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Donnerstag, 24. September 2020

Euripides und die Troerinnen


Die Eroberung von der Kykladeninsel Melos wäre ein Randereignis des Peloponnesischen Krieges geblieben, hätte der griechische Historiker Thukydides nicht die Verhandlungen zwischen Athenern und Meliern in Form eines Dialogs wiedergegeben, der – in seinen Zentralaussagen bis heute gültig – das Wesen von Machtpolitik bloßlegt.

 

„Die Verhandlungen […] scheiterten, und so begann im Sommer 416 die Belagerung. Im folgenden Winter zwangen Hunger und Verrat die Melier schließlich zur bedingungslosen Kapitulation. Die Athener töteten alle erwachsenen Männer, verkauften Kinder und Frauen in die Sklaverei und schickten später 500 Siedler auf die entvölkerte Insel."

 

Euripides (ca. 484 - 406 v. Chr.)


Bei Thukydides sind die Athener der festen Überzeugung, dass  „allein die Macht [zähle]. Der Überlegene setze durch, was ihm beliebe, Recht sei eine Konvention, die nur dort greife, wo sich gleich starke Kräfte neutralisierten und auf einen Kompromiss einigen müßten."


Thukydides schrieb sein Werk bekanntlich nach der Beendigung des Peloponnesischen Krieges, d.h. nach der völligen Niederlage Athens. „Er bietet […] weit mehr als nur eine Analyse der athenischen Expansionspolitik. Der Historiker sucht das Wesen der Macht zu ergründen, der Dialog handelt scheinbar vom Peloponnesischen Krieg, tatsächlich aber von allen Kriegen."

 

Für Thukydides ist eines klar: „Alle sind dem Nómos unterworfen, der sie nicht anders handeln läßt, als sie handeln. Deswegen verzichten die thukydideischen Athener auf schöne Worte, um das zu sagen, was diese verbrämen.“ Thukydides zieht hier […] allgemeine Lehren vom Wesen des Krieges überhaupt: „Im Melier-Dialog sind die Athener nur noch eine Chiffre. Sie stehen für die Tragik der Großmächte. Um nicht zu kollabieren, müssen diese sich ausdehnen. Nur Ausgreifen sichert das Überleben, dem Ende der Expansion aber folgt der Zusammenbruch. Thukydides hat so etwas wie Mitleid mit den Großmächten: Ihre Verbrechen sind vergebens, denn ihr Untergang ist so zwangsläufig wie der von Melos."

 

Welche Resonanz die Ereignisse von Melos in der athenischen Gesellschaft fanden, ist natürlich heute schwer zu sagen. Es gibt gleichwohl ein zeitgenössisches Zeugnis, das deutlich macht, daß nicht alle Athener die Eroberung von Melos als Sieg verstanden: Die Tragödie Die Troerinnen von Euripides.

 

Euripides, der bis weit über den Sizilienfeldzug hinaus loyal zu seiner Heimatstadt Athen stand, nahm Stellung an dem Ort, den er beherrschte, d.h. auf der attischen Bühne. Auch wenn der Name Melos an keiner Stelle des Stückes genannt wird, so ist der Bezug allen Zuschauern mehr als klar gewesen.

 

Die Troerinnen ist das Schlussstück einer Tetralogie, deren andere Teile - Alexandros und Palamedes sowie das Satyrspiel Sisyphos – verloren gegangen sind. Sie wurde im Frühjahr 415 aufgeführt. „Die attische Flotte war siegreich von Melos zurückgekehrt, Athen schickte sich an, gegen Sizilien zu segeln, alle Gespräche drehten sich nur noch um die Reichtümer der großen Insel.

 

Dieser Euphorie stellt Euripides seine Tetralogie entgegen: Troia als Beispiel einer Stadt, die auf der Höhe ihrer Macht stürzt. Das Ausschlagen einer göttlichen Warnung, die Hybris der Menschen, führt Troia in den Untergang."

