heidegger ließe sich dieser „Kurzschluss zwischen Romantik und Politik" sehr gut beobachten, nämlich „die Machtergreifung der subjektiven Einbildungskraft zuerst auf geistigem Gebiet und dann in der Politik." Isaiah empfiehlt daher, dass „der Dionysiker erst ausnüchtern sollte, ehe er politischen Boden betritt.“.

Waren die Denker der Aufklärung der optimistischen Ansicht, die Menschheitsgeschichte stelle ein lineares Fortschreiten in Richtung einer glücklicheren, vernünftigeren Welt dar, griff das romantische Denken auf uralte religiöse Vorstellungen wie Unschuld, Fall und Erlösung zurück. Der Romantiker hat stets das Gefühl, er sei tief gefallen und befinde sich ganz unten, von wo aus er den Blick nach oben richtet in der Hoffnung auf Erlösung. Dieser Fall ist gekennzeichnet durch „völlige Fragmentierung“ und durch eine dreifache Entfremdung: vom eigenen wahren Ich, von den Mitmenschen und von der Natur bzw. vom wahren Gott.

Für die Romantiker liegen die Hauptgründe für diese Fragmentierung in der Arbeitsteilung und im Wettbewerb der Märkte. Ihr Szenario einer metaphysischen Erlösung soll daher vor allem die Sehnsucht nach Einheit und Harmonie stillen. Der Romantiker ist allerdings freilich alles andere als ein Optimist. Es gibt keine Garantie, daß man die Entfremdung jemals wird überwinden können, und der nichtbürgerliche Romantiker ist somit für immer vom ständigen Streben nach der verlorenen Einheit getrieben.

Das ließe sich jedoch ertragen, denn für den Romantiker stehen die Suche und das Streben an erster Stelle, ganz gleich ob das Ziel jemals erreicht wird - selbst wenn man sich selbst und andere in die Lust sprengt ...

Da gemäß dem romantischen Denkmuster die Unschuld vor dem Fall kommt, neigt romantische Politik dazu, von nostalgischen Empfindungen durchdrungen zu sein. Ob das mittelalterliche Europa, das frühe Christentum, die Hochzeiten des russischen Mönchtums, das alte Japan oder das islamische Kalifat in Al-Andalus – das alles dient als Modell für das Bemühen, die verlorene Harmonie der Vergangenheit, die "Einheit" wiederherzustellen.

Interessanterweise entspricht das Vokabular der Romantik in vielen Fällen dem des Okzidentalismus: Im Hinblick auf den den Geist ist »organisch« beispielsweise ein positiv und »mechanisch« ein negativ konnotiertes Wort. Der organische Geist versetzt das Individuum in die Lage, eins zu sein mit sich, mit anderen und mit der Natur bzw. mit Gott.

Kirejewski (1806 - 1856)
Auch Iwan Wassiljewitsch Kirejewski, einer der wichtigsten slawophilen Theoretiker und wesentlich durch die Romantik beeinflusst, machte sowohl den Rationalismus als auch die Vernünftigkeit als verwerfliche Elemente des westlichen Geistes aus. 

Aristoteles, so Kirejewskij, sei dafür verantwortlich, daß sich der Geist des Westens nach dem unabänderlichen Muster der Vernünftigkeit geformt habe. Glücklicherweise jedoch sei es ihm nicht gelungen, diese Vorstellung seinem berühmtesten Schüler zu vermitteln, nämlich Alexander dem Großen, der gerade deswegen Größe bewiesen habe, weil er nach Ruhm gestrebt habe und nicht nach dem eher belanglosen Ideal, vernünftig zu sein. 

Vernünftigkeit, so Kirejewskij, sei nichts anderes als das „Streben nach dem Besseren innerhalb des engen Zirkels des Gewöhnlichen“. Vernünftigkeit sei ängstliche Klugheit, ein Aufruf zu ausgeprägter Mittelmäßigkeit, sie gründe auf banaler, konventioneller Weisheit, dem Gegenteil wahrer Weisheit. Man habe Angst, originell und ursprünglich zu sein, um nicht als Extremist zu gelten, das Schlimmste, was einem im feigen Westen passieren könne. 

Vernünftigkeit ist somit gleichsam die Kurzformel für den nicht-heroischen Geist, sondern auch von antiliberalen Denkern die schon immer den Händler verachteten, aber den Helden verehrten.

