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Donnerstag, 12. März 2026

Karl-Wilhelm Weeber und das prometheische Prinzip

Karl-Wilhelm Weeber widmet ein Kapitel seines Buches Hellas sei Dank einer der wirkungsmächtigsten Denkfiguren der europäischen Geistesgeschichte. Gemeint ist der Mythos des Prometheus als Urbild einer Kultur, die sich aus Widerstand, Grenzüberschreitung und schöpferischer Hybris speist. Auf beein-druckende Weise entsteht das Bild eines Prometheus, der weit mehr ist als eine mythologische Gestalt, sondern vielmehr Chiffre für ein Prinzip, das die Selbst-deutung des Menschen bis in die Moderne hinein prägt.

 

Die Geschichte ist bekannt: Prometheus stiehlt das Feuer vom Olymp und bringt es den Menschen. Dieses Feuer ist nicht nur physische Wärme oder technische Möglichkeit, sondern Symbol für Erkenntnis, Kunst, Technik und Autonomie. Weeber betont, dass hier „die Geburt der Kultur aus einem Akt des Ungehorsams“ erzählt wird. Kultur entsteht nicht als göttliche Gabe, sondern als widerrechtliche Aneignung. Der Mensch verdankt sein Menschsein einem Verbrechen gegen die göttliche Ordnung.

 

Prometheus als Feuerträger (Jan Cossiers, um 1636/38. Museo del Prado, Madrid)

Gerade in der drastischen Schilderung der Strafe zeigt sich die ganze Ambivalenz dieses Prinzips. Prometheus wird an einen Felsen geschmiedet, und täglich frisst ein Adler an seiner Leber, die sich über Nacht erneuert. In Aischylos´ „Der gefesselte Prometheus“ hören wir den Titanen klagen: „Seht, was ich leide, der den Sterblichen Wohl tat.“ Das Leiden ist der Preis für den Fortschritt der Menschheit. Weeber liest diese Szene nicht als bloße Mythen-erzählung, sondern als Urform eines Denkens, das technische und kulturelle Errungenschaften stets mit Schuld, Risiko und Opfer verknüpft.

 

Das prometheische Prinzip bezeichnet also eine doppelte Bewegung, einerseits den schöpferischen Akt, der den Menschen über das bloß Natürliche hinaushebt, andererseits den rebellischen Gestus gegen jede absolute Autorität. Prometheus ist Kulturstifter und Rebell zugleich. Er verkörpert eine Haltung, die nicht fragt, ob etwas erlaubt ist, sondern ob es möglich ist – und ob es dem Menschen dient.

 

Weeber zeigt, dass diese Denkfigur in der griechischen Tragödie bereits eine erstaunliche Tiefe erreicht. Bei Aischylos ist Prometheus kein trickreicher Gauner, sondern ein leidender Held, der bewusst für seine Tat einsteht. Seine Auflehnung ist moralisch motiviert: Er widersetzt sich Zeus, weil dieser die Menschen vernichten will. Damit erscheint Prometheus als Anwalt der Menschheit gegen eine tyrannische Macht. In dieser Perspektive wird Wider-stand selbst zu einer ethischen Kategorie.

 

Genau diesen Aspekt greift Goethe in seinem berühmten Gedicht „Prometheus“. In ihm radikalisiert sich der titanische Gestus zu einem emphatischen Selbstbekenntnis menschlicher Autonomie. Wenn Prometheus den Zeus heraus-fordert – „Hier sitz ich, forme Menschen / Nach meinem Bilde“ – wird der Mythos endgültig ins Anthropologische verschoben. Der Mensch erscheint nun selbst als Schöpfer, nicht mehr als bloßer Nutznießer eines geraubten Feuers. 

 

Prometheus als Schöpfer (Piero di Cosimo, 1510/1515)

Goethes Prometheus verweigert Dankbarkeit ebenso wie Unterwerfung. Er ver-dankt sein Dasein nicht den Göttern, sondern sich selbst und seiner leidvollen Erfahrung. Damit schließt Goethe unmittelbar an das prometheische Prinzip an. Kultur als das Produkt menschlicher Selbstermächtigung entsteht aus Trotz, Leiden und schöpferischer Energie.

 

In Goethes Prometheus kündigt sich bereits jene moderne Haltung an, die Camus später philosophisch fasst, als eine Existenz ohne transzendenten Garant, aber mit dem unbeugsamen Willen, dennoch Sinn zu schaffen.

 

Albert Camus sieht im rebellischen Menschen den Erben des Titanen, einen, der die Absurdität der Welt erkennt und sich dennoch weigert, zu resignieren. Camus formuliert programmatisch: „Ich empöre mich, also sind wir.“ Diese Empörung ist keine blinde Zerstörungslust, sondern der Versuch, menschliche Würde in einer gleichgültigen Welt zu behaupten.

