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Freitag, 9. August 2024

Ulrich Menzel und der Einfluss der Globalisierung auf den Strukturwandel des Parteiensystems

In seinem Buch „Wendepunkte: Am Übergang zum autoritären Jahrhundert“ identifiziert der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel verschiedene Wendepunkte einer Welt in Aufruhr. Die Globalisierung ist entzaubert, die USA und China ringen um die Hegemonie. Wir erleben eine Rückkehr alter Grenzen, der Anarchie der Staatenwelt, des Autoritären (weltweit und in den liberalen Gesellschaften), ja sogar des Krieges in Europa.

 

Ein wichtiger Aspekt dieses Szenariums ist der durch die Globalisierung ausgelöste Strukturwandel des Parteiensystems, insbesondere der Niedergang der Volksparteien.

 

Die Ergebnisse der Bundestagswahl 2021 machen diesen Niedergang eindrucksvoll deutlich: „Während dieser sich für die SPD bereits mit der Bundestagswahl 2009 manifestierte, als sie weniger als 10 Millionen Stimmen erzielte und damit wieder bei der Größenordnung von 1957 angelangt war, bestätigte er sich jetzt auch für die Union, die mit gut 11 Millionen Stimmen schlechter als 1953 abschnitt.“

 

Die neuen Bruchlinien der Globalisierung ...

Eine häufig herangezogene Erklärung bzw. Theorie lautet, daß Volksparteien in sie tragenden sozialen Milieus verankert sein müssen. “Für die SPD war es das gewerkschaftliche Milieu, das nicht nur aus den Gewerkschaften, sondern auch dem dritten Bein der Arbeiterbewegung, den Genossenschaften, bestand, ferner ihrer Presse, den Verlagen, Bildungs- und Sozialeinrichtungen wie Arbeiterwohlfahrt und Arbeiter-Samariter-Bund sowie den vielen Vereinen vom Fußball (Eintracht oder Rot-Weiß) über die Bergmannskapelle bis zu den Taubenzüchtern.” 

 

Für die konservativen Volksparteien wie BVP oder Zentrum bzw. nach 1945 für die CDU/CSU “war es das kirchliche Milieu, das nicht nur aus den Kirchen, dem Kirchenjahr und der Begleitung der Familienfeste von der Taufe bis zur Beerdigung, sondern auch aus den vielen kirchlichen Institutionen bestand vom Kindergarten über die Schule bis zur Alten- und Krankenpflege, den Jugendorganisationen, Kirchenchören und Bibelkreisen. Auch die katholischen Gewerkschaften gehörten dazu.” So habe nach Menzel die Arbeiterschaft im katholischen Ruhrgebiet bis 1933 auch Zentrum und keineswegs nur SPD oder KPD gewählt!

 

Demgegenüber waren die Liberalen nicht in vergleichbar breite Milieus eingebettet, “sondern blieben dem Typus der Honoratiorenparteien mit ihren persönlichen Netzwerken verhaftet, was für die FDP bis heute gilt.”

 

Nur: “In dem Maße, wie der Strukturwandel von der Agrar- über die Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft bis hin zur virtuellen Ökonomie des Internets Platz greift, werden die alten gesellschaftlichen Bruchlinien geschliffen. Der Aufstieg Ost- und Südostasiens zur `Werkbank der Welt´ wurde erkauft mit dem Niedergang der alten Industrieregionen des Westens. Hier kommt ganz augenscheinlich der Faktor Globalisierung ins Spiel.”

... Automatisierung und Digitalisierung ...

Die neue internationale Arbeitsteilung, aber auch die Automatisierung und Digitalisierung, führe laut Menzel dazu, daß es hierzulande immer weniger Arbeiter, immer weniger Gewerkschafts- und Genossenschaftsmitglieder gibt. “Man denke nur an das Schicksal von Konsum, Neue Heimat, Bank für Gemeinwirtschaft und Volksfürsorge. Weitere Kennzeichen der Globalisierung sind Prozesse der Säkularisierung und des kulturellen Wandels, die gerade die Kirchen betreffen mit der Folge von Mitgliederschwund, rückläufiger Kirchensteuer und der Notwendigkeit, kirchliche Leistungen zu reduzieren und Institutionen ganz abzubauen. Auf dem Land betreut ein Pfarrer nicht mehr eine, sondern bis zu fünf oder sechs Gemeinden. Leerstehende Kirchen werden zum Verkauf angeboten.”