Vernünftig zu sein bedeutet für die meisten - vernünftigen - Menschen Klugheit, Beständigkeit und ein gewisses Maß an Voraussicht. Dazu gehört überdies die Bereitschaft, auf die Vernunft zu hören und aus eindeutigen, nachvollziehbaren Gründen zu handeln. In diesem Sinne ist vernünftig gleichbedeutend mit rational.

Kirejewskij – wie auch andere Okzidentalisten nach ihm – betrachtete Klugheit dagegen als Ängstlichkeit, Beständigkeit als Langeweile und Voraussicht als Streben nach einem uninspirierenden, wohlbehüteten Leben. All das fand Kirejewskij bei Aristoteles – denn Aristoteles nahm allgemein verbreitete Überzeugungen und den gesunden Menschenverstand in der Tat ernst. 

Der Hauptvorwurf jedoch, den Iwan Kirejewskij und andere gegen den Geist des Westens erhoben, ist demnach sein übertriebener Rationalismus. Für Kirejewskij sind das Gefühl, die Erinnerung, die Wahrnehmung, die Sprache und so weiter jedoch mindestens genauso wichtig.

Nun ist Rationalismus landläufig die Überzeugung, einzig und allein die Vernunft könne die Welt verständlich machen. Das hängt mit der Vorstellung zusammen, die Wissenschaft sei die einzige Quelle, um Naturphänomene wirklich zu verstehen. Andere Erkenntnisformen, und hier vor allem die Religion, werden von Rationalisten als potentieller Aberglauben abgetan – zumindest dann, wenn es um die beweisbare Erklärung von Naturphänomenen geht.


Neben dem naturwissenschaftlichen Rationalismus gibt es noch den politischen Rationalismus, der behauptet, die Gesellschaft lasse sich – im besten Fall - demokratisch organisieren und die aktuellen menschlichen Probleme durch Herstellung eines gemeinsamen Konsens lösen, mit Hilfe eines eben rationalen Entwurfs, der bestimmt ist von allgemeinen und universellen moralischen und logischen Prinzipien.

In den Augen der Okzidentalisten hat sich der arrogante Westen aber gerade hier der Sünde des Rationalismus schuldig gemacht, also der Anmaßung zu glauben, mittels der Vernunft könne der Mensch alles wissen und erkennen, was es auf dieser Welt zu wissen und zu erkennen gibt.

So lässt sich der Okzidentalismus verstehen als Ausdruck eines verbitterten Unmuts gegenüber der offenen Demonstration westlicher Überlegenheit, die auf der vermeintlichen Überlegenheit der Vernunft beruht. Heute lässt sich der Hass auf die „Ausbreitung des szientistischen Glaubens“, also des Vertrauens in die Wissenschaft als einzigem Weg der Erkenntnis, hervorragend am Beispiel revolutionärer Islamisten erkennen.

(Fortsetzung folgt)


Zitate aus: Ian Buruma /Avishai Margalit: Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde, München 2015

Donnerstag, 5. September 2013

Hölderlin und der Verstand


In dankbarer Erinnerung an Johannes Heldt 
(06.05.1936 - 12.03.2004)




Johann Christian Friedrich Hölderlin (1770 - 1843) ist einer der bedeutendsten deutschen Lyriker der Romantik. Grundlegend für das Verständnis Hölderlins ist seine Sichtweise der altgriechischen Kultur, das sich gleichwohl von dem idealistischen Griechenlandbild vieler seiner Zeitgenossen unterscheidet, da Hölderlin die dem Geschmack der Zeit nicht genehmen Züge der griechischen Kultur nicht klassizistisch glätten wollte.

In seinem frühen Briefroman Hyperion oder Der Eremit in Griechenland (erschien in zwei Bänden 1797 und 1799) stellte Hölderlin seine Vorstellung der antiken griechischen Kultur dar.

Die Handlung ist schnell zusammengefasst, geht es doch in dem Werk vor allem um die inneren Erfahrungen des Protagonisten: Hyperion, der rückschauend seinem deutschen Freund Bellarmin von seinem Leben berichtet, wächst in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Südgriechenland im Frieden der Natur auf. Er ist ein Idealist reinster Prägung, der von seinem Lehrer Adamas in das Zauberland der griechischen Götter eingeführt wird und sich – begeistert für die griechische Vergangenheit – aufmacht, einen neuen goldenen Zustand heraufzuführen, in dem Gott, Natur und Mensch wieder eins sind.

