Den Freunden des FuSfD gewidmet
Der Rausch, so halten Franz Meußdoerffer und Martin Zarnkow in ihrem kultur-geschichtlichen Werk „Das Bier“ fest, ist „in den meisten Kulturen ein gemeinschaftsstiftendes Erlebnis“. Dieser Satz, unscheinbar in der dichten Materialfülle des Buches platziert, eröffnet einen gedanklichen Horizont, der weit über die bloße Geschichte eines Getränks hinausführt. Bier erscheint hier nicht nur als Produkt technologischer Innovation, agrarischer Praxis oder staatlicher Regulierung, sondern als Medium sozialer Formung, als Voraus-setzung für die Entstehung von Orten anlassloser Vergemeinschaftung.
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| Eine Geschichte von Hopfen und Malz ... |
Gerade diese Perspektive macht das Buch für eine bildungs- und kultur-philosophische Lektüre besonders fruchtbar. Denn wo immer Bier gebraut, ausgeschenkt und gemeinsam getrunken wird, entstehen Räume, die nicht primär durch Zweckrationalität definiert sind. Es sind Orte, an denen Menschen nicht zusammenkommen, um etwas Bestimmtes zu tun, sondern um miteinander zu sein. In einer Zeit, in der nahezu jede soziale Begegnung funktionalisiert erscheint, verweist das Bier auf eine ältere Logik des Zusammenseins.
Historisch ist diese Logik tief verankert. Bereits die Klöster des Mittelalters betrieben die Bierproduktion in rational geplanten, professionell organisierten Strukturen, um „die Versorgung einer so großen Gemeinschaft von Mönchen und Laien mit gutem Bier“ sicherzustellen. Bier war Bestandteil der klösterlichen Alltagsordnung, nicht als bloßer Nährstoff, sondern als integrierter Bestandteil gemeinschaftlichen Lebens. Die gemeinsame Mahlzeit, zu der Bier gereicht wurde, war immer auch ein Akt sozialer Vergewisserung.
Noch deutlicher tritt diese Funktion in den weltlichen Trinkgemeinschaften hervor. Die germanisch-keltische Tradition der Gildemähler, die sich bis ins frühe Mittelalter fortsetzte, verband rituelles Essen und Trinken mit dem feierlichen Eid gegenseitiger Hilfe. In diesen Zusammenkünften wurde Gemeinschaft nicht abstrakt beschworen, sondern performativ hervorgebracht. Der Brauch des „Minnetrinkens“ und später des „Zutrinkens“ folgte klaren sozialen Codes. Wenn ein Teilnehmer seinen Becher erhob, geboten „Konvention und Ehre“, dass der andere ihm „Bescheid“ gab, indem auch er sein Gefäß leerte – „ohne Schnaufen und Bartwischen“. Gemeinschaft wurde hier körperlich, sichtbar und über-prüfbar.
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| Bescheid geben ... |
Solche Praktiken stifteten mehr als bloße Geselligkeit. Sie erzeugten Verlässlich-keit, Zugehörigkeit und Rangordnung. Durch das gemeinsame Trinken „wurde nicht zuletzt die Zugehörigkeit zu einer Gruppe ebenso definiert wie die gesellschaftliche Rangfolge der Teilnehmer eines Gelages“. Bier fungierte damit als soziales Zeichenmedium: Wer mittrank, gehörte dazu; wer nicht trinken wollte, blieb außerhalb des sozialen Kreises.
Besonders aufschlussreich ist, dass diese Formen von Gemeinschaft häufig in Spannungsverhältnissen zur Obrigkeit standen. Prediger und Theologen geißelten die Trunkenheit nicht nur als individuelles Laster, sondern als kollektive Verfehlung. „Nach Meinung der Theologen versündigte sich nicht nur der Trinker selbst, sondern auch die Gemeinschaft, die ihn gewähren ließ.“ Heutzutage sind es weniger die geistlichen Mächte, denen das gemein-schaftliche Erlebnis suspekt erscheint, sondern die selbsternannten Tugend-wächter, die, in ihrem Inneren zutiefst missgünstig und neidisch, dem kollektiven Genuss über Verbote einen Riegel vorschieben wollen. Diese Vorwürfe zeigen, wie stark das gemeinsame Trinken nicht nur als soziale Praxis wahrgenommen wird. Es ist nicht nur privat, sondern auch öffentlich wirksam – und damit politisch (!) relevant.
Mit der Ausbildung von Bruderschaften, Zünften und Gilden institutionalisierten sich solche Trinkgemeinschaften. Sie waren Orte des Informationsaustauschs, der gegenseitigen Unterstützung und der symbolischen Selbstvergewisserung. Dass etwa Brauknechte eigene Bruderschaften gründeten, um sich „gegen Wirtsleute“ zu schützen, verweist auf die doppelte Funktion des Bieres: Es schuf Gemeinschaft nach innen und markierte zugleich soziale Frontlinien nach außen.
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| Trunkenheit als Laster? - Die Mönche dachten anders ... |
Vor diesem Hintergrund lässt sich das Wirtshaus als archetypischer Ort anlassloser Vergemeinschaftung verstehen. Hier begegnen sich Menschen nicht, weil sie sich verabredet hätten, sondern weil der Ort selbst zur Begegnung einlädt. Das Bier ist dabei mehr als Anlass, es ist Medium. Es erlaubt eine Form der Ko-Präsenz, die weder vollständig intim noch strikt funktional ist. Man sitzt zusammen, trinkt zusammen, schweigt zusammen.
Philosophisch betrachtet berührt diese Praxis eine Grundfrage des Sozialen: Wie entsteht Gemeinschaft jenseits von Vertrag, Zweck und Nutzen? Meußdoerffers und Zarnkows historische Befunde legen nahe, dass das gemeinsame Trinken eine elementare Antwort auf diese Frage darstellt. Es erzeugt eine geteilte Zeit, einen geteilten Rhythmus, eine geteilte Aufmerksamkeit. Der Rausch – in Maßen – lockert die Grenzen des Ich und öffnet es für das Wir.
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| Das Wirtshaus als archetypischer Ort anlassloser Vergemeinschaftung (Gemälde von Pieter Breughel d.J.) |
Damit gewinnt das Bier nicht zuletzt eine bildungstheoretische Dimension. Es trägt zur Ausbildung jener sozialen Fähigkeiten bei, die sich nicht in Curricula abbilden lassen: Gesprächsfähigkeit, Toleranz, situative Klugheit, Humor. Orte anlassloser Vergemeinschaftung sind immer auch Orte informeller Bildung.
Meußdoerffers und Zarnkows Buch erinnert uns daran, dass Kulturgeschichte nicht nur aus großen Ideen und Institutionen besteht, sondern aus alltäglichen Praktiken. Das Bier, scheinbar banal, erweist sich als stiller Architekt des Sozialen. In einer Gesellschaft, die Begegnung zunehmend digitalisiert und rationalisiert, könnte die Rückbesinnung auf solche leiblich geteilten Erfahrungen mehr sein als Nostalgie: Sie könnte ein Impuls zur Wiederent-deckung des Gemeinsamen sein.
Zitate aus: Franz Meußdoerffer/Martin Zarnkow: Das Bier. Eine Geschichte von Hopfen und Malz, München 2014




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