 

Die Troerinnen in der Verfilmung von Michalis Cacoyiannis
(mit Audrey Hepburn und Vanessa Redgrave)

Die Troerinnen setzen zu einem Zeitpunkt ein, an dem die Kampf um Troia bereits beendet ist. Die Stadt steht in Flammen, „es ist nicht mehr die mächtige Stadt am Ausgang des Hellespont, sondern eine entvölkerte Ruine. Die Sieger haben ihr Zeltlager bereits verlassen, die Besiegten sind dort eingezogen und warten auf ihr weiteres Schicksal, auf die Deportation.

 

Es sind nur mehr Frauen, die troianischen Männer sind gefallen, in den Tod geflüchtet. Sie haben mehr Glück gehabt, das Los der Sklavinnen ist schlimmer: `Doch Sterben ist besser noch als Leben voller Jammer. Den Toten kümmert’s nicht, wenn er ein Leid erfuhr´, sagt Andromache, Witwe Hektors. Die Griechen sind keine strahlenden Sieger, sondern Mörder: `Barbarengreuel dachtet ihr euch aus, ihr Griechen.´ Ihnen winkt keine Zukunft, sie werden erleiden, was die Troer erlitten und die Troerinnen noch erleiden. Selbst die Götter haben sich von ihnen abgewandt, wenn auch nicht wegen der Taten, zu denen auch sie fähig sind, sondern weil sie beleidigt sind."

 

Schon der Anfang des Stückes weist über das Ende hinaus. Der Sieg wird keine Früchte tragen. „Poseidon prophezeit es in seinem Prolog: `Ein Narr ist jeder Mensch, der Städte auslöscht, Tempel und Gräber, Heiligtümer der Entschlafenen, veröden läßt und selbst danach zugrunde geht!´."

 

Eigentlich hat das Stück keine eigentliche Handlung, sondern besteht aus locker miteinander verbundenen Szenen, „zusammengehalten von der Figur der Hekabe, Gattin des Priamos und Königin von Troia, die von Anfang bis Ende auf der Bühne präsent ist und in der sich alles Leid der troianischen Frauen bündelt.

 

Nach dem einleitenden Auftritt der Götter auf dem Theologeion, dem Kulissendach, erhebt sich die bis dahin am Boden kauernde Hekabe zu ihrer ersten Klage. Ab jetzt beherrschen Frauen die Bühne, die griechischen Helden werden zu Statisten degradiert, der wichtigste Mann des Stückes ist Talthybios, der Herold der Griechen, ein Subalterner und Befehlsempfänger."

 

„Durch die beiden Párodoi ziehen die Halbchöre der Troerinnen ein. Die versklavten Frauen erwarten ihr Los, fürchten die Orte, an die die Griechen sie verschleppen werden: Athen, Sparta, Thessalien oder Sizilien. Hekabe ahnt Schlimmes, doch es wird noch schlimmer kommen. Jeder Auftritt des griechischen Herolds steigert das Leid, das über die troianischen Frauen kommt. Wenn Hekabe glaubt, die Grenze des Erträglichen sei erreicht, überbringt Talthybios neue Hiobsbotschaften. Dieser selbst ist sich keines Unrechts bewußt, er überbringt die Befehle der Mächtigen, ob er sie gutheißt oder nicht, wird sie nicht ändern. Er fügt sich, und die anderen müssen sich fügen. Er schaudert nicht vor den Verbrechen zurück, er fürchtet nur, es könne sich nicht reibungslos vollziehen, was ohnehin geschehen muß."

 

Die Troerinnen von Cacoyannis (1971)

Die Griechen teilen die Beute unter sich auf, werfen das Los über die Troerinnen: „Hekabe fällt an Odysseus (das schlimmste Los), die Töchter Kassandra und Andromache werden an Agamemnon und Neoptolemos verteilt. Polyxene wird an Achills Grab geopfert werden. Talthybios beschwichtigt und mahnt zur Ruhe: der Reihe nach, jeder das Ihre.

 

Es folgt der Höhepunkt des ersten Epeisodion. Mit der Fackel, der Hochzeits-, nicht der Brandfackel, stürmt Kassandra aus dem Zelt. Sie kennt die Zukunft und wird daher nicht von der Angst der Ungewißheit niedergedrückt. Sie weiß, daß sie in Mykene sterben wird, aber sie kennt auch das Schicksal des Agamemnon und prophezeit den Untergang des Atridenhauses. Die Besiegte erhebt sich über die, die sich für Sieger halten."