Sein Freund Alabanda, ein Tatmensch, weiht ihn in die Pläne zur Befreiung Griechenlands von der osmanischen Herrschaft ein. Dieser ist es auch, der Hyperoin schließlich zu einem übereilten Eingreifen in den griechischen Aufstand 1770 gegen die Türken verführt. Dort zeigt sich, dass seine Zeitgenossen noch nicht reif sind für seine hohen Ideale. Unterwegs lernt Hyperion Diotima kennen, die ihn – vergebens – lehrt, nicht zu schwärmen, sondern sich ernst zu bilden.

Diotima
Das Unternehmen endet in einer Katastrophe: Hyperion Er wird schwer verwundet, Alabanda muss fliehen und Diotima stirbt. Hyperion beginnt schließlich ein Leben als Eremit in Griechenland, wo er seine Trauer über die Armut und Starre der Gegenwart vor dem Abbild des antiken Griechenland ausleben kann.

Verzweifelt an den Menschen, an der Liebe und auch an der Philosophie, sucht Hyperion sein letztes Heil in resignierter Naturliebe. Die Natur wird für ihn die alleinige Geisteswirklichkeit: „O du mit deinen Göttern, Natur! Ich hab ausgeträumt, von Menschendingen den Traum, und sage: Nur du lebst …“

Aus dieser Perspektive wird auch verständlich, warum Hölderlin dem menschlichen Verstand und seinen Möglichkeiten eher skeptisch gegenüber steht. An entscheidender Stelle schreibt er im Hyperion:

„Aber aus bloßem Verstand ist nie Verständiges, aus bloßer Vernunft ist nie Vernünftiges gekommen.

Verstand ist ohne Geistesschönheit, wie ein dienstbarer Geselle, der den Zaun aus grobem Holze zimmert, wie ihm vorgezeichnet ist, und die gezimmerten Pfähle aneinander nagelt, für den Garten, den der Meister bauen will. Des Verstandes ganzes Geschäft ist Notwerk. Vor dem Unsinn, vor dem Unrecht schützt er uns, indem er ordnet; aber sicher zu sein vor Unsinn und vor Unrecht ist doch nicht die höchste Stufe menschlicher Vortrefflichkeit.

Vernunft ist ohne Geistes-, ohne Herzensschönheit, wie ein Treiber, den der Herr des Hauses über die Knechte gesetzt hat; der weiß, so wenig, als die Knechte, was aus all der unendlichen Arbeit werden soll, und ruft nur: tummelt euch, und siehet es fast ungern, wenn es vor sich geht, denn am Ende hätt er ja nichts mehr zu treiben, und seine Rolle wäre gespielt.

Aus bloßem Verstande kömmt keine Philosophie, denn Philosophie ist mehr, denn nur die beschränkte Erkenntnis des Vorhandnen.

Aus bloßer Vernunft kömmt keine Philosophie, denn Philosophie ist mehr, denn blinde Forderung eines nie zu endigenden Fortschritts in Vereinigung und Unterscheidung eines möglichen Stoffs.

Leuchtet aber das göttliche έν διαφερον έαυτω (das Eine in sich selber unterschiedene), das Ideal der Schönheit der strebenden Vernunft, so fordert sie nicht blind, und weiß, warum, wozu sie fordert.

Scheint, wie der Maitag in des Künstlers Werkstatt, dem Verstande die Sonne des Schönen zu seinem Geschäfte, so schwärmt er zwar nicht hinaus und läßt sein Notwerk stehn, doch denkt er gerne des Festtags, wo er wandeln wird im verjüngenden Frühlingslichte.“

Durch mythische Erfahrung, nicht durch Verstand und Vernunft entsteht ein Gespür für die tiefere Bedeutung der Dinge. Durch die Wut des Erklärens aber wird solche Bedeutsamkeit zerstört: „Man dringt in die Wirklichkeit ein, statt sich ihr zu öffnen und sie aufgehen zu lassen. Deshalb sieht man die Erde nicht mehr, hört nicht mehr den Vogellaut, und die Sprache zwischen den Menschen ist verdorrt“ (Safranski).

