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Donnerstag, 7. November 2013

Nicolás Maduro und das Ministerium für Glückseligkeit

Nicht erst seit Karl Raimund Popper weiß man, dass die Verbindung von Politik und Romantik fatale Folgen hat für das Leben in einer staatlichen Gemeinschaft. Anstatt auf die Vernunft setzt man eine verzweifelte Hoffnung auf politische Wunder. Diese irrationale Einstellung – Popper nennt sie „Romantizismus“  –, „die sich an Träumen von einer schönen Welt berauscht … mag einen himmlischen Staat in der Vergangenheit oder in der Zukunft suchen, aber sie wendet sich immer an unsere Gefühle, niemals an unsere Vernunft.“

Maduro sucht das Glück
Am 24. Oktober 2013 kündigte der venezolanische Präsident, Nicolas Maduro die Gründung eines „Vizeministeriums zur obersten sozialen Glückseligkeit des venezolanischen Volkes“ (span. Viceministerio para la Suprema Felicidad Social del Pueblo venezolano) angekündigt, das sich mit “direkten Eingriffen” um das Glück der Untertanen kümmern soll.

Im 5. Buch seines Werkes „Der Wohlstand der Nationen“ beschrieb Adam Smith noch wie selbstverständlich die drei klassischen Aufgaben des Staates: Landesverteidigung, Justizwesen und Öffentliche Anlagen bzw. Einrichtungen.

Das „Erreichen der Glückseligkeit“ ist sicherlich für jeden Menschen eine individuelle Herausforderung im Leben. Ob man sich allerdings wirklich wünschen soll, dass die Politiker sich direkt darum kümmern mögen, die Glückseligkeit der Bürger zu erreichen – statt über die Schaffung guter Rahmenbedingungen, innerhalb derer jeder Einzelne auf seine ganz individuelle Weise sein Glück – und nicht das Glück – finden kann –, ist zu bezweifeln.

Für Jakob Burckhardt ist die Hauptaufgabe des Staates der Interessenausgleich. Daher sei es „eine Ausartung und philosophisch-bürokratische Überhebung, wenn der Staat direkt das Sittliche verwirklichen will“ – und dazu gehört ja die Vorstellung vom vollkommenen Glück.

In Venezuela dagegen soll das neue Glücksministerium nun die 30 verschiedenen Sozialprogramme der Regierung koordinieren und verwalten. Dazu gehören Sanitätsstationen, Schulen und Geschäfte mit subventionierten Lebensmitteln in den Armenvierteln. "Missionen" werden diese Niederlassungen genannt, ein System, das der verstorbene Präsident Hugo Chávez hatte diese System nach kubanischem Vorbild eingeführt hatte.

Chávez hatte es während seiner Amtszeit immer hervorragend verstanden, den Grundwiderspruch des Landes zu verschleiern: Einerseits sitzt Venezuela auf Unmengen von Erdöl und verdient damit Milliarden Dollar. Andererseits wuchern die Slums.

Maduro - ein neuer Messias für die Glückseligkeit

Viele Venezolaner sind daher auch eher unglücklich. Die Inflation liegt bei knapp 50 Prozent. Mancherorts sind auch Maismehl und Milchpulver knapp. Klopapier fehlt schon seit Wochen. Immer mal wieder fällt der Strom aus, und die Mordrate ist katastrophal hoch.

Venezuela funktioniert also unter Maduro noch schlechter als zuvor. Um seine eigene Unfähigkeit zu kaschieren, hat Maduro jetzt angekündigt, den Tag der Kommunalwahlen am 8. Dezember zum "Tag der Treue und Liebe zu Chávez" zu küren.

Natürlich ist gegen eine Politik, die versucht, die Lebensumstände der Menschen zu verbessern, überhaupt nichts einzuwenden. Hier aber liegt der Verdacht nahe, die Menschen vorrangig mit politischen Mitteln glücklich zu machen.

Auch Ludwig von Mises betont, dass alles, was über die eigentlichen Aufgaben des Staates – das sind der Schutz des Lebens und der Gesundheit, der Freiheit und des Privateigentums – hinausgeht, von Übel ist: „Eine Regierung, die, statt ihre Aufgabe zu erfüllen, darauf ausgehen wollte, selbst das Leben und die Gesundheit, die Freiheit und das Eigentum anzutasten, wäre natürlich ganz schlecht.“

Überhaupt nichts hält von Mises vom „abstrusen Mystizismus“ einer Staatsvergottung und Staatsanbetung: Weder ist der der Staat „das unmittelbare und sichtbare Bild des absoluten Lebens, eine Stufe der Offenbarung des Absoluten, der Weltseele“ – so Schelling, noch „offenbart sich in dem Staate die absolute Vernunft, realisiert sich in ihm der objektive Geist“ – so Hegel.