 

Umgekehrt haben sich neue Bruchlinien gebildet, u.a. “die zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierung nicht nur im Weltmaßstab, sondern auch innerhalb der ehemaligen Industriegesellschaften. Die Gewinner sitzen in den Metropolen und arbeiten in den expandierenden Branchen des FIRE-Sektors (finance, insurance, real estate). Seit der Finanzkrise und der Null-Zins-Politik zu ihrer Bekämpfung boomt die Immobilienbranche besonders.

 

Die Verlierer der Globalisierung sitzen in den alten Industrieregionen, dort, wo sich die Industriebrache ausbreitet, im Rust Belt der USA, in den englischen Midlands, wo die industrielle Revolution ihren Ausgang nahm, im Nordosten von Frankreich oder im Ruhrgebiet.” In Deutschland gäbe es sogar die doppelten Verlierer, erst der Wiedervereinigung und dann der Globalisierung, ist der deutsche Osten doch erst seit 1990 mit der Globalisierung konfrontiert worden.

 

“Die zweite neue Bruchlinie ist die zwischen Ökonomie und Ökologie – in anderer Hinsicht ein Resultat der Globalisierung. Die vielen Beispiele aufzuzählen, etwa den Energieverbrauch und die Emissionen auf den “Lieferketten” des weltweiten Gütertransports zu Wasser und zu Lande, erübrigt sich.”

 

Ökonomie vs. Ökologie

Die Auswirkungen sind mehr als deutlich: “Auf der einen Seite zerbröselt das gewerkschaftliche Milieu genauso wie das kirchliche mit den genannten Konsequenzen für Mitglied- und Wählerschaft von SPD und Linken bzw. CDU und CSU.”
 

Gleichzeitig haben sich zwei neue Milieus etabliert, die Menzel als das “kosmopolitische” und das “populistische” Milieu bezeichnet:


Im kosmopolitischen Milieu versammeln sich die Gewinner der Globalisierung, die mit den überdurchschnittlichen Einkommen, die Gebildeten, die Weitgereisten, die Fremdsprachenkundigen, die Globalisierung auch in kultureller Hinsicht als Bereicherung empfinden. Hierzu gehört paradoxerweise auch ein Teil der Globalisierungskritiker, der durch den Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie mobilisiert wird. Dieses Milieu wurzelt in der 68er-Bewegung, der Friedensbewegung, den Dritte-Welt-Gruppen, den Anti-AKW- und Umweltgruppen, den Menschenrechts-, Feminismus-, Gender- und neuerdings Flüchtlingsinitiativen. 

 

"Die kosmopolitischen Milieus haben die größte Klappe!" (Cornelia Koppetsch)

Auch wenn dessen Mitglieder überwiegend einen bürgerlichen Hintergrund haben, so verstehen sie sich zwar nicht mehr sozioökonomisch, aber doch kulturell als links. Alles das erklärt den Aufstieg der Grünen, zwar (noch) nicht zur Volkspartei, aber zu einer neuen bürgerlichen Partei mit wachsender, wenn auch nicht widerspruchsfreier Schnittmenge zur FDP und abnehmender Schnittmenge zur SPD.”
 
Auch die Etablierung des populistischen Milieus sei nach Menzel eine Reaktion auf die Globalisierung, “in sozioökonomischer Hinsicht durch den Verdrängungswettbewerb, in kultureller Hinsicht durch die Migration insbesondere dann, wenn der Faktor Islam hinzukommt.


Hier wird Globalisierung nicht als Bereicherung, sondern als Bedrohung empfunden, nicht zuletzt deshalb, weil die eigentliche Integrationsarbeit nicht in den gutbürgerlichen Vierteln der Kosmopoliten, sondern in den sozialen Brennpunkten, dort, wo die Wahlbeteiligung besonders niedrig ist, geleistet werden muß.