Göttlich können auch – das stellt Hyperion am Ende fest – Landschaften sein. In Griechenland „leben noch die Götter in den Hainen, im leichten Wind, der vom Meer her weht:

„Endlich … merkt´ ich auf, und mein ganzes Wesen öffnete sich der wunderbaren Gewalt, die auf einmal süß und still und unerklärlich mit mir spielte.“

Arkadische Landschaft mit Hirten (Claude Lorrain, 1600 - 1682)
Nicht nur in der ganzen Natur, sondern auch in bestimmten Landschaften und „Konfigurationen des Menschengeschlechts“ wohnt das Göttliche. „Das Unendliche im Endlichen, das Ewige im Augenblick.“

Zitate aus: Friedrich Hölderlin: Hyperion oder der Eremit in Griechenland, in: Ders.: Gesammelte Werke, Gütersloh 1955 (Bertelsmann), hier: S. 391 ff  -  Weitere Literatur: Rüdiger Safranski: Romantik. Eine deutsche Affäre, Frankfurt am Main 20010 (fischer), hier: S. 163ff.

Donnerstag, 27. Juni 2013

Hannah Arendt und der deutsche Rassebegriff

„Es liegt am Menschen und nicht an einem dunklen Verhängnis, was aus ihm wird. Weil die Einsicht unsere politische Denkungsart klärt und dadurch erneuert, ist das Buch geschrieben.

Es macht keine Vorschläge und gibt keine Programme. Denn es will als solches nur historische Erkenntnis. Daher halte ich dieses Buch für Geschichtsschreibung großen Stils.“

(erschienen 1951, dt. 1955)
Diese Worte schrieb Karl Jaspers im Geleitwort zu Hannah Arendts großem Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, das sie unter dem Eindruck des Holocaust 1951 in New York veröffentlichte und das vier Jahre später in deutscher Übersetzung erschien.

Wie Arendt selbst im Vorwort schreibt, handelt das Buch „von den Ursprüngen und Elementen der totalen Herrschaft, wie wir sie als eine, wie ich glaube, neue `Staatsform´ im Dritten Reich und in dem bolschewistischen Regime kennengelernt haben. Die Ursprünge liegen in dem Niedergang und Zerfall des Nationalstaates und dem anarchistischen Aufstieg der modernen Massengesellschaft“ (16).Auf der Suche nach den historischen Ursprüngen des Totalitarismus behandelt Hannah Arendt im zweiten Teil des Buches – „Imperialismus“ – auch die Entstehung des deutschen Rassebegriffes.

Für Arendt steht fest, dass der deutsche Rassebegriff auf die preußischen Patrioten nach der Niederlage von 1806 und die politische Romantik zurückgeht. Er war in seinen Ursprüngen ausgesprochen völkischer Art. Bevor er in eine Weltanschauung degenerierte, war er politisch gebunden, hatte aber – im Vergleich zum französischen Rassebegriff des französischen Adels – gerade „den Zweck, das Volk in allen seinen Schichten zu vereinigen, und nicht, eine Gruppe aus ihm herauszuspalten.“

Weil es also vor allem darum ging, „das Volk zum Bewusstsein seiner gemeinsamen Herkunft gegen die Fremdherrschaft zu mobilisieren“, ist das völkische Element für den deutschen Rassebegriff so lange entscheidend geblieben und auch niemals ganz aus ihm verschwunden: „Die Bedingungen und politischen Zwecke, die Abwehr der Fremdherrschaft und die Einigung des Volkes haben zum mindesten bis zur Reichsgründung in der Entwicklung des Rassebegriffs mitgewirkt, so dass sich hier in der Tat echter Nationalismus und typische Rassevorstellungen vielfach miteinander mischen und ebenjenes völkische Denken erzeugen, das es nur im deutschsprachigen Raum gibt.“

So habe die deutsche Rasseideologie in der Tat die Terminologie des völkisch gefärbten Nationalismus für Propagandazwecke immer mitbenutzt, nicht zuletzt um sich eine nationale Tradition zuzulegen, die sie in Wirklichkeit nicht hatte.