 

So wird Prometheus zum Vorläufer des modernen Subjekts, das sich selbst als Ursprung von Sinn begreift. Während die antike Version noch im Spannungsfeld zwischen Göttern und Menschen angesiedelt ist, verlagert sich der Konflikt in der Moderne ins Innere des Menschen. Der Preis bleibt derselbe: Einsamkeit, Schuld, Leiden. Doch gerade darin liegt die bleibende Faszination des Mythos. Prometheus ist kein optimistischer Fortschrittsheld, sondern eine tragische Figur, die den hohen Einsatz der Kultur sichtbar macht.

 

Das prometheische Prinzip erklärt damit auch, warum europäische Kultur immer wieder von Grenzüberschreitungen lebt – in Wissenschaft, Kunst und Politik. Jede große Neuerung trägt etwas von diesem ursprünglichen Feuerraub in sich. Sie ist Aneignung, Wagnis und potenzielle Provokation. Ohne die Bereitschaft, bestehende Ordnungen infrage zu stellen, gäbe es keine Geschichte des Fortschritts, sondern nur Wiederholung.

 

Gleichzeitig warnt Weeber vor einer einseitigen Heroisierung. Der Mythos erzählt nicht nur von Befreiung, sondern auch von Maßlosigkeit. Prometheus erinnert daran, dass menschliche Schöpferkraft immer auch zerstörerisch sein kann. Gerade in einer Zeit technologischer Allmacht gewinnt diese Ambivalenz neue Aktualität. Das Feuer kann wärmen – oder verbrennen.

 

Der Prometheus von José Clemente Orozco (1883-1949): Eine Allegorie auf Wissen, Rebellion und die Bürde des Fortschritts 

Das prometheische Prinzip ist also ein Grundmuster europäischer Selbst-vergewisserung. Kultur entsteht nicht aus harmonischer Ordnung, sondern aus Konflikt. Der Mensch wird Mensch, indem er sich auflehnt – gegen äußere Mächte, aber auch gegen die eigenen Grenzen. Prometheus bleibt so eine Figur, an der sich bis heute entscheidet, wie wir Freiheit, Verantwortung und Fortschritt denken.

 

Daher ist die Auseinandersetzung mit dem Prometheus mehr als nur mytholo-gische Exegese. Es ist ein Beitrag zur Frage, was es heißt, europäisch zu denken, ein Denken, das sich nicht im Besitz einer fertigen Tradition glaubt, sondern das sich als fortgesetzter Akt des Feuerraubs versteht – riskant, schmerzhaft, aber unverzichtbar.

 

Zitate aus: Karl-Wilhelm Weeber: Hellas sei Dank! Was Europa den Griechen schuldet. Eine historische Abrechnung, München 2023 (Siedler)  

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Norbert Hoerster und die staatliche Kulturförderung

Für Norbert Hoerster ist eine Gesellschaft dann eine gerechte Gesellschaft, wenn das Zusammenleben der Menschen in den wesentlichen Bereichen durch gerechte Normen geregelt ist. Diese sind gleichwohl keine absoluten, „der Menschheit vorgegebenen Normen eines sogenannten Natur- oder Vernunftrechtes“, sondern vielmehr „solche Normen, auf die sich rational eingestellt Menschen insofern einigen können, als sie bereit sind, sich sowohl mit den Vorteilen dieser Normen für sich selbst zufriedenzugeben als auch mit den Vorteilen dieser Normen für ihre Mitmenschen (und damit den möglichen Nachteilen für sich selbst) abzufinden“ (133).

Umsetzung von Gerechtigkeitsnormen - eine Aufgabe des Staates

Die Aufgabe des Staates besteht nun darin, die begründeten Gerechtigkeitsnormen erfolgreich umzusetzen. So wird es letztlich im wohlverstandenen Interesse der einzelnen Bürger liegen, dem Staat gewisse Befugnisse einzuräumen, die ihm die Sicherung der Grundrechte ermöglichen. Dazu zählen Hoerster zufolge vier Abwehrrechte  - Recht auf Leben, Recht auf körperliche Unversehrtheit, Recht auf Freiheit und Recht auf Schutz des Eigentums - und drei Anspruchsrechte - Recht auf Erfüllung eines geschlossenen Vertrages, Recht der unfreiwillig Armen auf Leben im Sinne einer gewissen Grundversorgung und das Recht der Heranwachsenden auf eine gewisse Erziehung und Ausbildung der eigenen Fähigkeiten.