Sobald man, so von Mises weiter, den Grundsatz der Nichteinmischung des Staatsapparates in allen Fragen der Lebenshaltung des einzelnen aufgegeben hat, wird man automatisch dazu gelangen, das Leben bis ins Kleinste zu regeln und zu beschränken. „Die persönliche Freiheit des einzelnen wird aufgehoben, er wird zum Sklaven des Gemeinwesens, zum Knecht der Mehrheit. Man braucht sich gar nicht auszumalen, wie solche Befugnisse von böswilligen Machthabern mißbraucht werden könnten. Schon die vom besten Willen erfüllte Handhabung derartiger Befugnisse müsste die Welt in einen Friedhof des Geistes verwandeln.“


Das Glück liegt auf der Straße !? - Slum in Caracas

Seine absolute Grenze findet die staatliche Macht jedoch in der individuellen Suche nach Sinn und Glück. Kaum jemand hat diesen Gedanken besser formuliert als John Stuart Mill: „Man kann jemanden gerechterweise nicht zwingen, bestimmte Dinge zu tun oder zu unterlassen, weil es für ihn selbst so besser sei, weil es ihn glücklicher machen würde, oder weil es nach der Meinung anderer weise oder gerecht wäre, wenn er so handelte. Dies sind gute Gründe, um jemandem Vorstellungen zu machen oder mit ihm zu debattieren, ihn zu überzeugen oder in ihn zu dringen; aber es sind keine Motive, um ihn zu zwingen oder Strafen über ihn zu verhängen, falls er anders handelt. Um das zu rechtfertigen, muss das Handeln, von dem man jemand abbringen will, für einen anderen einen Schaden bedeuten.“

Es ist daher die Pflicht eines jeden autonomen Subjekts, sich „gegen die Bevormundung der herrschenden Meinung und des herrschenden Gefühls“ zu wehren. „Man muss sich schützen gegen die Absicht der Gesellschaft, durch andere Mittel als bürgerliche Strafen ihr eigenes Denken und Tun als Regel auch solchen aufzuerlegen, die davon abweichen. Man muss sich hüten vor der Neigung der Gesellschaft, die Entwicklung zu hemmen und, wenn möglich, die Bildung jeder Individualität zu hindern, die mit den Wegen der Allgemeinheit nicht übereinstimmt, und alle Charaktere zu zwingen, sich nach ihrem eignen Muster zu richten.“

Das Venezuela Maduros jedenfalls nimmt mit der Einrichtung eines Ministeriums für Glückseligkeit geradezu orwellsche Züge an. Auch hier gibt es ein „Ministerium für Überfluss“, dass eben nicht den Überfluss, sondern den Mangel verwaltet. Wer wollte da nicht Parallelen ziehen zum „Toilettenpapierüberfluss“ in Venezuela …

Es bleibt dabei, was Popper schon vor über einem halben Jahrhundert eindringlich formulierte: „Sogar mit der besten Absicht, den Himmel auf der Erde einzurichten, vermag man diese Welt nur in eine Hölle zu verwandeln – eine jener Höllen, die Menschen für ihre Mitmenschen bereiten.“




Das "Ministerium für alberne Gänge" (“Ministry of Silly Walks”) von Monty Python scheint im Vergeich zum Glücksministerium geradezu sinnhaft und in jedem Fall weniger gefährlich ....

Nachtrag vom 10.11.2013: 
Wie Nicolas Maduro die "Glückseligkeit" in Venezuela auf politischem Wege erreichen will, hat er nun mit aller Deutlichkeit demonstriert: Nachdem er angeordnet hatte, die Geschäftsführung und etwa 500 Mitarbeiter der Ladenkette Daka (Haushaltsgeräte) zu verhaften, befahl er dem Militär, die Geschäfte zu besetzen und umgehend mit dem Verkauft sämtlicher Artikel zu beginnen - zu einem gerechten Preis, wie er sagte. 
Billig einkaufen (Foto: EFE)
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Der "Verkauf" allerdings lief dann - dafür braucht man kein Prophet sein - auf eine Art und Weise ab, die eigentlich nur den Namen "Plünderung" verdient: Zerbrochene Fensterscheiben und schlichter Diebstahl - darin besteht das "Glück" in Venezuela ... - außer natürlich für die in Haft einsitzenden Unternehmer und ihre Mitarbeiter!