 

Allen Zuschauern im Theater wird es allmählich dämmern, dass die Griechen in einen ungerechten Krieg gezogen sind, dass sie für die falschen Ziele entweder in der Fremde am dem Schlachtfeld umgekommen sind oder nach ihrer Rückkehr einen trostlosen Tod erleiden werden. „Die Zeit wird kommen, in der sie die geschlagenen Troier beneiden werden. Kassandra wiederholt, was schon Athene und Poseidon voraussagten: Es gibt keine Sieger."

 

Am Schluss des Stückes stürzt das brennende Troia in sich zusammen. „Talthybios gibt die letzten Befehle. Er hat die Klagen der Frauen satt: `Führt sie ab, zeigt keine Schonung.´ Die Soldaten treiben die Frauen zu den abfahrbereiten Schiffen. Aber auch den Siegern droht das Verhängnis. Der Zuschauer, der das Theater verläßt, weiß: Die griechische Flotte fährt in ihren Untergang. Binnen sieben Jahren werden sich die Prophezeiungen Kassandras erfüllt haben. Dann sind die Sieger in Meeresstrudeln ertrunken, von Kyklopen gefressen, an Felsen zerschmettert, von Mördern erschlagen, dem Wahnsinn verfallen, haben den Freitod gesucht oder irren noch auf dem Meer umher."

 

Wie bereits erwähnt, sind direkte Anspielungen auf das Schicksal von Melos bei Euripides nicht zu finden. Aber das war auch nicht nötig. „Das ganze Stück […] spielt im Schatten von Melos. Das Ereignis war zu frisch in Erinnerung, um aus ihr verdrängt werden zu können."

 

Massaker hatte es auch schon früher in der Geschichte der Griechen gegeben, auch Angriffe in Zeiten des Friedens waren nicht neu und auch nicht die Tatsache, dass Melos eine neutrale Polis war – das, was die Ereignisse um Melos heraushob, war etwas anderes:

 

„Der Feldzug gegen die Insel war das Präludium zu einer weit größeren Invasion. Die Dionysien, an denen die Dramen aufgeführt wurden, fielen in die Zeit zwischen Melos und Sizilien. Mit den Troerinnen verurteilt Euripides die athenische Aggressionspolitik und warnt vor ihrer Fortsetzung. Der militärische Erfolg von Melos, der den meisten Athenern Hoffnung auf noch einträglichere Siege machte, ist für Euripides ein Menetekel. Er erkennt die athenische Hybris, und er weiß, auch wenn er nicht an die alten Götter glaubt, daß der Überhebung unweigerlich der Sturz folgt."

 

Die Troerinnen in einer modernen Aufführung des The Sheldon Vexler Theatre

Die Troerinnen ist das politisch aktuellste Drama des Euripides. Die Athener von 415 konnten das Stück nur aus der Perspektive von Melos verstehen. Mit dem Angriff auf die Insel und der Zerstörung von Melos geht der kurze Friede des Nikias im Peloponnesischen Krieg zu Ende. „Nie war auf der attischen Bühne eine Mythenadaption leichter zu enträtseln gewesen. Das Drama spielte auf drei Zeitebenen und trug gleichsam drei Titel. Die `Troerinnen´ waren die Vergangenheit, die `Melierinnen´ die Gegenwart, die `Athenerinnen´ die Zukunft."

 

 

Zitate aus: Wolfgang Will: Athen oder Sparta. Die Geschichte des Peloponnesischen Krieges, München 2019 (C.H.Beck)

Donnerstag, 3. August 2017

Homer und die physische Gewalt in der Illias (Teil 2)

Fortsetzung vom 27.07.2017


Mit den beiden großen Heldenepen Homers, der Ilias und der Odyssee, beginnt im 8. Jahrhundert v. Chr. nicht nur die griechische, sondern die gesamte abendländische Literaturgeschichte. Gleichwohl nimmt die Schilderung von Kämpfen und Schlachten rund zwei Drittel des gesamten Werks ein.

