Donnerstag, 20. August 2015

Thomas Schölderle und die Utopie


„Die Geschichte der Utopie ist eine Geschichte der Defizite und Missstände ihrer Herkunftsgesellschaften.“ Mit diesem Satz leitet Thomas Schölderle seine „Geschichte der Utopien“ ein. Sein Anliegen ist, die  wichtigsten, innovativsten und originellsten Entwürfe zu porträtieren und die gesamte Denktradition der Utopien einer Systematisierung und Abgrenzung zu unterziehen.

Aufschlussreich ist bereits der Blick auf den etymologischen Ursprung des Begriffs. Mit seiner Erzählung von der entlegenen Insel „Utopia“ (1516) erschuf der englische Lordkanzler Thomas Morus nicht nur ein neues Wort, sondern bereicherte auch zahllose Sprachen dieser Welt um die Vokabel. Morus’ Wortschöpfung ist geformt aus zwei griechischen Vokabeln: „ou“ heißt „nicht“, „tópos“ ist der „Ort“. Utopia bedeutet also wörtlich so viel wie Nichtort, Nirgendland oder Nirgendwo.

Aber im unmittelbaren Entstehungskontext der Utopia tritt noch eine weitere Anspielung zutage: „Der Humanist Budaeus nutzt in einem Begleitbrief zur Utopia das Wort „Udepotia“ (griech. „oudepote“ = „niemals“) und verweist damit auf die Bedeutung von „Niemalsland“ – eine Assoziation, die bemerkenswerterweise mit einer späteren und äußerst einschneidenden Veränderung innerhalb der Utopiegeschichte korrespondiert, denn gegen Ende des 18. Jahrhunderts ersetzt Louis-Sébastien Mercier mit seiner Schrift „Das Jahr 2440“ erstmals die Dimension des Raumes durch die Dimension der Zeit. Fortan wird die utopische Fiktion aus Sicht des Verfassers fast ausnahmslos in die Zukunft projiziert.“

Thomas Morus
(
1478 - 1535)
Seit dem 19. Jahrhundert wandert „Utopia“ dann langsam in die Alltagssprache ein. Allerdings ist Adjektiv „utopisch“ seither meist negativ besetzt. „Ein Plan, der utopisch ist, lässt sich nicht realisieren; eine utopische Erwartung wird sich niemals erfüllen. Das Adjektiv meint also so viel wie „unrealistisch“, „träumerisch“ oder „übersteigert“ und bezeichnet insofern ein Denken oder Handeln, das zwangsläufig scheitern muss, weil ein realitätsblinder Urheber die Voraussetzungen für eine Verwirklichung verkennt.“

Darüber hinaus deutet die Verwendung des Terminus an, dass Utopien in unzulässiger Weise wegführen vom Möglichen und Nötigen. Diesem abwertend gemeinten Sinn zufolge besitzt der Begriff zumindest tendenziell die Bedeutung von „Hirngespinst“, „Luftschloss“ oder „Wolkenkuckucksheim“.

Mit dem negativen Sinn im Alltagsverständnis korrespondiert seine Verwendung auf dem Feld politisch-ideologischer Auseinandersetzungen. „Das Wort wurde und wird häufig als politischer Kampfbegriff genutzt, um gegnerische Positionen als illusionär und wirklichkeitsfremd zu titulieren.“ So machten sich vorwiegend die Frühsozialisten gegenseitig die Utopie zum Vorwurf, die Marxisten wiederum klebten den Frühsozialisten abschätzig das Etikett „utopisch“ an die Brust und werteten deren Entwürfe als unwissenschaftliche „Phantasterei“. Die Konservativen schließlich attackierten den gefährlichen „Utopismus“ der Marxisten. „Die Utopie wurde zum Kampfterminus in der Arena politischer Auseinandersetzungen und bis heute dient die Vokabel nicht selten der Warnung vor irrealen Zielvorstellungen und Theorien.“

"Utopia" - Thomas Morus
(Titel der Ausgabe von 1516)
Betrachtet man nun die klassischen, vor allem frühneuzeitlichen Utopien, so ist auffallend, dass sie zunächst fast allesamt ein fiktives Gemeinwesen beschreiben, das auf eine Insel projiziert ist: „Abgesondert von der Außenwelt, haben die utopischen Gesellschaften nur wenig Kontakt zu anderen Völkern. Nach innen dominiert häufig eine geschlossene Gesellschafts- oder Staatsordnung, während nach außen die Schutz- und Abwehrbereitschaft vor weniger harmonischen Gesellschaften im Vordergrund steht.“

Ein weiteres Merkmal der Utopien, ist die Tatsache, dass beschriebenen Gesellschaften auch so gut wie keinen sozialen Wandel kennen. Sie sind statisch, ruhig und konfliktfrei – manchmal wird man den Eindruck nicht los, dass es sich um eine Friedhofsruhe handelt. Weil keine Kräfte und Einflüsse von außen wirken, fehlt auch jede gesellschaftliche Dynamik.