  
Zitate aus: Zitate aus: Jacob Burckhardt: Weltgeschichtliche Betrachtungen, Wiesbaden 2009 (Marixverlag)  -  J. S. Mill, Über die Freiheit, Köln 2009 (Anaconda)  -  Ludwig von Mises: Liberalismus. Jena 1927 (online unter: http://docs.mises.de/Mises/Mises_Liberalismus.pdf

Donnerstag, 21. März 2013

Ludwig von Mises und die Aufgaben des Staates


Ludwig von Mises (1881 - 1973)
So wie Thomas Hobbes den Staat als „Leviathan“, als Ungeheuer beschreibt, so ist auch für Ludwig von Mises, dem großen Vertreter des Liberalismus, der Staat in erster Linie ein Zwangs- und Unterdrückungsapparat. Dies gelte für jeden Staat, ganz besonders jedoch vom sozialistischen Staat.

„Alles, was der Staat ist und vermag, ist Zwang und Gewaltanwendung.“  Das Ziel, das der Staat verfolgt, ist letztlich das „Verhalten, das dem Bestande der Gesellschaftsordnung gefährlich ist, zu unterdrücken.“ Schon die Römer hatten gemäß ihrer pragmatischen Staatsauffassung diesen Tatbestand symbolisch ausgedrückt, „indem sie Beil und Rutenbündel als Sinnbild des Staates annahmen.“

Wenig hält von Mises vom „abstrusen Mystizismus“ einer Staatsvergottung und Staatsanbetung, der sich in den idealistischen Staatsauffassungen eines Schelling oder Hegel manifestiert. Für den einen ist der Staat demnach „das unmittelbare und sichtbare Bild des absoluten Lebens, eine Stufe der Offenbarung des Absoluten, der Weltseele“, für den anderen „offenbart sich in dem Staate die absolute Vernunft, realisiert sich in ihm der objektive Geist.“

Für von Mises ist der Staat vielmehr „ein abstrakter Begriff, in dessen Namen lebendige Menschen - die Organe des Staates, die Regierung - handeln. Alle Staatstätigkeit ist menschliches Handeln, Übel von Menschen, Menschen zugefügt. Der Zweck - Erhaltung der Gesellschaft - rechtfertigt das Handeln der Staatsorgane.“

Natürlich ist sich von Mises bewusst, dass die zugefügten Übel von denen die darunter leiden, nichtsdestoweniger als Übel empfunden werden. Er ist sich aber auch darüber klar, dass das Übel, das der Mensch dem Mitmenschen zufügt, beide schädigt, „nicht nur den, den es trifft, sondern auch den, der es tut. Nichts verderbt so sehr, wie Arm des Gesetzes sein, Menschen leiden machen.“

Die eine Seite des Staates: Ein Zwangsapparat

In der Tradition von Lord Acton, ist auch für von Mises die Macht böse an sich, „gleichviel wer sie ausübe. Sie verführt zum Mißbrauch. Nicht nur absolute Fürsten und Aristokratien, auch die in der Demokratie herrschenden Massen neigen nur allzu leicht zu Ausschreitungen.“ Daher sind Staatsgewalt und Strafgericht auch für den Liberalismus Einrichtungen, die die Gesellschaft unter keinen Umständen entbehren kann.

So betont von Mises die alleinige Aufgabe des Staatsapparates zum Schutz des Lebens und der Gesundheit, der Freiheit und des Privateigentums (Anm. 1) gegen gewaltsame Angriffe: „Alles, was darüber hinausgeht, ist von Übel. Eine Regierung, die, statt ihre Aufgabe zu erfüllen, darauf ausgehen wollte, selbst das Leben und die Gesundheit, die Freiheit und das Eigentum anzutasten, wäre natürlich ganz schlecht.“

Damit bei aller Schutzfunktion die Freiheit des Einzelnen bewahrt wird, muss der Staat eingerichtet sein, „dass der Einzelne auf seinem Boden und im Rahmen des durch seine Gesetze gegebenen Spielraumes sich frei bewegen kann. Der Staatsbürger darf nicht so beengt sein, dass er, wenn er anders denkt als die Träger des Staatsapparates, nur die Wahl hat, entweder unterzugehen oder den Staatsapparat zu zertrümmern.“