"Der Himmel segne unser gemeinsames Streben Ein Volk zu werden, das voll der Tugenden der Väter und Brüder durch Liebe und Eintracht die Schwächen und Fehler beider beseitigt.“ (aus dem Einladungsschreiben für das Wartburgfest 1817) 

Im Unterschied zum französischen Adel hatte der preußische Adel mit der Entwicklung des Rassebegriffs und des völkischen Denkens in Deutschland gar nichts zu tun. Vielmehr waren die „deutschen Patrioten, welche nach 1814 den deutschen Nationalismus zu einer Waffe für die Errichtung eines gesamtdeutschen Nationalstaates entwickelten, liberal.“ In der Hoffnung, dass der Sieg über die französische Besatzung auch zu einer Befreiung der deutschen Nation würde, bestanden sie auf der gemeinsamen Herkunft in der deutschen Sprache, ohne dabei jedoch auf Rasseelemente oder völkische Vorstellungen zu rekurrieren.

Turnvater Jahn (1778 - 1852)
Dies geschah erst, als sich die Hoffnungen auf den Beginn einer deutschen Nation getäuscht sahen. Jetzt begannen die Versuche, die bisherige, sich lediglich auf Sprache und Kultur gründende Definition des deutschen Volkes auf `realere´ Vorstellungen von `Blutsbanden´ zu erweitern. Diese letztlich natürlich erheblich abstrakteren Ideen nationaler Identität wurden von Männern getragen, die sehr verschiedenen politischen Lagern angehörten, „wie etwa der katholische Schriftsteller Joseph Görres, der liberale Nationalist Ernst Moritz Arndt und der Turnvater Jahn.

Sie waren sich darin einig, „dass das Volk selbst für die Geburt der Nation nicht reif war, dass ihm sowohl das Bewusstsein einer gemeinsamen geschichtlichen Vergangenheit wie der Wille für eine gemeinsame Zukunft fehlten.“ Daher müsse etwas gefunden werden, was sich irgendwie mit dem messen könnte, was die ganze europäische Welt als die glorreiche Macht der geeinten französischen Nation erfahren hatte.

Weil es demgegenüber aber „Deutschland“ nicht gab und auf deutschsprachigem Territorium einfach kein nationales Gebilde entstehen wollte, trat „an seine Stelle dann die Vorstellung, daß `alle Glieder ein gemeinsames Band der Blutsverwandtschaft umschlingt´ oder daß diejenigen, die es so offensichtlich nicht zu einer organischen Einheit gebracht hatten, allem äußeren Anschein zum Trotz `ein ursprüngliches Volk´ seien.“

Das zweite spezifisch deutsche Element in den Rasseideologien des 19. Jahrhunderts sieht Arendt in dem „Persönlichkeits- und Geniekult, mit dem sich das deutsche Bürger- und Spießbürgertum über seine ursprünglich politisch verursachten Minderwertigkeitsgefühle hinwegzuhelfen suchte.“ Hieraus entwickelte sich schließlich das, „was sich diejenigen darunter vorstellten, die meinten, es sei die ihnen, den Germanen, von der Natur selbst zugewiesene Aufgabe, die ganze Welt zu beherrschen und zu unterdrücken.“

Es sei natürlich ein Irrtum, so Arendt, die politische Romantik für den spezifisch völkischen Charakter des deutschen Nationalismus verantwortlich zu machen. Unter der Prämisse, „dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten zu geben“ (Novalis), wurde selbstverständlich auch das deutsche Volk „romantisiert.“

Im Zentrum aber des romantischen Welt- und Lebensgefühls stand der Genie- und Produktivitätsbegriff, wobei „der Grad von Genie von der Anzahl der Einfälle abhing, die einer produzieren konnte.“ `Persönlichkeit´ aber ist vor allem ein gesellschaftlicher und dann auch politischer Begriff. Dies lässt sich an seiner Bedeutung für das deutsche Bürgertum ablesen, denn „was immer das deutsche Bürgertum in seiner schwierigen und politisch besonders ungünstigen Situation schließlich an gesellschaftlichem Selbstbewusstsein aufzuweisen hatte, verdankte es seinen Intellektuellen, unten denen die Romantiker eine hervorragende Stellung einnahmen.“ 

Über das Genie schreibt Jean Paul in seiner "Vorschule der Ästhetik" (1804) 

Das Problem war nur, dass die großartigen Eigenschaften, die die bürgerlichen Persönlichkeiten sich zulegten und „einander dauern in nationalistischer Terminologie bestätigten“ genau diejenigen waren, die sich unter den Aristokraten seit alters her unter Umständen wirklich in Form echter Familientradition fanden.