Die Todesszenen mit Blut, Eingeweiden, zerschnittenen Muskeln und Sehnen sind im Epos überlagert von grausigen Todes- und Schmerzensschreien. Die Getöteten brüllen angesichts der Verletzungen „wie die Stiere“ (20, 203), liegen „brüllend, in den Staub verkrallt“ (13, 393), der Kampflärm ist untermalt vom Stöhnen der Sterbenden (21, 20), die ihr „Leben ausröcheln“ (5, 585).

Kampfszene

Die Szenerie des Kampfes ist demnach nicht nur visuell in ihrer ungeheuren Bewegungsvielfalt, dem durch die Kämpfer aufgewirbelten Staub, den farbig geschilderten, grausigen Verletzungen und Todesstößen dargestellt, sondern diese Bilder werden abgerundet durch Hinweise auf die Akustik von Schlachtenlärm und Todeskämpfen. Letztere werden zugleich übertönt vom Triumphgeschrei der Sieger.

Die Art der Darstellung kam offenbar beim antiken Publikum ausgesprochen gut an. Hierfür wurden verschiedene Gründe angeführt. Zum einen hat man beobachtet, dass die Troianer in den Kämpfen überwiegend unterlegen sind und die grausigen Detailschilderungen mit zwei Ausnahmen ausschließlich ihr Schicksal in der Niederlage dokumentieren. Daraus hat man geschlossen, dass auch das Publikum proachäisch eingestellt war und deshalb den grausam ausgemalten Tod der Troianer genossen habe.

Es würde freilich mit Blick auf Intentionen und Rezeption des Epos zu kurz greifen, die Darstellung physischer Gewalt auf ästhetischen Qualitäten zu reduzieren. Das zeitgenössische Publikum, das in archaischer Zeit zunächst aus den Adligen der griechischen Polis-Welt bestand, sah in den Kämpfen der homerischen Helden immerhin eine Referenzgröße für eigenes Handeln. Homer vermittelte mithilfe seiner drastischen Schilderungen eine heroische Kampfbereitschaft, der man nacheifern konnte.

Achill verbindet die Wunden von Patroklos
Damit ist freilich nichts darüber gesagt, ob die Zuhörer in den Kampf-handlungen eigene Kriegserfahrungen wieder-erkannten. Der kaiser-zeitliche Autor Dion von Prusa nahm beispielsweise an, die Art des Todes sei dem Charakter der einzelnen Personen angepasst worden (55, 21). 

Doch dies ist eine späte Sicht, die vor allem die ästhetische Gestaltung zu würdigen weiß. Zweifellos, die Arten der Verwundungen und der tödlichen Verletzungen passen gut in die archaische Zeit, als militärische Kämpfe mit denselben Fern- und Nahwaffen ausgetragen wurden und das Töten weiterhin mühsame Handarbeit war.

Als man die Ilias in der griechischen Welt vortrug, waren aber die im Epos üblichen Kampfarten mit Streitwagen und der Konzentration auf Zweikämpfe schon Geschichte. Sie wurden durch die Phalanx, eine geordnete Reihe Schwerbewaffneter, ersetzt, die sich in der Schlacht nicht in Zweikämpfe auflöste, sondern als geschlossene Formation operierte. Die Schlachtendarstellungen Homers müssen auf den Zuhörer anachronistisch gewirkt haben. Dies war wiederum vom Dichter durchaus beabsichtigt, wollte er doch sein Publikum in eine längst vergangene Zeit unbesiegbarer Helden zurückversetzen.

Die verstörende Wirkung, welche die vermeintlich genaue Beschreibung von Verwundung und Tod gehabt haben könnte, wird demnach durch Elemente aufgehoben, welche die Ereignisse einer anderen Zeit zuordneten. Hinzu kam ein anderes wichtiges Element der epischen Erzählung, mit dem das Geschehen in ein abstraktes Referenzsystem eingepasst wurde und das wir bereits kennengelernt haben: das persönliche und permanente Eingreifen der Götter in das Geschehen.