Diese Überzeugung erläutert von Mises an einem bekannten, mittlerweile historischen Beispiel: „In den Vereinigten Staaten von Amerika sind Handel und Erzeugung von alkoholischen Getränken verboten. Die übrigen Staaten gehen nicht so weit, doch bestehen nahezu überall Beschränkungen für den Verkauf von Opium, Kokain und ähnlichen Rauschgiften. Man erachtet es allgemein als eine Aufgabe der Gesetzgebung und Verwaltung, den einzelnen vor sich selbst zu schützen.“

In diesem Fall beobachtet von Mises, dass auch diejenigen, die sich sonst gegen jede staatliche Einmischung wehren, es für durchaus richtig halten, dass die Freiheit des Individuums in dieser Hinsicht beschränkt werde. Dieses Messen mit zweierlei Maß verdeutlicht von Mises durch weitere Beispiele:

„Die wenigsten Menschen wissen in ihrem Liebesleben Maß zu halten, und besonders schwer scheint es Alternden zu fallen, einzusehen, dass sie einmal hier Schluss machen oder zumindest mäßig werden sollten. Soll nicht auch hier der Staat eingreifen? Noch schädlicher als alle diese Genüsse aber, werden viele sagen, ist die Lektüre von schlechten Schriften. Soll man einer auf die niedrigsten Instinkte des Menschen spekulierenden Presse gestatten, die Seele zu verderben? Soll man die Schaustellung unzüchtiger Bilder, die Aufführung schmutziger Theaterstücke, kurz alle die Verlockungen zur Unsittlichkeit nicht hindern? Und ist nicht die Verbreitung falscher Lehren über das gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen und Völker ebenso schädlich?“

Für von Mises zeigen diese Beispiele, dass man, sobald der Grundsatz der Nichteinmischung des Staatsapparates in allen Fragen der Lebenshaltung des einzelnen aufgeben wird, man dazu gelangt, das Leben bis ins Kleinste zu regeln und zu beschränken. „Die persönliche Freiheit des einzelnen wird aufgehoben, er wird zum Sklaven des Gemeinwesens, zum Knecht der Mehrheit. Man braucht sich gar nicht auszumalen, wie solche Befugnisse von böswilligen Machthabern mißbraucht werden könnten. Schon die vom besten Willen erfüllte Handhabung derartiger Befugnisse müsste die Welt in einen Friedhof des Geistes verwandeln.“

Die Folgen der Neigung, obrigkeitliche Verbote zu fordern ...

Für von Mises ist die Neigung, obrigkeitliche Verbote zu fordern, sobald den Menschen etwas nicht gefällt, und die Bereitwilligkeit, sich solchen Verboten zu unterwerfen, ein Zeichen für ihre Unmündigkeit, denn sie „zeigt, daß der Knechtsinn ihnen noch tief in den Knochen steckt. Es wird langer Jahre der Selbsterziehung bedürfen, bis aus dem Untertan der Bürger geworden sein wird.“

Denn: „Ein freier Mensch muss es ertragen können, dass seine Mitmenschen anders handeln und anders leben, als er es für richtig hält, und muss es sich abgewöhnen, sobald ihm etwas nicht gefällt, nach der Polizei zu rufen.“

Der Liberale, so von Mises, führt den Kampf gegen das Dumme, das Unsinnige, das Irrige, das Böse mit den Waffen des Geistes und nicht mit roher Gewalt und Unterdrückung.
 
Anm. 1: Der Dreiklang „Leben“, „Freiheit“ und „Privateigentum“ als Zusammenfassung der Aufgaben des Staates findet sich auch in der berühmten Formulierung von John Locke, nach der sich der Einzelne mit anderen  nur aus einem Grund zu einem Staat vereinigt, und zwar „zum gegenseitigen Schutz ihres Lebens („life“), ihrer Freiheiten (freedom“) und ihres Besitzes und  Vermögens („estate“), was ich unter der allgemeinen Bezeichnung Eigentum zusammenfasse („I call it by the general name, Property.“ (Locke, Zweite Abhandlung, §123)


Zitate aus: Ludwig von Mises: Liberalismus. Jena 1927 (online unter: http://docs.mises.de/Mises/Mises_Liberalismus.pdf)   -  Weitere Literatur: John Locke: Zweite Abhandlung über die Regierung, Frankfurt am Main 2007 (Suhrkamp Studienbibliothek) - Alexander Dörrbecker: Lord Acton: Die bleibende Aktualität seines Werks.


Donnerstag, 28. Februar 2013

Ludwig von Mises und die Frage der Staatsbetriebe

Ludwig von Mises: Liberalismus
„Wer über Produktionsmittel verfügt, die sein Eigentum sind, oder die ihm von den Eigentümern gegen Entgelt geliehen wurden, muss stets darauf bedacht sein, die Produktionsmittel so zu verwenden, daß der unter den gegebenen Verhältnissen dringendste gesellschaftliche Bedarf durch sie befriedigt wird.