Solange die beiden Elemente des deutschen Rassebegriffs, das völkische, durch Blutsbande vereintes Nationalgefühl einerseits und der romantische Persönlichkeitskult andererseits, voneinander getrennt bleiben, „gehörten sie nur zu den vielen unverbindlichen Meinungen des 19. Jahrhunderts.“ Erst als sie miteinander verbunden wurden, „konnten sie zusammen so etwas wie die theoretische Grundlage für eine Rasseideologie erzeugen.“

Dies geschah Hannah Arendt jedoch vorerst nicht in Deutschland, sondern in Frankreich, „und der Erfinder dieses explosiven Amalgams ist nicht ein bürgerlicher Intellektueller, sondern ein in seiner Weise hochbegabter und in allen seinen politischen Ambitionen getäuschter Adliger, der Comte Arthur de Gobinau.“

Zitate aus: Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 2009 (piper), v.a. S. 365ff


Donnerstag, 23. August 2012

Novalis und die Romantik

Novalis (1772 - 1801)
„Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“

Nach Ansicht von Rüdiger Safranski enthalten diese Worte von Novalis die eindeutig beste Definition des Romantischen. Die Romantik ist eine Epoche, das Romantische dagegen eine Geisteshaltung, die sich nicht auf eine Epoche beschränken lässt – „das Romantische gibt es bis heute“ (12).

Für Safranski gehört die Romantik zu den seit zweihundert Jahren nicht abreißenden Suchbewegungen, „die der entzauberten Welt der Säkularisierung etwas entgegensetzen sollen“ (13). So triumphiere die Romantik über das Realitätsprinzip, was gut für die Poesie sei, aber schlecht für die Politik, sobald sich das Romantische in die Politik verirrt – wie bei Heidegger gut zu beobachten ist.

Als Novalis, mit bürgerlichen Namen Friedrich von Hardenberg, am 25. März 1801 im Alter von nur neunundzwanzig Jahren starb, war er nahezu unbekannt. Sein eigentlicher Ruhm begann, als Ludwig Tieck und Friedrich Schlegel ein Jahr nach seinem Tod einige der nachgelassenen Werke veröffentlichten.

Schnell wurde Novalis zur mythischen Figur der Romantik. Mit seinem Roman „Heinrich von Ofterdingen“ hatte Novalis nichts Geringeres vor, „als den Deutschen ihren romantischen Mythos zu dichten. Es sollte darin alles seinen Platz finden, die Entstehung des christlichen Abendlandes, griechisch-antike Einflüsse, morgenländische Weisheit, römisches Herrschaftswissen, die hohe Zeit der Staufer-Kaiser, die politischen und geistigen Schicksale Deutschlands von den Anfängen bis zur Gegenwart, märchenhaft und gedankenreich, erzählend und reflektierend“ (111).

Die Rede „Die Christenheit oder Europa“, geschrieben 1799, wurde von Tieck und Schlegel zunächst nur gekürzt herausgegeben. Novalis hatte sie in dem historischen Augenblick verfasst, als Napoleon sich anschickte, zum Herrscher über Europa zu werden und es scheinbar so aussieht, als würde das alte, christliche Europa verschwinden.

Diese Rede ist in diesem Kontext nichts anderes als der „Versuch, die Geschichte der Vertrocknung des heiligen Sinns zu erzählen, die Gründe dafür ausfindig zu machen und die Chancen einer Erneuerung zu erkunden“ (125). Alles komme darauf an, den heiligen Sinn, oder auch den unsterblichen Sinn, in sich selbst zu bewahren und dafür zu sorgen, dass er in der gegenwärtigen Welt nicht erlischt.

Die Rede selbst ist eine „poetisch formulierte Geschichts- und Religionsphilosophie, die in die Vision eines dritten Weltzeitalters mündet“. Elegisch und prophetisch fordert sie nicht eine Rückkehr in eine gute, alte Zeit, sondern den Aufbruch zu neuen Ufern, für eine gewandelte, wiedergeborene Christenheit in einem geeinten Europa, gleichwohl „geeint nicht nur durch die Waffen Napoleons oder die Hegemonie eines nationalen Geistes, sondern geeint in universeller spiritueller Gemeinschaft, ohne Rücksicht auf Landesgrenzen“ (126).