In der Odyssee heißt es gar, der ganze Krieg und das damit verbundene Verderben wurde von den Göttern veranlasst, damit die „Künftigen Stoff für Gesänge bekommen“ (Od. 8, 579 f.); eine durchaus zynisch wirkende Notiz. Die Götter kontrollieren die Kämpfe, lenken selbst einzelne Geschosse und bestimmen letztlich den Sieger des Krieges. Die Götter sind nah, sie sprechen mit den Helden und zeigen sich ihnen, sind aber zugleich unerreichbar und in ihrem Handeln unkalkulierbar.

Achill bereitet die Schändung der Leiche Hektors vor ...
Es gehört zur Tragik und zum unentrinnbaren Schicksal der verschiedenen Protagonisten, dass sie einen Krieg, den sie nicht mehr wollen, führen müssen, weil die Götter es so wollen. Im Moment des Todes lassen die Götter den Menschen allein. Schon im 6. Jahrhundert v. Chr. gibt es zum Beispiel mit dem Vorsokratiker Xenophanes in Griechenland erste Stimmen, welche die Götter der Ilias für unmoralisch halten, da sie nicht nur unendliches Leid bringen, sondern die Menschen auch zu unrechtmäßigem Handeln anstiften. Dies sei eine unziemliche Erfindung der Dichter, die den untadeligen Göttern jene Fehler anhängten, die sie bei den Menschen beobachteten.

Die Menschen waren demnach in der Welt der Epen auf sich selbst verwiesen, denn die Götter ließen sich nicht beeinflussen. Folge hiervon war, dass man sich als Zeitgenosse an den Helden der Dichtung orientieren musste. Man sollte diesen nicht einfach nacheifern, sondern aus ihrem Versagen wie aus ihren Erfolgen lernen. Kraft, Mut, die persönliche Ehre galt es unter Beweis zu stellen, denn „immer der Beste zu sein“ sollte Ziel eigenen Handelns sein - unter Umständen auch die persönliche Bewährung im Kampf und die Bereitschaft wie Fähigkeit, physische Gewalt ohne Wenn und Aber auszuüben.

aus: Martin Zimmermann: Gewalt. Die dunkle Seite der Antike, München 2013



Donnerstag, 27. Juli 2017

Homer und die physische Gewalt in der Illias (Teil 1)

Mit den beiden großen Heldenepen Homers, der Ilias und der Odyssee, beginnt im 8. Jahrhundert v. Chr. nicht nur die griechische, sondern die gesamte abendländische Literaturgeschichte. Insbesondere die Ilias stellt in Stoffgestaltung, Erzählung, Einzelbild und dramatischer Gestaltung das alles überragende erste Referenzwerk europäischer Literatur dar. Dies gilt zum einen für die literarische Gestaltung, zum anderen aber auch für die geschilderten Ereignisse, die man in der Antike für historisch hielt.

Handschrift eines Teiles des 8. Buches der Illias (Illias Ambrosiana, 5./6. Jh.)

Die Ilias ist allerdings auch ein wichtiger Markstein für das Thema Gewalt und die von Homer hierzu entworfenen Bilder sind besonders wirkmächtig.

Der Troianische Krieg ist nach antiker Vorstellung in das späte 2. Jahrtausend v. Chr. zu datieren. Dennoch sollte man - trotz aller bewussten Archaismen, mit denen der Dichter versuchte, seinen Hörern einen lebhaften Eindruck von der Welt der Vorfahren zu geben – die Ilias als Dichtung lesen, welche die Ideale, gesellschaftlichen Strukturen und sozialen Verwerfungen der archaischen Zeit, insbesondere des späten 8. Jahrhunderts v. Chr., widerspiegelt.

Das Thema der Ilias ist nicht, wie man anhand des erst Jahrhunderte später entstandenen Titels vermuten könnte, der zehn Jahre dauernde Troianische Krieg, sondern nur ein kleiner Ausschnitt von 51 Tagen. Homer verdichtet auf diese Weise meisterhaft die mit dem Krieg verbundenen Grundkonflikte zwischen Göttern und Menschen wie der Menschen untereinander.