Tut er dies nicht, dann arbeitet er mit Verlust und wird in seiner Eigentümer- und Unternehmerstellung zunächst beschränkt und schließlich aus ihr ganz verdrängt. Er hört auf, Eigentümer und Unternehmer zu sein.“

Mit diesen wenigen Worten beschreibt Ludwig von Mises das gesamte Wesen der freien Marktwirtschaft. Man tut gut daran, sich dieser Worte zu erinnern, nicht zuletzt, weil eine der Ursachen der gegenwärtigen Finanzierungsprobleme vieler Staaten in ihren maßlos aufgeblähten Strukturen zu finden ist. Ein nicht unwesentlicher Teil dieser Strukturen besteht in öffentlichen Unternehmen, Betrieben und Verwaltungen.

Für von Mises ist das charakteristische Merkmal dieser staatlichen Struktur, daß ihr „die Richtschnur der Rentabilitätsrechnung zur Beurteilung des Geschäftserfolges in seinem Verhältnis zum Aufwand fehlt und daß sie daher genötigt ist, zur - wenn auch höchst unvollkommenen Wettmachung dieses Mangels - die Abwicklung der Geschäfte und die Einstellung des Personals an formale Vorschriften zu binden.“

Rentabilitätsrechnung - Der Schlüssel für nachhaltiges Wirtschaften ...

Folgen dieses Grundmangels sind demnach alle Übel, die man mit dem Staatsbetrieb verbindet: Seine Starrheit, seine Erfindungsarmut und seine Hilflosigkeit gegenüber Problemen, die im kaufmännischen Leben leicht gelöst werden.“

Würde die Tätigkeit des Staatsapparates auf jenes enge Gebiet beschränkt bleiben – zum Beispiel weist Adam Smith im 5. Buch seines Werkes „Der Wohlstand der Nationen“ dem Staat die folgenden drei Aufgaben zu: Landesverteidigung, Justizwesen und Öffentliche Anlagen bzw. Einrichtungen – würden sich die Nachteile des öffentlichen Unternehmertums nicht allzu sehr bemerkbar machen.

„Zum großen Problem der gesamten Wirtschaft werden sie erst in dem Augenblick, in dem der Staat - und dasselbe gilt natürlich auch von Gemeinden und Kommunalverbänden - dazu übergeht, Produktionsmittel zu vergesellschaften und sich selbst aktiv in der Produktion oder gar im Handel zu betätigen.“

Von Mises gibt zu, daß, auch mancher öffentliche Betrieb auch unter dem Gesichtspunkt höchster Rentabilität geführt werden könnte, solange ein freier Marktverkehr besteht und Marktpreise gebildet werden.

Dennoch bleibt das Problem, „daß seine Leiter - Organe des Staates - am Erfolg oder Mißerfolg der Geschäfte nicht in der Weise interessiert sind, in der dies bei privaten Unternehmungen der Fall ist. Man kann daher dem Leiter nicht die freie Entscheidung über einschneidende Maßregeln überlassen; da er den Verlust, der sich unter Umständen als Folge seiner Geschäftspolitik ergeben könnte, nicht trägt, könnte seine Geschäftsführung allzu leicht geneigt sein, Wagnisse einzugehen, die ein wahrhaft verantwortlicher - weil am Verlust beteiligter - Leiter nicht auf sich nehmen würde.“

Aus diesem Grund muss die Entscheidungsgewalt des Leiters eines Staatsbetriebes in gewissem Maße beschränkt werden. „Gleichviel nun, ob man ihn an starre Normen oder an die Beschlüsse eines Kontrollkollegiums oder an die Zustimmung einer vorgesetzten Behörde bindet, die Gebarung des Betriebes erhält in jedem Fall jene Schwerfälligkeit und jenen Mangel an Anpassungsfähigkeit, die den öffentlichen Betrieb überall von Mißerfolg zu Mißerfolg geführt haben.“

So wird es in der Praxis selten vorkommen, daß ein öffentlicher Betrieb auf der Grundlage von Rentabilität arbeitet. Im Gegenteil - in der Regel wird vom öffentlichen Betrieb verlangt, daß er auf bestimmte (partei-)politische und „pseudovolkswirtschaftliche“ Gesichtspunkte Rücksicht nehme.