Die Rede rief bei den Freunden, denen Novalis die Rede persönlich vortrug, Verwirrung hervor. Sie beschlossen, sie nicht im Athenäum drucken zu lassen. Auch Goethe empfahl, den Text nicht zu veröffentlichen, weil er der Öffentlichkeit Vorwände zu Verleumdungen bieten könnte.

Aber: Ist die Rede wirklich, wie manche meinen, eine reaktionäre Utopie? Der Kerngedanke der Rede lautet: Wo keine Götter sind, walten Gespenster.

„Gegenwärtig, so Novalis, herrschen die Gespenster des Eigennutzes, des Nationalismus, des politischen Machtdenkens. Wir würden das heute ‚Ideologien‘ nennen. Sie sind an die Stelle des verkümmerten heiligen Sinns getreten. Man hat das Wissen vom Glauben losgerissen und wirft sich nun mit Glaubenseifer auf die Wissenschaft als Ersatzreligion“ (127).

Die Folge dieses Prozesses sei, dass der gegenwärtige Mensch rastlos beschäftigt ist, die Natur, den Erdboden, die menschlichen Seelen und die Wissenschaften von der Poesie zu säubern, - jede Spur des Heiligen zu vertilgen, das Andenken an alle erhebenden Vorfälle und Menschen durch Sarkasmen zu verleiden, und die Welt alles bunten Schmucks zu entkleiden.

Junotempel in Agrient - Caspar David Friedrich (1774–1840)  

Die Verbindung von Poesie und Religion ist für Novalis die Garantie für die Wiedergeburt eines neuen dritten Zeitalters – nach der Antike und dem christlichen Mittelalter. Diese neue Zeit aber würde vom poetischen Geist inspiriert sein, der sich aber eben nicht im Unbestimmten verlieren dürfe.

  
Zitate aus: Rüdiger Safranski: Romantik. Eine deutsche Affäre. Frankfurt a.M. 2009 (fischer) -- Novalis: Die Christenheit oder Europa, online bei Zeno.org

Sonntag, 4. März 2012

Martin Heidegger und der Kurzschluss zwischen Romantik und Politik


(Foto: www.marcuse.org)
Am 27. Mai 1933, also kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten hält Martin Heidegger seine berühmte Rektoratsrede. Seit dem 21. April 1933 ist er Rektor der Universität Freiburg und nur wenige Tage später, am 1. Mai 1933, tritt Heidegger demonstrativ in die NSDAP ein, obwohl es für Professoren im Gegensatz zu anderen Beamten keinen Zwang zur Parteimitgliedschaft gab. 

Heidegger sieht im Nationalsozialismus die Möglichkeit einer überfälligen Veränderung der Gesellschaft.  Es geht für ihn dabei nicht nur um den Kampf gegen die Funktionsuntüchtigkeit des Weimarer Parlamentarismus und für ein neues – völkisches – Gemeinschaftsgefühl. Vielmehr ist der Nationalsozialismus für ihn „etwas viel Erhabeneres, ist der Versuch, auf den Spuren Nietzsches in einer götterlosen Welt einen Stern zu gebären“ (Romantik, 344).

Seine Rektoratsrede mit dem Titel „Die Selbstbehauptung der Deutschen Universität“ drückt Heideggers Wunsch aus, die nationalsozialistische Revolution aktiv mitzugestalten. Heidegger hält seine Rede nicht als Mitläufer, sondern als entschlossener Revolutionär.

Seine Rede ist letztlich ein Lehrstück darüber, dass Romantik besser von der Politik ferngehalten werden sollte, wie Rüdiger Safranski in seinem Buch über die Romantik erklärt. Beispielsweise beschwört Heidegger in seiner Rede das typische romantische Pathos von Augenblick und Entscheidung. In der nationalsozialistischen Revolution nehme für Heidegger eine Elite des Volkes bewusst die Verlassenheit des heutigen Menschen auf und setzt ihre historische Mission in die Tat um. 