Steuern müssen legitimiert werden!
In diesem Zusammenhang taucht unweigerlich die Frage auf, ob der Staat berechtigt ist, gewisse Projekte zu verfolgen und zu diesem Zweck von den Bürgern Steuern abzuverlangen. Hoerster zufolge ist es „ethisch völlig unvertretbar, als selbstverständlich davon auszugehen, dass der Staat – oder jedenfalls ein demokratischer Staat – ohne Weiteres jedes beliebige Projekt auf Kosten der Bürger verfolgen darf“ (115).

Vielmehr müssen zwei Bedingungen erfüllt sein, um ein Projekt, wodurch der Staat in das Leben der Gesellschaft eingreift, zu legitimieren:

„1. Das Projekt muss entweder im Interesse so gut wie aller Bürger oder im fundamentalen Interesse jedenfalls einiger Bürger liegen.

2. Das Ziel des Projektes muss unter den gegebenen Bedingungen auf privatwirtschaftlichem Wege nicht oder jedenfalls nicht vergleichbar gut erreichbar sein“ (116).

Neben Projekten, bei den beide Kriterien erfüllt sind (Ausbau der Infrastruktur des Landes, Verhinderung von Monopolen, Schaffung von Rahmenbedingungen des Arbeitsmarktes), gibt es jedoch eine Vielzahl von Projekten, bei denen sich der Staat „vollkommen beliebigen Projekten“ widmet, die „letztlich vor allem der Selbstinszenierung und Wählergewinnung der Politiker dienen“ (122).

Dies gilt im besonderen Maße für die Förderung der sogenannten „Kultur“, also dem Unterhalt und/oder finanzieller Unterstützung von Theatern, Opernhäusern, Museen, Freizeitparks, Festspielen, Filmproduktionen und ähnlichen Einrichtungen.

Bedingung 1 ist hier im Regelfall nicht erfüllt. So liegen beispielsweise die vom Staat geförderten Bayreuther Festspiele weder im Interesse aller noch im fundamentalen Interesse einiger Bürger. Aber selbst wenn die Mehrheit überhaupt an der sogenannten „Kultur“ interessiert wäre, ist vollkommen unklar, worin diese „Kultur“ überhaupt besteht.

Kultur? Was ist überhaupt Kultur?

Zunächst ist „die Kultur“ eine enorme Vielzahl völlig unterschiedlicher Bereiche und Produkte. „Und jedes dieser verschiedenen Produkte können im Prinzip jene Individuen privatwirtschaftlich unterhalten, veranstalten und fördern, die an speziell diesem Produkt interessiert sind“ (119). Auch die zweite Bedingung ist also mit Sicherheit nicht erfüllt.

Das würde bedeuten, dass ohne die staatliche Unterstützung jeder wirklich interessierte Bürger mit dem gesparten Steuergeld genau jene und nur jene „Kultur“ unterstützen würde, an der er selber interessiert ist.

Darüber hinaus würden die rein privaten Kulturinstitutionen nicht auf unfaire Weise von den staatlich geförderten Institutionen vom Markt verdrängt werden, mit denen sie aufgrund deren Förderung kaum konkurrieren können.

So sei es letztlich auf ein Zeichen enormer Angepasstheit und geringer geistiger Aufgeklärtheit der Bevölkerung, dass zwar einerseits niemand akzeptieren würde, wenn sein Nachbar ihm die 500 Euro aus einem Lottogewinn rauben würde, um damit seinen Garten zu verschönern, „dass gleichzeitig aber offenbar niemand Probleme damit hat, wenn seine Stadtgemeinde ihm den gleichen Betrag zur Erbauung eines `Museums für moderne Kunst´, das er nie zu betreten vorhat, in Form von Steuern wegnimmt“ (122).

Die Bayreuther Festspiele: Eine Bühne zur Selbstinszenierung
von Politikern - bezahlt aus Steuergeldern

Es ist schon skurril: „Wieso werden in unserer Gesellschaft zwar sämtliche unverzichtbaren materiellen Nahrungsmittel privatwirtschaftlich hergestellt und vermarktet, zahlreiche der nicht annähernd so unverzichtbaren geistigen Nahrungsmittel aber staatlich?“ (120).


Zitate aus:  Zitate aus: Norbert Hoerster: Was ist eine gerechte Gesellschaft? Eine philosophische Grundlegung. München 2013 (C.H. Beck)  -  

Donnerstag, 1. Mai 2014

Demokrit und die Entwicklung der Kultur


„Nichts ist weiser als die Zeit,
denn sie erfindet nach und nach alle Dinge.“
(Thales von Milet)

Für die Griechen war die Kulturgeschichte ein Lernprozess, eine „progressive Zeit“, in deren Verlauf sich der zivilisatorische Fortschritt widerspiegelt. So schreibt Platon: „Als die Zeit voranschritt und die Menschheit sich mehrte, ist allmählich alles zu den Zuständen fortgeschritten, die heute herrschen“ (Gesetze 678 B).