Estado S.A.- Eine aufschlussreiche Serie über öffentliche Unternehmen in Spanien

So würde man beispielsweise fordern, „daß er bei der Beschaffung und beim Verkaufe die inländische Erzeugung gegenüber der ausländischen bevorzuge; von Eisenbahnen wird verlangt, daß sie in der Tariferstellung im Dienste bestimmter handelspolitischer Interessen tätig seien, daß sie Linien bauen und betreiben, die nicht rentabel gestaltet werden können, um die Wirtschaft eines bestimmten Gebietes zur Entwicklung zu bringen, daß sie wieder andere Linien aus strategischen und sonstigen Gründen betreiben.“

In dem Moment, in dem solche Kriterien die Geschäftsführung bestimmen, sei jede Kontrolle durch die Rentabilitätsrechnung ausgeschlossen. „Wenn der Staatsbahndirektor, der einen ungünstigen Jahresabschluss vorlegt, in der Lage ist zu sagen: die mir anvertrauten Bahnstrecken haben freilich, unter dem Gesichtspunkte der privatwirtschaftlichen Rentabilität betrachtet, ungünstig gearbeitet, aber man darf nicht vergessen, daß sie volkswirtschaftlich, nationalpolitisch, militärpolitisch und unter manchen anderen Gesichtspunkten noch vieles geleistet haben, was in die Rentabilitätsrechnung nicht eingeht, so ist es klar, daß unter solchen Umständen die Rentabilitätsrechnung jeglichen Wert für die Beurteilung des Geschäftserfolges verloren hat, so daß der Betrieb - auch abgesehen von anderen in derselben Richtung wirkenden Umständen - notwendigerweise genau so bureaukratisch geführt werden muß wie etwa die Verwaltung eines Gefängnisses oder eines Steueramtes.“

Im Gegensatz dazu kann ein nach privatwirtschaftlichen Gesichtspunkten geführtes Privatunternehmen - auch wenn es noch so groß ist - durch das strenge Festhalten am Rentabilitätsprinzip niemals „bureaukratisch“ werden, denn solange die Unternehmen nur auf den Gewinn sehen, blieben sie von allen Schäden der Bureaukratisierung bewahrt.

„Dagegen besteht für die im interventionistischen Staatswesen agierenden Unternehmen die Notwendigkeit, „sich zur Vermeidung schwerer Nachteile den Wünschen der Staatsgewalt zu fügen.“ Dies hat bewirkt, „daß solche und andere den Rentabilitätszielen der Unternehmungen fremde Gesichtspunkte die Geschäftsführung immer mehr beeinflussen. Damit schwindet die Bedeutung der exakten Kalkulation und Buchführung, und die Unternehmungen beginnen immer mehr die unsachliche, an Formalprinzipien orientierte Gebarungsweise öffentlicher Betriebe anzunehmen.

Die Einflussnahme des Staates auf die Geschäftsführung großer Unternehmen „ist mithin keineswegs das Ergebnis einer in der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft gelegenen Notwendigkeit. Sie ist nichts als eine Folgeerscheinung der interventionistischen Politik. Würden Staat und andere gesellschaftliche Gewalten die Unternehmungen nicht behindern, dann könnten auch die größten Betriebe genau so kaufmännisch arbeiten wie die kleinen.“
 
Zitate aus: Ludwig von Mises: Liberalismus. Jena 1927 (online unter: http://docs.mises.de/Mises/Mises_Liberalismus.pdf

Donnerstag, 14. Februar 2013

Ludwig von Mises und der Liberalismus

Ludwig von Mises (1881 - 1973)
Ludwig Heinrich Edler von Mises (1881 – 1973) gehört zu den wichtigsten Theoretikern des Liberalismus im 20. Jahrhundert. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaft wurde Mises Leiter der Finanzabteilung der Handels- und Gewerbekammer in Wien. 1918 wurde er außerordentlicher Professor an der Universität Wien. Zusammen mit seinem Mitarbeiter Friedrich August von Hayek war von Mises einer der wichtigen Wirtschaftsberater der österreichischen Regierung.

1940 emigrierte von Mises in die USA und wurde sechs Jahre später us-amerikanischer Staatsbürger. Bis 1969 unterrichtete er an der New York University. Er war zudem Mitglied der Mont Pelerin Society, dem Think Tank des Liberalismus.

In den 20er Jahren, in einer Zeit, in viele in Europa den Glauben an Freiheit und Demokratie verloren hatten, gehörte von Mises zu den wenigen Intellektuellen, die das Ideal des Liberalismus entschieden verteidigten. Sein Buch "Liberalismus" aus dem Jahre 1927 ist ein klares Plädoyer für eine freiheitliche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, das von seiner Aktualität nichts eingebüßt hat.