Aus dem populistischen Milieu rekrutieren sich in den USA die Trump-Wähler, in England die Brexit-Befürworter, in Frankreich die des Rassemblement National, in Italien die der Fratelli d'Italia und in Deutschland die der AFD.


Untereinander sich überlappende und nicht widerspruchsfreie Komponenten des sehr heterogenen Milieus sind die Reichsbürger, Identitären, Verschwörungstheoretiker, Querdenker, Pegida, Putin-Versteher, alte und neue Nazis, Esoteriker, Impfgegner, Sekten, aber auch alte Waffennarren und neue Kampfsportgruppen, Rocker, Hooligans und radikale Fangruppen des Fußballs.”


Die Tatsache, dass es zwar kaum in den alten, sehr wohl aber in den neuen Bundesländern eine direkte Wählerwanderung von der Linken zur AFD gibt, hat demnach auch strukturelle Gründe, insofern es im `Osten´ besonders viele Globalisierungsverlierer im doppelten Sinne gibt: “Im Chemiedreieck des mitteldeutschen Braunkohlereviers gibt es in dem Maße, in dem die Bruchlinie zwischen Ökologie und Ökonomie zugunsten der Ökologie geschliffen wird, weil Braunkohle durch Flüssiggas aus aller Welt ersetzt wird, sogar noch eine Steigerung auf der Verliererskala. 

 

Aus dieser Perspektive sind selbst die Querfrontinitiativen von Sahra Wagenknecht zur Sammlung linker und rechter Verlierer der Globalisierung aus dem populistischen Milieu eine Reaktion auf Globalisierung und nachvollziehbar, daß sie den klassischen Internationalismus der Linken durch einen »nationalen Sozialismus« ersetzen will. Der Begriff ruft in Deutschland keine guten Erinnerungen hervor.”


Menzel ist der festen Überzeugung, dass, “solange die alten Bruchlinien sich weiter abschleifen, die neuen Bruchlinien sich weiter schärfen und die neuen Milieus weiteren Zulauf bekommen, werden der Niedergang der alten Volksparteien und der Strukturwandel des Parteiensystems sich fortsetzen” und zwar unabhängig von der Frage, welche personellen bzw. inhaltlichen Angebote die Parteien machen, weil die politischen Vorhaben (z.B. Digitalisierung, ökologischer Umbau der Wirtschaft) unweigerlich Konsequenzen haben für die alten wie die neuen Bruchlinien und sie damit auch die alten und neuen Milieus, in denen die Parteien verankert sind oder waren, stärken oder weiter schwächen.

 

 

Zitate aus: Ulrich Menzel: Wendepunkte: Am Übergang zum autoritären Jahrhundert, Berlin 2023

Weitere Literatur:„Die kosmopolitischen Milieus haben die größte Klappe“, Interview mit Cornela Koppetsch am 30. August 2019 in: Cicero. Das Magazin für politische Kultur

 

 

Donnerstag, 9. Juli 2015

Rüdiger Safranski und das Individuum in einer globalisierten Welt - Teil 2

Rüdiger Safranski (* 01.01.1045)
In seinem kleinen Buch „Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch“ versucht Rüdiger Safranski, Freiräume für ein Gleichgewicht und für Handlungsfähigkeit zu beschreiben, die es dem Individuum möglich machen, in einer globalisierten Welt gut zu leben. Er geht dabei von der Prämisse aus, dass sich Globalisierung nur gestalten lässt, wenn darüber nicht die andere große Aufgabe versäumt wird: das Individuum, sich selbst zu gestalten.

Denn dem Individualismus, also dem Gedanken, daß die Verschiedenheit der Menschen „nicht nur ein Faktum darstellt, sondern ein bewahrenswertes Gut, einen Reichtum“, drohen durch die Globalisierung vielfältige Gefahren.