Das eigentliche, schon im ersten Vers benannte Thema ist der Groll des Achill, der sich von dem großen Heerführer Agamemnon zurückgesetzt fühlt, da dieser ihm Briseis, eine als Kriegsbeute Achill zustehende und bereits zugeteilte Frau, streitig gemacht hat. Achill verweigert daraufhin, ganz in gekränkter Ehre zürnend, den Kampf – mit verheerenden Folgen.

Agamemnon und Achill - Mosaik aus Pompeii
Mit dem Konflikt zwischen Agamemnon und Achill, dem nicht endenden Groll Achills und der Situation am troianischen Königshof lotet Homer sämtliche Bereiche zwischenmensch-licher Konflikte und Befindlichkeiten aus. In zahllosen Einzelepisoden werden die Menschen in Bewährung und Versagen vorgeführt.

Zentraler Aspekt ist ferner das Adelsethos der archaischen Zeit, das in allen Nuancen durchgespielt wird. Hierzu gehört auch, dass Achills Verweigerung in zweifelhaftem Licht erscheint und so die Grenzen der ewigen Gewaltbereitschaft benannt werden. Freundschaft, Gastfreundschaft, Ehe, Solidarität, Verpflichtung gegenüber den Vorfahren, Bewährung im Kampf, Witwenschaft wie Waisennot und anderes mehr werden vor dem Hintergrund des Krieges thematisiert und reflektiert.

Man hat im moralisch-ethischen wie sozialen Gehalt den Wesenskern, das eigentliche dichterische Anliegen, erkennen wollen, für das der Troianische Krieg selbst nur den Hintergrund lieferte. Dies hat viel für sich und erklärt gut die Faszination, die vom Epos ausgeht und die Wirkmächtigkeit ebenso wie eine breite, die Zeiten überdauernde Rezeption sicherte.

Dennoch nimmt die Schilderung von Kämpfen und Schlachten rund zwei Drittel des gesamten Werks ein: In 16 der 24 Gesänge werden Schlachten beschrieben. Sage und schreibe 318 tote Krieger, von denen 243 Namen tragen, werden in den Kampfszenen einzeln vorgeführt, wobei sie auf rund 60 verschiedene Todesarten sterben. Hinzu kommt eine Vielzahl weiterer namenloser Kämpfer und Verwundeter.

Auf den modernen Leser wirken die langen Kampfbeschreibungen ermüdend. Der antike Zuhörer hingegen scheint diese Partien besonders goutiert zu haben. Anders ist sonst der prominente Platz der Kampfschilderungen nicht zu erklären. Bei der Zusammenführung der vielen Einzelepisoden wird Homer jedenfalls die Publikumserwartungen bedacht haben, die den wandernden Sängern, den Rhapsoden bestens vertraut gewesen sein dürfte, da sie selbst dem Adel angehörten.

Aus heutiger Sicht ist nicht nur der Umfang der Schlachtschilderungen irritierend, sondern auch die detailversessene Beschreibung von Verletzungen und Todesarten. Die anatomisch exakt anmutende Wiedergabe von Kriegs- und Kampfverwundungen ließ im 19. Jahrhundert einen Gelehrten sogar vermuten, bei Homer habe es sich um einen griechischen Militärarzt gehandelt, der bestens mit den Wunden vertraut war, welche die zeitgenössischen Waffen wie Pfeile, Speere und Schwerter geschlagen hatten.

Kupferstich von John Flaxman zur Ilias (1793)

In vielen Fällen werden die Protagonisten kurz vorgestellt und ihre Herkunft erläutert, ehe Homer den Zweikampf selbst schildert. Am Ende steht in der Regel der Tod eines Kämpfers, der auf sehr unterschiedliche Weise beschrieben wird. Zunächst gibt es einfach ausgemalte Szenen, in denen der kurze Hinweis den Todesstoß zusammenfasst:

Der Speer „durchbohrte die Stirn, und die eherne Spitze drang in die Knochen, und ihm umhüllte Dunkel die Augen“ (4, 460 f.). In einem anderen Fall fährt die Lanze in „die Brust neben der Warze, rechts, und gerade durch die Schulter“ (4, 480 f.). Einem wieder anderen Krieger drang die Waffe „in die Schläfe, und durch die andere Schläfe drang die eherne Spitze“ wieder heraus (4, 502 f.). In weiteren Kämpfen wird schlicht der Kopf abgeschlagen (11, 261).