Von Mises geht davon aus, dass der Liberalismus keine abgeschlossene Lehre, kein starres Dogma ist, vielmehr sei er genau das Gegenteil von all dem – und zwar „die Anwendung der Lehren der Wissenschaft auf das gesellschaftliche Leben der Menschen.“

Für von Mises ist der Liberalismus vor allem eine Lehre, die auf „die Förderung der äußeren, der materiellen Wohlfahrt der Menschen“ abzielt. Ganz bewusst kümmere sich der Liberalismus nicht um die inneren, seelischen und metaphysischen Bedürfnisse der Menschen. „Er verspricht den Menschen auch nicht Glück und Zufriedenheit, sondern nichts anderes als möglichst reichliche Befriedigung aller jener Wünsche, die durch Bereitstellung von Dingen der Außenwelt befriedigt werden können.“

Zwar sei dem Liberalismus genau diese scheinbar materialistische Einstellung vielfach zum Vorwurf gemacht worden, von Mises kehrt das Argument um: Es seien gerade diese Kritiker, die vom „Höheren und Edleren“ eine sehr unvollkommene und sehr materialistische Vorstellung haben:

„Mit den Mitteln, die der menschlichen Politik zur Verfügung stehen, kann man wohl die Menschen reich oder arm machen, aber man kann nie dazu gelangen, sie glücklich zu machen und ihr innerstes und tiefstes Sehnen zu befriedigen. Da versagen alle äußeren Hilfsmittel.

Alles, was die Politik machen kann, besteht darin, die äußeren Ursachen von Schmerz und Leid beheben; sie kann ein System fördern, das die Hungernden sättigt, die Nackten kleidet und die Obdachlosen behaust.

Aber Glück und Zufriedenheit hängen nicht an Nahrung, Kleidung und Wohnung, sondern vor allem an dem, was der Mensch in seinem Innern hegt. Nicht aus Geringschätzung der seelischen Güter richtet der Liberalismus sein Augenmerk ausschließlich auf das Materielle, sondern weil er der Überzeugung ist, daß das Höchste und Tiefste im Menschen durch äußere Regelung nicht berührt werden können. Er sucht nur äußeren Wohlstand zu schaffen, weil er weiß, daß der innere, der seelische Reichtum dem Menschen nicht von außen kommen kann, sondern nur aus der eigenen Brust. Er will nichts anderes schaffen als die äußeren Vorbedingungen für die Entfaltung des inneren Lebens.“

Es kommt darauf an, Vernunft in die Politik zu bringen ...
Ein weiterer Vorwurf, mit dem sich der Liberalismus konfrontiert sieht, besagt, daß er rationalistisch sei. Er wolle alles vernünftig regeln und verkenne dabei, daß im menschlichen Dasein die Gefühle und überhaupt das Irrationale - das Unvernünftige - einen großen Spielraum einnehmen und wohl auch einnehmen müssen.

Von Mises setzt dagegen, daß der Liberalismus natürlich nicht verkenne, daß die Menschen auch unvernünftig handeln. „Der Liberalismus sagt nicht: die Menschen handeln immer klug, sondern: sie sollten - in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse - stets klug handeln.“ Nur in der Politik solle es, meinen die Kritiker, anders sein. Hier solle nicht die Vernunft entscheiden, sondern Gefühle und Impulse.

Von Mises erläutert seinen Standpunkt mit einem sehr einfachen Beispiel: „Wenn jemand seinem Arzte, der ihm vernünftige Lebensweise empfiehlt, zur Antwort gibt: `Ich weiß, daß Ihre Ratschläge vernünftig sind; meine Gefühle verbieten es mir aber, sie zu befolgen; ich will eben - mag es auch unvernünftig sein - gerade das tun, was meiner Gesundheit schädlich ist´, dann wird es wohl kaum jemand geben, der dem Lob spenden wird. Was immer mir auch im Leben anfangen, um ein Ziel, das wir uns gesetzt haben, zu erreichen, wir werden trachten, es vernünftig zu tun.“

So besteht das Wesen des Liberalismus gerade darin, daß er die Vernunft in der Politik zu der Geltung bringen will, die man ihr unbestritten auf allen anderen Gebieten menschlichen Handelns einräumt.“

Schließlich sei die Einrichtung der menschlichen Gesellschaft nach einem möglichst zweckmäßigen Schema ist „eine ganz prosaische und nüchterne Sache.“

Die Staats- und Regierungsangelegenheiten seien zwar wichtiger als alle anderen Fragen der menschlichen Betätigung, „weil die gesellschaftliche Ordnung die Grundlage für alles Übrige abgibt und gedeihliches Wirken eines jeden einzelnen nur in einer zweckmäßig gebildeten Gemeinschaft möglich ist“, aber letztlich seien auch sie nur „Menschenwerk und sind daher nach den Regeln der menschlichen Vernunft zu beurteilen.