Die globale Informationsgemeinschaft hält uns jeden Tag vor Augen, dass die Menge der Reize und Informationen unseren möglichen Handlungskreis dramatisch überschreitet. „Der durch Medienprothesen künstlich erweiterte Sinnenkreis hat sich vollkommen vom Handlungskreis losgelöst. Man kann handelnd nicht mehr angemessen darauf reagieren, also die Erregung in Handlung umsetzen und abführen.“

Aber: Das Nichtwissen-Können kann das  Handeln des Individuums nicht mehr schützen, denn bekanntlich hängt ja alles mit allem zusammen.“

Natürlich könne der Einzelne allein nach außen hin nicht viel bewirken. Was er aber tun könne, ist, auf sich selbst zu wirken und versuchen, sich gegen fatale Wirkungen von außen abzuschirmen, denn: „Über die Lebbarkeit im Hier und Jetzt entscheidet nicht nur die Struktur des Ganzen, sondern auch der Einzelne, der Spielräume entdecken kann, was nicht zwangsläufig bedeutet, daß er sie auch nutzt; und noch weniger muß das die Konsequenz haben, daß er sie geschickt und selbstbewußt ausweitet. Aber erst das würde bedeuten, daß er sich eine eigene Lichtung schlägt im Dschungel des Sozialen.“

" ... sich eine eigene Lichtung schlagen im Dschungel des Sozialen ..."

Die geistige Tradition bietet Safranski zufolge verschiedene Wege an, sich eine eigene Lichtung zu schlagen im Dschungel des Sozialen - wenn man die Lichtung als jenen Raum versteht, den der Einzelne braucht, um ein Individuum zu sein.

Einen dieser Wege zeigt Rousseau auf, „das Drama, das sich aus der Erfahrung der eigenen Freiheit ergeben kann. Aus der Lust an der eigenen Freiheit wird die Angst vor den vielen Freiheiten der Anderen. Rousseau geriet darüber in Panik.“

Genau aus diesem Grund träumte Rousseau „von der Gesellschaft als großer Kommunion, wo alle ein Herz und eine Seele sind und die vielen Freiheiten aufgehen in der einen großen Freiheit, in der alle zusammenstimmen.“

Das Problem ist, dass die eine große Freiheit in dem Sinne nicht existiert, sondern nur die, die jedes Individuum von innen her kennt: Seine Freiheit!

Alle Versuche, diese Sehnsucht nach der Gesellschaft als großer Kommunion in die Wirklichkeit umzusetzen, haben mit der Aufhebung der Freiheit geendet. „Das Einheitsverlangen, das kein Außerhalb und das heißt: keine Verschiedenheit mehr erträgt, muß, wenn es politisch wird, ins Gefängnis des Totalitären führen.“

Rousseau (1712 - 1778)
Es reicht also nicht, das eigene Selbst und die eigene Freiheit zu entdecken, sondern jedes Individuum steht auch vor der Aufgabe, „die Freiheit der Vielen und die Unberechenbarkeit, die sich daraus ergibt, ertragen können. Wer aber Freiheit zusammen mit der Freiheit der anderen will, wird die Differenzen hinnehmen und auf den gesellschaftlichen Einklang der Herzen verzichten müssen.“

Einen weiteren Versuch, sich eine Lichtung im Dschungel zu schlagen, hatte Karl Marx unternommen. Marx meinte in der Geschichte, im gesellschaftlichen Prozeß das ewige Gesetz Befreiung des Menschen entdeckt zu haben..

Seine Lichtung ist daher nicht in der Innerlichkeit der Selbsterfahrung, sondern sie ist jenes Licht am Ende des geschichtlichen Tunnels erkennbar. „Dort erst, so seine Vision, würde die Menschheit erwachen wie aus schweren Träumen. Bis dahin aber muß man mit längeren Fristen rechnen und sich strategisch geschickt mit der geschichtlichen Dynamik verbinden.“

Aber auch hier – wie schon bei Rousseau – hat sich das Licht am Ende des geschichtlichen Tunnels „als Irrlicht“ erwiesen. „Der real existierende Sozialismus war nicht die große Befreiung, sondern ein graues und grausames Völkergefängnis, terrorisiert oder bevormundet von einer ideologischen Elite.