Während im Lateinischen „Fortschritt“ durch das Wort progressus ausgedrückt wird, verwenden die Griechen manchmal prokopē, also „einen Weg freischlagen“ oder auch epidosis, das „Zugabe, Zunahme“ bedeutet (Demandt, 59).

Fähigkeiten und Erkenntnisse
Der beobachtete Fortschritt besteht vor allem in der Vermittlung von Fähigkeiten und Erkenntnissen. Die 10. Olympische Ode des Dichters Pindar (522 – 446 v. Chr.) beschreibt die Zeit als Hebamme oder als Mutter der Wahrheit und ihre Handlungen als  Schritte in die Zukunft.

Gleichwohl zeigt sich das Bewusstsein der Griechen vom historischen Fortschritt nicht nur in Hinweisen auf einzelne spektakuläre Erfindungen und Entdeckungen, sondern vielerorts entstanden zusammenhängende Erzählungen von den Anfängen und dem Verlauf der Kulturgeschichte der Menschheit.

Demokrit (* 460 v. Chr.)
Eine dieser Erzählungen stammt von Demokrit, überliefert bei Diodor. Er beginnt mit der Feststellung, dass die Menschen nach ihrer Entstehung „ein Dasein ohne jede Ordnung, nach Art der Tiere gehabt hätten.

Hier und dort zerstreut, wären sie nach den Futterplätzen ausgezogen und hätten von den Kräutern die ihnen am meisten zusagenden und von den Bäumen die Früchte, die von selbst gewachsen seien, verzehrt. Und wenn sie von den wilden Tieren bedrängt wurden, hätten sie einander geholfen, da sie durch ihr gemeinsames Interessen belehrt wurden.“

Es war Demokrit zufolge, die Furcht und das gemeinsame Interessen, die dazu führten, dass die Menschen sich gegenseitig kennenlernten. Diese ersten rudimentären Formen des Zusammenlebens machten dann eine Verständigung untereinander notwendig, die anfangs nicht ohne Schwierigkeiten verlief.

„Da aber ihre Laute undeutlich und verworren waren, hätten sie allmählich die Worte artikuliert und hätten miteinander Bezeichnungen für jedes Ding festgesetzt und so sich selber die Verständigung über alle Dinge ermöglicht.

Während solche Vereinigungen auf der ganzen bewohnten Erde entstanden, hätten nicht alle eine gleichlautende Sprache gehabt, da die einzelnen Horden auf das Geratewohl ihre Ausdrücke vereinbart hätten. Daher habe es auch alle möglichen Eigentümlichkeiten von Sprachen gegeben, und es seien die zuerst entstandenen Horden die Urahnen aller Völker geworden.“

Das Leben dieser ersten Menschen war jedoch alles andere als bequem: „Die ersten Menschen nun hätten, da noch keinerlei zum Leben nützliche Erfindung gemacht war, ein sehr kümmerliches Dasein gefristet: ohne jede Kleidung, unbekannt mit Haus und Herd und ohne jede Ahnung von Nahrung, die durch menschlichen Anbau gewonnen sei. Da sie nämlich das Einbringen der Früchte der Wildnis noch nicht kannten, hätten sie keinerlei Aufspeicherung von Früchten für den Fall der Not vorgenommen. Daher wären dann auch viele von ihnen zur Winterszeit umgekommen, durch die Kälte und weil sie nichts zu essen fanden.“

Nun aber macht Demokrit die entscheidende Beobachtung: Durch die Erfahrung des Mangels hätten die Menschen allmählich gelernt, sich gegen die Widernisse der Welt durchzusetzen. So sei „bei allen Errungenschaften die Not die Lehrmeisterin der Menschen geworden.“ Erst die Erfahrung der Not machte den Menschen klug. Sie brachte ihnen die Erkenntnis der Dinge, denn schließlich sei der Mensch ein „wohlveranlagtes Lebewesen“, das sich „bei allen Verrichtungen seiner Hände, der Sprache und des Verstandes bediente.“

„Infolgedessen seien sie allmählich durch die Erfahrung klug geworden, hätten sich im Winter in die Höhlen geflüchtet und von den Früchten solche, die sich aufbewahren ließen, für sich aufgehoben.