Wie in allen übrigen Dingen unseres Handelns, so sei auch in Dingen der Politik Mystik nur von Übel. „Unser Fassungsvermögen ist sehr beschränkt; wir dürfen nicht hoffen, jemals die letzten und tiefsten Weltgeheimnisse zu entschleiern.“

Der Neurotiker aber, und dazu zählt von Mises beispielsweise alle Verteidiger der sozialistischen Utopie, „flüchte sich in eine Wahnidee. Die Wahnidee ist, nach Freud, `selbst etwas Erwünschtes, eine Art Tröstung´; sie ist gekennzeichnet durch `ihre Resistenz gegen logische und reale Angriffe´.“

So sei es kein Zufall, dass „die sozialistischen Schriftsteller nicht nur Reichtum für alle versprechen, sondern auch Liebesglück, volle Entwicklung der seelischen und körperlichen Persönlichkeit, Entfaltung großer künstlerischer und wissenschaftlicher Fähigkeiten usf. für alle. Trotzki hat erst vor kurzem in einer Schrift die Behauptung aufgestellt, in der sozialistischen Gesellschaft werde `der menschliche Durchschnitt´ sich `bis zum Niveau eines Aristoteles, Goethe, Marx erheben´. Das sozialistische Paradies wird das Reich der Vollendung sein, bevölkert von lauter restlos glücklichen Übermenschen.“
 
Diese Haltung ist für von Mises blanker Unsinn. Doch auch, wenn wir „über Sinn und Zweck unseres Daseins nie ins Klare kommen können“, dürfe uns dies nicht daran hindern, „die Gesellschaft so zu gestalten, daß die irdischen Ziele, die wir anstreben, am zweckmäßigsten erreicht werden können. Auch Staat und Rechtsordnung, Regierung und Verwaltung sind nicht zu hoch, zu gut, zu vornehm, als daß wir sie nicht in den Kreis unseres vernünftigen Denkens ziehen sollten.“

Die Probleme der Politik sind für von Mises „Probleme der gesellschaftlichen Technik, und ihre Lösung muß auf demselben Wege und mit denselben Mitteln versucht werden, die uns bei der Lösung anderer technischer Aufgaben zur Verfügung stehen: durch vernünftige Überlegung und durch Erforschung der gegebenen Bedingungen.“

„Alles, was der Mensch ist und was ihn über das Tier hinaushebt, dankt er der Vernunft. Warum sollte er gerade in der Politik auf den Gebrauch der Vernunft verzichten und sich dunkeln und unklaren Gefühlen und Impulsen anvertrauen?“

Für von Mises ist die Frage zwischen Liberalismus und Antiliberalismus auch eine psychologische. So habe der Mensch immer die Möglichkeit, auf zweifache Art auf sein Schicksal zu reagieren: „Den einen Weg weist die Lebensweisheit Goethes. `Wähntest du etwa, ich sollte das Leben hassen, in Wüsten fliehen, weil nicht alle Blütenträume reiften?´ ruft sein Prometheus. Und Faust erkennt im `höchsten Augenblick´, daß `der Weisheit letzter Schluß´ sei: `Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß´.

Solchem Willen und Geist kann kein irdisches Mißgeschick etwas anhaben; wer das Leben nimmt, wie es ist, und sich nie von ihm niederwerfen läßt, bedarf nicht des Trostes durch eine Lebenslüge, zu der sein gebrochenes Selbstbewußtsein flüchtet. Wenn der ersehnte Erfolg sich nicht einstellt, wenn Schicksalsschläge das mühsam in langer Arbeit Erreichte im Handumdrehen vernichten, dann vervielfacht er seine Anstrengungen. Er kann dem Unheil ins Auge schauen, ohne zu zagen.“ 

Es mag sein, dass genau in diesem Gedanken bis heute die ungeheure Kraft liberaler Ideen verborgen liegt.

Zitate aus: Ludwig von Mises: Liberalismus. Jena 1927 - Sehr hörenswert auch "Das Philosophische Radio" (WDR 5) vom 02. März 2012 mit Norbert Bolz über die ungeliebte Freiheit.