Weil in dem Begriff „Lichtung“ nicht zuletzt der Gewinn von Freiheit und Souveränität enthalten ist, hat der kommunistische Weg von einer solchen Lichtung weggeführt. 

Worin kann also der Sinn bestehen, eine Lichtung zuschlagen? Safranski gibt eine vorsichtig optimistische Antwort: Es bedeutet, „im Gewimmel der Geschichten die eigene Geschichte zu entdecken, energisch festzuhalten und ihren Faden fortzuspinnen im Bewußtsein, daß sich die eigene Geschichte doch im Gewirr der vielen Geschichten verstricken und am Ende verlieren wird.“

Mit dieser Antwort nimmt Safranski zugleich Abschied von „der Illusion, daß es eine Lichtung als Kommandohöhe gibt, von der aus Geschichte insgesamt gesteuert werden könnte.“

„Eine Lichtung schlagen“ kann dann auch bedeuten, Verhaltens- und Denkweisen zu pflegen, die sich von der globalistischen Hysterie nicht vereinnahmen lassen, darunter die Verlangsamung, den Eigensinn, den Ortssinn, das Abschalten, das Unerreichbar-Sein.

Wilhelm von Humboldt (1767 - 1835)
Was es bedeutet, ein Individuum zu werden, hat Wilhelm von Humboldt kurz vor seinem Tod in einem Brief formuliert: „Wer, wenn er stirbt, sich sagen kann: `Ich habe soviel Welt, als ich konnte, erfaßt und in meine Menschheit verwandelt´, der hat sein Ziel erreicht. Die Welt in die `Menschheit´, die man selbst ist, zu verwandeln, darauf kommt es an.“

Humboldt nach ist eben die grundlegende Voraussetzung für die Entwicklung des Individuums die Fähigkeit, daß jeder eine Idee von der Gestaltung des eigenen Lebenskreises hat. Erst mit Hilfe dieser Idee kann dann die Fülle der Reize und Informationen vorsortiert, ausgeschieden und verarbeitet werden.

„Diese Kraft zur Gestaltung des eigenen Lebens nannte man früher `Bildung´ - und die Griechen nannten sie `Paideia´. Bildung ist Entfaltung des Individuums und damit ein Selbstzweck. Ausbildung demgegenüber ist ein Mittel zur Qualifikation für den Arbeitsprozeß.

Beides – Bildung und Ausbildung – sind notwendig, aber „während die Ausbildung uns in ein externes Netz verknüpft, ist die Bildung die Entfaltung jenes Netzwerkes, das jeder für sich selbst ist.“

Weil die Globalität uns mit immer mehr Wirklichkeit in Berührung bringt, wird es immer schwerer, hier die eigene Souveränität zu bewahren. In diesem Sinne wäre für Safranski derjenige souverän, der „selbst darüber entscheidet, worin er sich verwickeln und was er auf sich beruhen läßt. Diese Souveränität setzt existentielle Urteilskraft voraus. Man muß nämlich ein Gespür für das haben, was einen wirklich angeht; muß Abstufungen der Dringlichkeit unterscheiden und die Reichweite des eigenen Handelns erkennen können.“

Demgegenüber besteht die Globalisierungshysterie gerade darin, daß diese Unterscheidungsfähigkeit zwischen dem existentiell Nahen und Fernen beeinträchtigt oder gar schon zerstört ist. „Das meinte Goethe mit seinem Hinweis, es sei immer ein Unglück, wenn der Mensch veranlaßt werde, nach etwas zu streben, mit dem er sich durch eine regelmäßige Selbsttätigkeit nicht verbinden kann.“

Die Bewahrung des Eigensinns ist
wie ein Leben auf dem Grat ...
(Karl Jaspers)
Solange man unter der Suggestion des Satzes von Adorno „Es gibt kein richtiges Leben im falschen...“ steht, ist es sehr schwer, den Mut zu finden, auf eigene Faust das für einen selbst Richtige, jene Selbsttätigkeit, zu ergreifen. „Wer sich aber seine Lichtung schaffen will im Dschungel des Sozialen und im Überwuchs globaler Kommunikation, wird nicht ohne lebenskluge Begrenzung auskommen können.“