Und wie dann der Gebrauch des Feuers und die anderen nützlichen Einrichtungen nach und nach entdeckt waren, da wären auch die Künste und Gewerbe erfunden worden und die Einrichtungen, die das Leben der Allgemeinheit fördern könnten.“

Die Ziel der Kulturentwicklung: Ansammlung von Wissen

In Demokrits Darstellung der kulturellen Entwicklung zeigt sich der ganze Stolz der Griechen auf die von Menschen erreichte Verbesserung der Lebensumstände, die Perfektion der Technik und die Vermehrung des Wissens. Von Demokrit stammt übrigens auch das Zitat, er wolle lieber ein neues Naturgesetz finden, als König von Persien werden.
Zitate aus: Alexander Demandt: Philosophie der Geschichte. Von der Antike zur Gegenwart, Köln 2011 (Böhlau Verlag), Kapitel III   -  Demokrit: Kulturentwicklung, in: Wilhelm Capelle: Die Vorsokratiker, Stuttgart 2008 (Kröner), S. 386f


Donnerstag, 21. Juni 2012

Arnold Gehlen und die Kultur

Jules Fernand Henri Léger (1881 – 1955) war ein leidenschaftlicher Anhänger der modernen Technik, die ihn wegen ihrer übermenschlichen Kraft und faszinierenden Schönheit begeisterte. Dementsprechend verwendete er für sein künstlerisches Schaffen Symbole der industriellen Welt und stellte die von ihm ausgewählten Objekte und Menschen maschinenähnlich dar.

Fernand Léger: Les Constructeurs (1950)

Seit Beginn der 50er Jahr stand für Léger die Arbeitswelt des Menschen im Zentrum seines Interesses. Ein Hauptwerk aus dieser Zeit ist "Les Constructeurs". Légers Bild bietet zugleich eine gute Möglichkeit, den anthropologischen Ansatz Arnold Gehlens (1904 – 1976) zu verfolgen.

Als Vertreter der modernen philosophischen Anthropologie besteht Gehlens Anliegen darin, die Frage nach der Sonderstellung des Menschen in der Natur zu beantworten.

Gehlen geht davon aus, dass die erste Besonderheit des Menschen allein schon darin besteht, dass er „nicht festgestellt“ ist, dass er sich selbst noch Aufgabe ist, d.h. die Notwendigkeit vorfindet, seine eigene menschliche Existenz zu deuten. Dies sei nicht nur ein theoretisches Bedürfnis, denn „ob sich der Mensch als Geschöpf Gottes versteht oder als arrivierten Affen, wird einen großen Unterschied in seinem Verhalten ausmachen.“ Das Deuten interpretiert Gehlen also bereits als Handeln.

Arnold Gehlen
Die zweite Besonderheit sieht Gehlen darin, dass der Mensch morphologisch im Gegensatz zu allen höheren Säugetieren hauptsächlich durch Mängel bestimmt ist, die er als Unangepasstheit und Unspezialisiertheit beschreibt:

„Es fehlt das Haarkleid und damit der natürliche Schutz gegen Wind und Kälte; es fehlen natürliche Angriffsorgane, aber auch eine zur Flucht geeignete Körperbildung; der Mensch wird von den meisten Tieren an Schärfe der Sinne übertroffen, er hat einen geradezu lebensgefährlichen Mangel an echten Instinkten. Bereits während der Säuglings- und Kinderzeit unterliegt er im Vergleich zu anderen Tieren einer unvergleichlich langfristigen Schutzbedürftigkeit. Mit anderen Worten: Innerhalb natürlicher Bedingungen würde er schon längst ausgerottet sein.“

So ist der Mensch von einer „einzigartigen biologischen Mittellosigkeit.“ Aber diesen Mangel kann er durch seine Arbeitsfähigkeit, d.h. durch seine Hände und seine Intelligenz ausgleichen.

Zwar ist der Mensch organisch ein „Mängelwesen“ und als solches in der Natur nicht überlebensfähig, aber er erschafft sich eine zweite Natur, „eine künstliche und passend gemachte Ersatzwelt.“ In dieser Kulturwelt kann er sich deuten, kann er handeln, und zwar als Kulturwesen.

Wir begegnen dem Menschen überall auf der Welt, weil er überall leben kann. „Man muss die Resultate seiner Hand- und Verstandesarbeit zu den physischen Existenzbedingungen des Menschen hinzunehmen, und diese Aussage gilt für kein Tier. Ein Vogelnest ist niemals vorausschauend geplant sondern immer nur rein instinktiv.“

Der Mensch dagegen hat gar keine andere Chance, als sich als Kulturwesen zu verstehen. So beginnt er, Werkzeuge und Technik zu entwickeln, die er benötigt, um die Natur um seiner Vorteile willen zu nutzen, manchmal auch auszunutzen. In jedem Fall fühlt der Mensch sich in dieser Technikwelt, die Léger so meisterlich dargestellt hat, ausgesprochen wohl.

So ist der Mensch für Gehlen einerseits zwar Mängelwesen, andererseits hat es gleichwohl „einen exakten und guten Sinn“, ihn auch als Prometheus zu bezeichnen.

