Sonntag, 19. Juli 2026

Alexander von Humboldt und die Erfindung der Ökologie

Im Jahre 1866 führte der deutsche Zoologe Ernst Haeckel einen neuen Begriff in die Wissenschaft ein: „Ökologie“. Er verstand darunter die „Wissenschaft von den Beziehungen eines Organismus zu seiner Umwelt“. Das Wort war neu, die ihm zugrunde liegende Betrachtungsweise aber war es nicht. Ihr eigentlicher Urheber war Alexander von Humboldt. Dies ist eine der zentralen Thesen in Andrea Wulfs großartiger Biografie „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“.

 


Der Titel des Buches ist durchaus wörtlich zu verstehen. Natürlich hat Humboldt die Natur nicht erfunden. Wohl aber hat er eine neue Vorstellung von ihr geschaffen. Vor Humboldt betrachteten viele Naturforscher Pflanzen, Tiere, Gesteine und klimatische Erscheinungen weitgehend getrennt voneinander. Sie sammelten, beschrieben, klassifizierten und ordneten. Humboldt dagegen fragte nach Zusammenhängen. Ihn interessierte nicht allein, was ein Gegenstand war, sondern in welchen Beziehungen er zu allem anderen stand.

 

Damit veränderte sich der Blick auf die Natur grundlegend. Sie erschien nicht länger als eine Ansammlung isolierter Objekte, sondern als ein dynamisches Ganzes. Humboldt sah, wie Temperatur, Höhe, Luftdruck, Bodenbeschaffenheit, Pflanzenwelt, Tiere und menschliche Eingriffe einander beeinflussen. In der „großen Kette von Ursachen und Wirkungen“, schrieb er, dürfe „kein Stoff, keine Thätigkeit isoliert betrachtet werden“.

 

Die entscheidende Einsicht gewann Humboldt auf seiner Reise durch Latein-amerika. Bei der Besteigung des Chimborazo im Jahre 1802 verbanden sich seine zahllosen Messungen und Beobachtungen zu einem neuen Bild. Pflanzen, die er in den Anden fand, erinnerten ihn an Arten aus den Alpen, aus Norddeutschland oder aus anderen Teilen der Welt. Höhenstufen entsprachen Klimazonen; ähnliche Umweltbedingungen brachten an weit voneinander entfernten Orten vergleichbare Lebensformen hervor. Die Natur war global.

 

Das Naturgemälde (mit dem Chimborazo, 6263m)


Seinen neuen Naturbegriff stellte Humboldt in dem berühmten „Naturgemälde“ dar. Es zeigt den Chimborazo im Querschnitt, versehen mit Angaben über Pflanzen, Tiere, Temperatur, Luftdruck, Feuchtigkeit und chemische Zusammen-setzung der Atmosphäre. Das Bild ist weit mehr als eine wissenschaftliche Illustration. Es ist eine Theorie der Natur. Nicht einzelne Arten stehen im Mittelpunkt, sondern ihre Verteilung und ihre Abhängigkeit von den Bedingungen ihrer Umwelt. Das individuelle Phänomen, erklärte Humboldt, sei nur bedeutsam „in seinem Verhältnis zum Ganzen“.

 

Hier liegt die eigentliche Erfindung der Ökologie. Humboldt ersetzte das Denken in isolierten Dingen durch das Denken in Beziehungen. Natur war für ihn kein „totes Aggregat“, sondern ein „belebtes Naturganzes“. In seinem späten Werk „Kosmos“ (ab 1845) bezeichnete er sie als „ein lebendiges Ganzes“, in dem sich die Organismen zu einem „netzartig verschlungenen Gewebe“ verbinden.

 

Andrea Wulf zeigt eindrucksvoll, wie weitreichend diese Vorstellung war. Charles Darwin übernahm von Humboldt die Idee, dass Pflanzen und Tiere durch ein Netz komplexer Beziehungen miteinander verbunden sind. Henry David Thoreau lernte durch ihn, Beobachtung, Wissenschaft und poetisches Naturerleben zusammenzuführen. George Perkins Marsh entwickelte Humboldts Warnungen vor Waldzerstörung und Bodenerosion zu einer frühen Theorie menschlicher Umweltzerstörung. Ernst Haeckel schließlich gab dem neuen Denken seinen Namen.

 

Haeckels Definition der Ökologie als Wissenschaft von den Beziehungen der Organismen zu ihrer Umwelt ist daher eine begriffliche Präzisierung von Humboldts Naturverständnis. Die organische und anorganische Natur bilde ein „System von bewegenden Kräften“, schrieb Haeckel nahezu mit Humboldts Worten. Die Ökologie beginnt also nicht erst dort, wo ein neues wissenschaftliches Fach entsteht. Sie beginnt dort, wo die Natur nicht mehr als Kulisse menschlichen Handelns erscheint, sondern als empfindliches Gefüge wechselseitiger Abhängigkeiten.

 

Gerade deshalb erkannte Humboldt auch ungewöhnlich früh die zerstörerische Kraft des Menschen. Am Valenciasee in Venezuela beobachtete er, wie Abholzung den Boden austrocknete, den Wasserhaushalt veränderte und Erosion verursachte. Später benannte er drei Formen menschlicher Klima-beeinflussung: Waldvernichtung, rücksichtslose Bewässerung und die industriell erzeugten „Dampf- und Gasmassen“. Für das frühe 19. Jahrhundert war dies eine geradezu revolutionäre Einsicht. Wer die Natur als Zusammenhang begreift, muss erkennen, dass jeder Eingriff Folgen hat – oft weit entfernt von seinem unmittelbaren Ort und noch lange nach dem Augenblick des Handelns.

 

Thoreaus Hütte am Walden-See in Massachusetts, in der er 1845 bis 1847 lebte.


Humboldts Wissenschaft war dabei niemals bloß nüchterne Analyse. Erkenntnis und Gefühl, Messung und ästhetische Erfahrung gehörten für ihn zusammen. Wissenschaft sollte die Natur nicht entzaubern. Im Gegenteil: Genauere Kenntnis vergrößerte das Staunen. Darin liegt vielleicht die besondere Aktualität seines Denkens. Eine Ökologie, die nur Daten produziert, aber keine Beziehung zur Natur stiftet, bleibt unvollständig. Umgekehrt genügt eine romantische Naturverehrung nicht, wenn sie die wissenschaftlich erkennbaren Zusammen-hänge ignoriert.

 

Andrea Wulfs Buch erinnert deshalb an einen Naturforscher, dessen Denken moderner ist als manches, was sich heute modern nennt. Humboldt verstand, dass nichts für sich allein existiert, dass lokale Eingriffe globale Wirkungen haben und dass der Mensch nicht außerhalb des Netzes des Lebens steht.

 

Die ökologische Krise unserer Gegenwart ist letztlich auch eine Krise falscher Wahrnehmung. Wir behandeln Wälder als Holzvorräte, Flüsse als Wasser-lieferanten, Tiere als Produktionsmittel und die Atmosphäre als kostenlose Deponie. Humboldt setzte diesem zergliedernden Nutzendenken das Bild einer lebendigen, verbundenen Welt entgegen. Die Natur neu zu „erfinden“ bedeutet deshalb heute, sie wieder so sehen zu lernen, wie Humboldt sie bereits vor mehr als zweihundert Jahren sah: als ein Ganzes, dessen Teil wir sind – und dessen Zerstörung immer auch unsere eigene ist.

 

Zitate aus: Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, München 2016 (C. Bertelsmann).