Alle Teile des Körpers sind von den Verletzungen betroffen, wobei zwischen den Kriegsparteien ein wichtiger Unterschied besteht. Die Troianer haben häufiger Rückenverletzungen, was ihrer Rolle im Epos durchaus entspricht, denn sie sind es, die häufiger auf der Flucht gezeigt werden.

Die Achäer, Agamemnon und seine Mitkämpfer, werden im Epos bisweilen wie wilde Tiere, vor allem wie Eber und Löwen beschrieben, die entsetzliche Verletzungen anrichten können. Odysseus etwa wütet mit einem Gefährten, „wie wenn zwei Eber sich unter jagende Hunde stürzen“ (11, 324 f.). Agamemnon kämpft gar wie ein Löwe, der einer Kuh (d.h. einem Troer) nachstellt: „Er packt sie und bricht ihr den Nacken heraus mit den starken Zähnen zuerst und schlürft dann das Blut und die Eingeweide“ (11, 175 f.). Diesem grausigen Bild entsprechend beschreibt Homer den Tod einzelner Troer, wie beispielsweise den des Diores, der im Kampf von einem Wurfgeschoss getroffen worden war, das ihm „die beiden Sehnen und die Knochen zerschmetterte“ (4, 521). 

Weiter heißt es: „Der aber fiel rücklings nieder / in den Staub, und breitete beide Arme aus nach seinen Gefährten, / den Lebensmut verhauchend. Doch der lief herbei, der ihn getroffen, / Peroos, und stieß mit dem Speer in den Nabel, und alle / Gedärme ergossen sich auf die Erde, und ihm umhüllte Dunkel die Augen“ (4, 522–526).

Der Tod des Sarpedon

Anderen Kämpfern fährt der Speer in den Kopf, und „das Gehirn wurde drinnen ganz mit Blut vermengt“ (12, 185 f.; 20, 399 f.). Einer wird getroffen „unter dem Kinnbacken und dem Ohr, und die Zähne stieß hinaus das Ende des Speers und schnitt mitten durch die Zunge“ (17, 617 f.).

Besonders eindrücklich ist das Bild des Mannes, der im Rücken getroffen wird, wobei die Lanze den gesamten Körper durchdringt. Er sinkt nieder, „und eine Wolke umhüllte ihn, eine schwarze, und er zog an sich, zusammengesunken, die Eingeweide mit den Händen“ (20, 417 f.). Einem Unterlegenen wird der Kopf unter dem Ohr abgeschlagen, „und nur die Haut hielt noch, und seitwärts herab hing der Kopf“ (16, 340 f.).

Besonders kleinteilig ist die Beschreibung der Verletzung, die Pandaros erleidet. Die Lanze wird von der Göttin Athene „auf die Nase neben dem Auge (gelenkt), und sie durchbohrte die weißen Zähne. Und ihm schnitt ab die Wurzel der Zunge das unaufreibbare Erz, und die Spitze fuhr ihm heraus am untersten Kinn.“ (5, 291–293).


Achills´ Kampf am Fluss
Johann Balthasar Probst
(1673 - 1748)
Eine Lanze trifft „in den Schenkel, wo der dickste Muskel des Menschen ist, und rings um die Spitze der Lanze zerrissen ihm die Sehnen“ (16, 314‒316), einen „Oberarm schälte des Speeres Spitze aus den Muskeln und schmetterte den Knochen gänzlich herunter“ (16, 323 f.).

Eindrucksvoll ist auch der Tod des Erymas (16, 345–350): „Idomeneus aber stieß dem Erymas in den Mund mit dem erbarmungslosen Erz, / und gerade hindurch fuhr hinten heraus der eherne Speer, / unterhalb des Gehirns, und spaltete die weißen Knochen. / Und herausgeschüttelt wurden die Zähne, und es füllten sich ihm / mit Blut die beiden Augen, und aus dem Mund und durch die Nasenlöcher / sprühte er es, klaffend.

(Fortsetzung folgt)


aus: Martin Zimmermann: Gewalt. Die dunkle Seite der Antike, München 2013