Zitate aus: Arnold Gehlen: Der Mensch. Seine Natur und Stellung in der Welt, Wiesbaden 2003 (Aula) – ders.: Anthropologische Forschung. Zur Selbstbegegnung und Selbstentdeckung des Menschen, Reinbeck 1961 (Rowohlt)

Montag, 21. November 2011

Hellas und die Kulturbildung aus Freiheit


Immer wieder wird in wichtigen politischen Debatten die Frage nach der kulturellen Identität Europas aufgeworfen. Darin eingeschlossen ist die Frage, welchen Anteil die antike Tradition an der kulturellen Identität Europas besitzt und worin das Eigene und Unverwechselbare in der kulturellen Innovation der Griechen bestand.

Für Christian Meier steht fest, dass das Neue, das mit den Griechen in die Welt kam, eine „Kulturbildung aus Freiheit statt aus Herrschaft" (97) war.

Akropolis und Areopag in Athen (Leo von Klenze - 1846)

Nicht die Durchsetzung einer starken nationalen Herrschaft prägte die politische Kultur der Griechen, sondern die Aufrechterhaltung vieler kleiner, selbstständiger politischer Einheiten, den Poleis. Die Folge davon war, dass viele Aufgaben, die in anderen Staaten an entsprechende zentrale Organe oder Institutionen delegiert wurden, nun von den Bürgern der Polis selbst erledigt werden mussten.

Kulturbildung bedeutet hier zunächst, die Lebensverhältnisse in jeder dieser weitgehend eigenständigen Städte zu verbessern, und das hieß folglich, die Menschen mit immer mehr Kenntnissen, Fähigkeiten auszustatten und eine entsprechende Ordnung zu schaffen, die diese Ziele möglich machte.

Folglich brauchten die Mitglieder dieser Gemeinwesen bei allem Individualismus einen hohen Grad an Verantwortung für das Gemeinsame.

Getragen wurde diese Verantwortungsbereitschaft von einem „Können-Bewusstsein“ (Meier, Entstehung, 469), dem Bewusstsein der ungeheuren Möglichkeiten des menschlichen Geistes und der menschlichen Handlungsfähigkeit. Im Wesentlichen handelte es sich um eine Zunahme des technischen Könnens, der téchnē. Durch téchnē wird der Mensch „Herr über die Dinge.“

Dies galt größtenteils auch in der Politik: In einer demokratischen Ordnung hatten die Bürger ebenfalls „die Dinge in der Hand.“ Es wurde offen diskutiert, beschlossen und ausgeführt.

So entwickelte sich eine Kultur des rationalen Argumentierens - die Voraussetzung schlechthin für die Fähigkeit, die Herausforderungen der Polis gemeinsam zu bewältigen und die Gegensätze zu regulieren, die in einer auf Freiheit beruhenden Gesellschaft unweigerlich auftreten.

Mit der Poliskultur war also die Entfaltung einer Lebensform verbunden, die in zunehmendem Maße individuelle Eigenständigkeit und Unabhängigkeit erforderte und auch ermöglichte.

Die weitere Entwicklung der Polis – vor allem im 5. Jahrhundert – führte dazu, eine Ordnung in der Polis zu etablieren, die „sich selbst trägt – im Zusammenspiel der Bürger.“ (104) Diese Ordnung musste den Bürger notwendigerweise auch rational vermittelt werden, denn „zu diesem Gemeinwesen gehörte ein Menschenschlag, der frei sein und seine Antriebe frei ausleben wollte“ (101) und der letztlich auch überzeugt werden wollte.

Alle diese Entwicklungen führten also zur Entdeckung des Bürgers, zu seiner politischen Gleichheit und zu seiner bürgerlichen Verantwortung.

Sicher gab es eine Fülle von Fragen. Aber Kunst und Literatur, Geschichtsschreibung, Wissenschaft und philosophischer Diskurs nahmen sie auf und bemühten sich, kreative Antworten zu finden. Oft genug bestanden die Fragen weiter, ja es „ist geradezu eine Leidenschaft des Fragens am Werk.“ (109)

Letztlich handelt es sich bei dem Erbe der griechischen Antike also um die erste „große kulturelle Manifestation eines sehr freien, sehr unabhängigen, sehr offenen und daher sich selbst in Frage stellenden Menschentums.“ (112)

Diese Kultur der Freiheit, der Verantwortung und der Offenheit sowie der konsequente Gebrauch der Vernunft hat Europas Kultur zweifellos stark geprägt.

Zitate aus: Christian Meier: Die griechisch-römische Tradition, in: Hans Joas und Klaus Wiegandt (Hgg.): Die kulturellen Werte Europas, Frankfurt am Main 2005 (Fischer)
Weitere Literatur: Christian Meier: Die Entstehung des Politischen bei den Griechen, Frankfurt am Main 1980 (Suhrkamp)

Dienstag, 1. November 2011

Zygmunt Baumann und die Kulturalisierung

Foto: Mariusz Kubik
„In der Regel streben Kulturen nach Hegemonie – nach dem Monopol über die Normen und Werte, auf denen ihre jeweiligen Ordnungen errichtet sind.