Derjenige, der sein Leben als ein eigenes und individuelles Leben gestalten will, muß den Punkt kennen, wo er aufhört, sich formatieren und informieren zu lassen. „Die Schwierigkeit bei der Bewahrung des Eigensinns vergleicht Karl Jaspers mit dem Leben auf dem Grat, von dem man abstürzen kann, entweder in den bloßen Betrieb oder in ein wirklichkeitsloses Dasein neben dem Betrieb.“

In der individuellen Lebenszeit entscheidet sich für den Einzelnen alles.


Zitate aus: Rüdiger Safranski: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? Frankfurt a.M. 2004 (Fischer tb)

Donnerstag, 25. Juni 2015

Rüdiger Safranski und das Individuum in einer globalisierten Welt - Teil 1

In seinem kleinen Buch „Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch?“ versucht Rüdiger Safranski, Freiräume für ein Gleichgewicht und für Handlungsfähigkeit zu beschreiben, die es dem Individuum möglich machen, in einer globalisierten Welt gut zu leben. Er geht dabei von der Prämisse aus, daß sich Globalisierung nur gestalten lässt, wenn darüber nicht die andere große Aufgabe versäumt wird: das Individuum, sich selbst zu gestalten.

Der Individualismus ist mit Sicherheit einer der wichtigsten Errungenschaften der politischen und philosophischen Kultur Europas. Er basiert auf dem Gedanken, daß die Verschiedenheit der Menschen „nicht nur ein Faktum darstellt, sondern ein bewahrenswertes Gut, einen Reichtum.“ Aus dieser normativen Entscheidung, demzufolge plurales Sein zum Sollen und zum schützenswerten Gut erhoben wird, wurden die anderen normativen Ideen entwickelt, welche die aufgeklärte europäische Moderne ausmachen: Meinungs- und Gewissensfreiheit, Toleranz, Gerechtigkeit und körperliche Unversehrtheit.

So verbindet sich der Individualismus mit der Idee, daß der Staat und das gesellschaftliche Leben so organisiert werden müssen, daß Menschen ihre Individualität voll entfalten können, ohne sich wechselseitig dabei zu behindern, denn: „Der Sinn des Ganzen ist die Ermöglichung von reicher Individualität. Reich ist das Individuum aber nur, wenn es den eigenen Reichtum entdeckt und entfaltet. Der Einzelne - jeder Einzelne - ist das Sinnzentrum des Ganzen.

Das Faktum der Verschiedenheit des Menschen ist ein bewahrenswertes Gut

Ein solcher Individualismus hat die Freiheit als Voraussetzung. „Freiheit ist schöpferisch, und der Individualismus will die Bedingungen dafür bewahren. Er legt die schöpferische Selbstgestaltungsfreiheit nicht normativ auf bestimmte Ergebnisse und Leistungen fest, sondern verteidigt auch - normativ - die Voraussetzungen dieser Freiheit.“ Und genau hier kommt Safranski zufolge eine elementare Voraussetzung für Individualität in den Blick: „Notwendig ist die Kraft zu einer Selbstbegrenzung, die gewissermaßen als Immunschutz gegen überwältigende Reize und entgrenzende Horizonte wirkt.“

Goethe schrieb in „Wilhelm Meisters Wanderjahren“: `Der Mensch ist zu einer beschränkten Lage geboren; einfache, nahe, bestimmte Ziele vermag er einzusehen und er gewöhnt sich, die Mittel zu benutzen, die ihm gleich zur Hand sind; sobald er aber ins Weite kommt, weiß er weder, was er will, noch was er soll, und es ist ganz einerlei, ob er durch die Menge der Gegenstände zerstreut oder ob er durch die Höhe und Würde derselben außer sich gesetzt werde. Es ist immer sein Unglück, wenn er veranlaßt wird, nach etwas zu streben, mit dem er sich durch eine regelmäßige Selbsttätigkeit nicht verbinden kann.“