Um den Ereignissen die notwendige Tiefe zu geben, zieht Heidegger „alle Register einer politisch-metaphysischen Romantik“ (ebd, 344). Er „selbst inszeniert sich als geistiger Stoßtruppführer. Alle zusammen gehören sie zum Stoßtrupp, zur verwegenen Schar, und der Führer noch ein wenig mehr“ (ebd., 345).

Heidegger fordert in seiner Rede eine grundlegende Erneuerung der Universität: „Der Aufbau einer neuen geistigen Welt für das deutsche Volk wird zur wesentlichen Aufgabe der deutschen Universität. Das ist nationale Arbeit von höchstem Sinn und Rang“ (Heidegger, 273). Das Verhältnis von Professoren und Studierenden solle daher dem von Führern und Gefolgschaft entsprechen.

Vor allem müsse die Universität – ähnlich wie in der Antike – eine Ganzheit wiedergewinnen, nicht nur „irgendetwas Jenseitiges ergrübeln, sondern es geht einfach darum am Werke zu sein. So übersetzt Heidegger den griechischen Ausdruck `energeia´“ (ebd., 278). 

Folglich spricht Heidegger von der Notwendigkeit der drei Dienste:  „Arbeitsdienst – Wehrdienst – Wissensdienst“. Hier verwendet Heidegger das mittelalterliche Bild von den drei Ordnungen „Bauern – Krieger – Priester.“ Die Stelle der Priester nehmen nun – in Anlehnung und zugleich völliger Verkennung der platonischen Gedanken – nicht mehr die Priester, sondern die Philosophen ein. 

Nun also steht der Priester-Philosoph Heidegger da und hält seine Rede, „emporgereckt und martialisch mit Worten klirrend, der Priester ohne Botschaft vom Himmel, der metaphysische Sturmbandführer, umgeben von Fahnen und Standarten“ (Romantik, 346).

Heideggers Haltung wird Karl R. Popper später als Romantizismus bezeichnen, jene „irrationale Einstellung, die sich an Träumen von einer schönen Welt berauscht ... Dieser mag einen himmlischen Staat in der Vergangenheit oder in der Zukunft suchen, aber er wendet sich immer an unsere Gefühle, niemals an unsere Vernunft. Sogar mit der besten Absicht, den Himmel auf der Erde einzurichten, vermag er diese Welt nur in eine Hölle zu verwandeln – eine jener Höllen, die Menschen für ihre Mitmenschen bereiten“ (Popper, 200)

Überdeutlich zeigt sich in Heideggers Rede also der „Kurzschluss zwischen Romantik und Politik. Ein Verkennen der Grenzen der politischen Sphäre, in der pragmatische Vernunft, Sicherheit, Übereinstimmung, Friedensstiftung, Gerechtigkeit maßgeblich sein sollten, nicht Abenteuerlust, Wille zu Extremen, Intensitätshunger, Liebe und Todeslust. 

Immer aber bleibt das Missverständnis, dass man in der Politik etwas sucht, was man dort niemals finden wird: Erlösung, das wahre Sein, Antwort auf die letzten Fragen, Verwirklichung der Träume, Utopie des gelingenden Lebens, den Gott der Geschichte, Apokalypse und Eschatologie“ (ebd., 347).

Dies ist es, was sich Isaiah Berlin zufolge bei Heidegger also gut beobachten lässt: „die Machtergreifung der subjektiven Einbildungskraft zuerst auf geistigem Gebiet und dann in der Politik, was zur Zerstörung überkommener humaner Ordnungen geführt habe“ (ebd., 348). Es ist eben so, dass der Dionysiker erst ausnüchtern sollte, ehe er politischen Boden betritt (ebd., 325).

Am 27. April 1934 trat Heidegger vom Amt des Rektors zurück, da seine Hochschulpolitik weder an der Universität noch bei der Partei genügend Unterstützung fand. Der Grund war nicht, wie er dies später selbst darstellte, dass er die nationalsozialistische Hochschulpolitik nicht länger mittragen wollte, vielmehr ging ihm diese nicht weit genug!

Zitate aus: Rüdiger Safranski: Romantik. Eine deutsche Affäre, Frankfurt am Main 20010 (fischer) -- Rüdiger Safranski: Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit, Frankfurt am Main 2002 (fischer)  --  Weitere Literatur: Karl Raimund Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Tübingen 1992 (Mohr / Siebeck)