Kulturen zielen auf Uniformität in dem Bereich, der ihrer Hegemonie unterworfen ist, während sie zugleich eine scharfe Trennung zwischen diesem Bereich und dem Rest der Welt vornehmen. Insofern sie einer Wahl vor allen anderen den Vorzug geben, sind sie inhärent gegen eine Gleichberechtigung der Lebensformen.“

Mit diesen Worten fasst der polnisch-britische Soziologe und Philosoph Zygmunt Baumann das heutige dominierende Alltagsverständnis von "Kultur" zusammen. Seine Bemerkungen enthalten einige wichtige Hinweise zur Frage der Ungleichbewertung von Menschen. 

Ungleichbewertungen von Menschen und Menschengruppen funktionieren auf der Grundlage zugeschriebener Merkmale, die als Festlegungen dieser Menschen und dieser Menschengruppen auf diese Merkmale begriffen werden.

Diese Festlegungen erfolgen heutzutage meist über den Begriff der Kultur, wobei dieser Begriff dehnbar genug ist, um auf alle denkbaren ethnischen, sozialen, geschlechtlichen und anderen Unterschiede angewendet zu werden. Die über den Kulturbegriff laufenden Festlegungen, die zu Ungleichbewertungen von Menschen oder Menschengruppen führen, nennt Baumann "Kulturalisierung".

Der Kulturalisierung entspricht ein Menschenbild, nach dem jeder Mensch mehr oder weniger unentrinnbar auf jeweils eine bestimmte „Kultur“ festgelegt sei, die seine „Identität“ ausmache. Dies führt dazu, dass andere Unterschiede zwischen Individuen in den Hintergrund geraten.

Es ist erstaunlich, dass Kulturalisierung in aller Regel übersieht, dass gerade sie durch das erwähnte Alltagsverständnis von „Kultur“ angeleitet und gesteuert werden. Anstatt "Kultur als Vergleichstechnik" zu begreifen, ist dieses Alltagsverständnis in einer identitären Logik gefangen, der es vor allem darum geht, eine scharfe Trennlinie zwischen der eigenen „Kultur“ und dem „Rest der Welt“ zu markieren. Unweigerlich verloren geht auf diese Weise das "Faktum menschlicher Pluralität" (Hannah Arendt), die sich auf zweierlei Weise manifestiert, als Verschiedenheit bzw. Besonderheit und als Gleichheit.

Die Konsequenz ist, dass eine Kulturalisierung die alltägliche Normalität des Zusammenlebens unterschiedlicher Menschen und ihrer Lebensstile als einen permanenten „Kulturkonflikt“ interpretiert. In der Folge ist es dann kaum noch möglich, das gesellschaftlich Normale als das eigentlich Normale zu thematisieren. Rechtliche, soziale und ökonomische Unterschiede werden dabei tendenziell ebenso vernachlässigt wie die Frage der vorhandenen Strukturen von Macht und Einfluss in der Gesellschaft.

Kulturalisierende Beschreibungen menschlichen Zusammenlebens laufen darauf hinaus, „Gesellschaft“ auf das Bild eines Flickenteppichs gegeneinander abgegrenzter kultureller Identitäten zu reduzieren. Auch die gegenwärtige Diskussion über die Gestaltung eines inter­kulturell kompetenten Zusammen­lebens ist häufig von einer derartig kulturalisierenden Gesellschaftstheorie geprägt.

Daher rückt die Frage nach zivilgesellschaftlichen Ansätzen, auf deren Grundlage das Zusammenleben der verschiedenen menschlichen Lebensformen politisch geregelt werden kann, in den Mittelpunkt der Bestimmung von Interkultureller Kompetenz.


Zitate aus: Zygmunt Baumann, „Natur und Kultur“; in: Ders.:Vom Nutzen der Soziologie, Frankfurt am Main 2000 (Suhrkamp), 198-222

Weitere Literatur: Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 2010 (Piper) -- Jan Bernert / Dr. Matthias Lange: Interkulturelle Kompetenz in Kommunalverwaltung und Gemeinwesenarbeit am Beispiel der Stadt Göttingen, in: In der Diskussion - Integration in Städten und Gemeinden. Reihe „Integration Konkret“, Bd. 9, hg. von der Beauftragten der Bundesregierung für Ausländerfragen, Berlin/Bonn, 2000, S. 23-40

Montag, 31. Oktober 2011

Ernest Renan und die Kultur

Am 11. März 1882 hielt der große französische Gelehrte Ernest Renan einen Vortrag an der Sorbonne mit dem Titel "Was ist eine Nation?". Auf der Suche nach ihrem vermeintlich konstitutiven Element macht Renan folgende Bemerkungen über den Zusammenhang zwischen "Nation" und "Kultur":

"Man schließt sich in einer bestimmten, für national gehaltenen Kultur ein, man begrenzt sich. Man verlässt die freie Luft, die man in der Weite der Menschheit atmet, um sich in die Konventikel seiner Mitbürger zurückzuziehen. Nichts ist schlimmer für den Geist, nichts ist schlimmer für die Zivilisation. Geben wir das Grundprinzip nicht auf, dass der Mensch ein vernünftiges und moralisches Wesen ist, ehe er sich in dieser oder jener Sprache einpfercht, ... Mitglied dieser oder jener Kultur ist.