Demnach gebe es eine Reichweite unserer Sinne und eine Reichweite des vom Einzelnen verantwortbaren Handelns, „einen Sinnenkreis und einen Handlungskreis.“

Das Problem ist, daß unsere Sinne vielleicht etwas zu offen sind und unser diesbezügliches Immunsystem nicht ausreicht. Daher gehöre es zur Arbeit an unserer zweiten Natur, ein kulturelles Filter- und Immunsystem zu entwickeln, das die Begegnung mit der Welt in der Lage ist, auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren. Aber: Mit der globalen Informationsgemeinschaft der Medien aber habe das Individuum diese Aufgabe auf sträfliche Weise vernachlässigt.

Denn die globale Informationsgemeinschaft bedeutet in diesem Zusammenhang, daß die Menge der Reize und Informationen den möglichen Handlungskreis dramatisch überschreitet. „Der durch Medienprothesen künstlich erweiterte Sinnenkreis hat sich vollkommen vom Handlungskreis losgelöst. Man kann handelnd nicht mehr angemessen darauf reagieren, also die Erregung in Handlung umsetzen und abführen.“

Das Dilemma lässt sich Safranski zufolge so beschreiben, daß einerseits die individuellen Handlungsmöglichkeiten schwinden, andererseits die unerbittliche Logik des Medienmarktes mit seinen Informations- und Bilderströmen aber die Zufuhr von Erregungen steigert: „Das muß so sein, weil ja die Anbieter von Erregung um die knappe Ressource  `Aufmerksamkeit´ beim Publikum konkurrieren. Dieses aber, inzwischen an Sensationen gewöhnt und danach süchtig, verlangt nach einer höheren, jedenfalls neuen Dosis von Erregung. Statt Handlungsabfuhr: Erregungszufuhr.“

Informatuions- und Bliderströme ... permanente Erregungszufuhr!

Die Folge ist entweder, daß man sich gegen die permanenten Erregungszustände „durch Abbrühen unschädlich gemacht hat.“ Oder man wird, wie Goethe feststellte, `zerstreut.´ Oder aber die Reizüberflutung begünstigt latente Hysterie und Panikzustände.

Der Kern des Problems hängt mit dem homogenen Raum des Globalen zusammen. „Das Ferne belästigt uns mit trügerischer Nähe und das Zeitgleiche, vor dem wir durch Distanz geschützt waren, dringt in unsere Eigenzeit ein. Wenn früher etwas an entferntem Ort geschah, war es schon längst vorbei, wenn man anderswo davon Kunde erhielt. (…) Dadurch verloren die fernen Ereignisse niemals ihren Charakter der Ferne.

Nur: Richtig erfahren kann das Individuum nur etwas auf dem Wege der Annäherung. „Wer zu schnell irgendwo ist, ist nirgendwo.“ So setzen sich die Ureinwohner Australiens nach längerem Fußmarsch stets für einige Stunden vor ihrem Zielort nieder, damit die Seele Zeit hat nachzukommen.“

Lass uns eben mal die Welt retten! 
Ein weiteres Problem ist, daß jeder schnell in Situationen gerät, „die uns beunruhigend erfahren lassen, daß die Reichweite der Bekanntschaft mit dem Globalen und die Reichweite möglichen Handelns dramatisch auseinanderdriften.“ Die Zeiten, in denen das menschliche Handeln durch das Nichtwissen-Können geschützt war, sind vorbei. „Da bekanntlich alles mit allem zusammenhängt und man undeutlich davon weiß, findet der Einzelne sich unversehens in einem Netzwerk von neuen Imperativen und Appellen gefangen. Was tust du gegen das Ozonloch, gegen den weltweiten Terrorismus, gegen die Kinderarbeit in Ost-Timor, gegen die Unterdrückung der Oguschen?“

So etwas hält auf die Dauer kein Mensch aus ...

(Fortsetzung folgt)

Zitate aus: Rüdiger Safranski: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? Frankfurt a.M. 2004 (Fischer tb)