Ehe es die französische, deutsche, italienische Kultur gibt, gibt es die menschliche Kultur.

Die großen Menschen der Renaissance waren weder Franzosen noch Italiener noch Deutsche. Durch ihren Umgang mit der Antike hatten sie das wahre Geheimnis des menschlichen Geistes wiedergefunden, und ihm gaben sie sich mit Leib und Seele hin. Wie gut sie daran taten!" (29)

Renans Feststellungen haben nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Mit Hilfe des Begriffes "Kultur" ziehen Menschen bis heute noch immer eine scharfe Trennlinie zwischen ihrem eigenen Bereich und dem Rest der Welt. Jede Kultur strebt letztlich nach Hegemonie, nach dem Monopol über die Normen und Werte, nach Uniformität in dem Bereich, der ihrem Einfluss unterworfen ist.

Aber: Was ist das eigentlich, was mit dem Begriff "Kultur" beschrieben wird bzw. werden soll? Es ist kaum überraschend, dass sich in der Literatur eine überbordende Anzahl von Kulturbegriffen findet, die sich alle da­durch auszeichnen, dass der durch sie jeweils eröffnete Inter­pre­tationsspielraum praktisch keine Grenzen kennt: Kultur also als "Unschärfejoker" (Baecker)?

Letztendlich kann jeder Sachverhalt, jeder Tatbe­stand und jeder Zusammenhang, der auch nur irgendetwas mit Men­schen, der Art und Weise ihres Zusammenlebens oder ihren Hervorbringun­gen zu tun hat, als „Kultur“ begriffen werden. Kein noch so ausgefeilter Definitionsversuch kann etwas daran ändern, dass das als „Kultur” bezeichnete thematische Feld völlig diffus ist.

Weil also unklar ist, was gemeint ist, wenn von „Kultur” gesprochen wird, kann sich leicht der jeweils aktuell dominierende Kulturbegriff unter der Hand praktisch in jeder konkreten Situation, in der es um Politik und Macht im weitesten Sinne geht, durchsetzen.

Anstatt den hoffnungslosen Versuch zu unternehmen, "Kultur" inhaltlich zu bestimmen, erscheint es sinnvoller, „Kultur” im Anschluss an Luhmann als eine bestimmte Art und Weise „auf die Welt zu blicken” zu begreifen, als einen bestimmten Umgang also mit den Sachver­halten und Tatbeständen des menschenlichen Zusammenlebens, als eine in die Gesellschaft eingezogene Ebene für vergleichende Beobachtungen und Beschreibungen.

Verabschieden wir uns also von dem fruchtlosen Versuch, Kultur immer wieder neu definieren zu wollen. Vielmehr sollten wir „Kultur“ als das Interesse am Vergleich beschreiben, als eine Vergleichstechnik (Baecker) und damit als ein übergreifendes Konzept für ein auf Vergleiche ausgerichtetes Zusammenhangswissen.

Ein solches vergleichendes Wissen gewinnt um so mehr an Bedeutung, wie im Zuge der Globalisierung "das kulturell Andere" anscheinend zu einem Problem wird, das Unruhe und Verunsicherung hervorruft. Auch daran hat sich seit Ernest Renans Zeiten nicht viel geändert.

Zitate aus: Ernest Renan: Was ist eine Nation?, Rede am 11. März 1882 an der Sorbonne. Reihe EVA Reden, Bd. 20, Hamburg 1996 (Europäische Verlagsanstalt)  -   Weitere Literatur zum Thema: Dirk Baecker: Kultur, begrifflich, in: Wit­tener Diskussionspapiere, Neue Folge, Heft 19, Witten 1999 (Verlag der Universität Witten) -- Zygmunt Baumann, „Natur und Kultur“; in: Ders.: Vom Nutzen der Soziologie, Frankfurt am Main 2000 (Suhrkamp), 198-222 -- Niklas Luhmann, Kultur als historischer Begriff, in: Ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissensso­zio­logie der modernen Gesellschaft. Bd. 4, Frankfurt am Main 1995 (Suhr­kamp), 31‑54.