Damit ist man Thomas Schölderle zufolge aber sogleich bei der Frage nach ihrem Geltungsanspruch angelangt. Für ihn sind Utopien sind in ihrer klassischen Ausprägung fast allesamt rationale Gedankenexperimente, die in erster Linie der zeitgenössischen Gesellschaft den Spiegel vorhalten:

„Die Funktion des Textes liegt in einem Anstoß zur Reflektion über die Grundlagen der zeitgeschichtlichen Wirklichkeit. Mit dieser Funktion deckt sich über die längste Zeit der Utopiegeschichte auch die Intention der Utopisten. Sie beabsichtigen in  den wenigsten Fällen einen Modellentwurf zur maßstabsgetreuen Totalrevision der Gesellschaft. Der unmittelbare Verwirklichungswille bleibt die seltene Ausnahme.“ Vielmehr gehe es den Utopien darum, den Leser in eine alternative Welt mitzunehmen und diesen mit geschärftem Blick in die Realität zurückkehren zu lassen.

Für Schölderle sind Utopien vorwiegend rationale Fiktionen menschlicher Gemeinwesen, die in kritischer Absicht den herrschenden Missständen gegenüber gestellt sind. Es sind „stets rational mögliche Alternativen des menschlichen Zusammenlebens und tragen einen prinzipiell politischen Charakter.“

Magische Wünsche dagegen, Märchen, Traumassoziationen, Robinsonaden oder Schlaraffenland-Erzählungen – „all diesen Fiktionen fehlt entweder das Merkmal der Sozialkritik oder es mangelt ihnen an der innerweltlichen Möglichkeit des Anders-Sein-Könnens.“

So formuliert auch Morus´ Utopie Schölderle zufolge kein politisches Aktionsprogramm. „Vielmehr ist sie als geistiger Entwurf konzipiert, der sich ganz bewusst auf die Beförderung des politischen Diskurses beschränkt.“

Utopie = Rationale Fiktionen?

Abschließend beschreibt Schölderle, ausgehend von Morus Utopia vier Kriterien des Utopiebegriffes: Form, Inhalt, Intention und Funktion:

„1. Formal betrachtet ist die Utopia konzipiert als eine kontrafaktische Fiktion, als universelle Beschreibung eines imaginären Gemeinwesens, das in eine literarisch-narrative Rahmenhandlung gekleidet ist. Sie verknüpft dabei zahlreiche literarische Formtypen und Stilelemente wie die politische Reformschrift mit der Reiseerzählung, den philosophischen Traktat mit der Satire, die Ironie mit der Dialogstruktur.

2. Auf inhaltlicher Ebene lassen sich dem Entwurf als zentrale Strukturprinzipien entnehmen: Isolation, Statik, soziale Harmonie und Gemeineigentum, Kollektivismus, Rationalität und Nützlichkeitsdenken. Die Elemente repräsentieren freilich nicht den Forderungskatalog des Autors, sondern verdichten sich lediglich zum materialen Bild seiner Utopie. Gleichwohl können diese Merkmale als eine Art Abfrageraster bei der Analyse späterer Utopieentwürfe dienen.

3. Morus’ Intention verbindet schließlich Sozialkritik mit dem Anliegen, einen Anstoß zur Diskussion über die Grundlagen des staatlichen Gemeinwesens zu leisten und qualifiziert sich damit zugleich als normatives Politikanliegen.

4. Methodisch umgesetzt ist dieses Vorhaben auf dem Wege eines gedankenexperimentellen Erkundens der Vernunft. Daraus resultiert funktional betrachtet eine prinzipielle Relativierung des Bestehenden, weil die existente Wirklichkeit zu einer möglichen unter vielen herabgestuft wird.

Dennoch sollte man – bei aller wohlwollenden Deutung utopischer Entwürfe – nicht die konkreten Wirkungen der utopischen Werke in den Händen selbsternenannter Propheten vergessen. Neben der klassischen Version der Utopie, die ein eher heiter bis ernst gemeintes Gedankenexperiment war, ohne den Versuch, konkrete Handlungsanleitungen zu liefern, gibt es auch den utopischen Enwurf, der selbstverständlich als politisches Programm verstanden werden will, und von dem der Autor der Utopie in - mehr oder weniger - naher Zukunft eine radikale Umsetzung fordert bzw. auch erwartet. 

Die Frage nach Verwirklichung der Utopie rückt sicherlich schon mit Platon in den Blick, in jedem Fall aber beginnt sie mit "The Law of Freedom" des Engländers Gerrard Winstanley (*1609), bei dem eine praktische Realisierungsintention seiner Utopie erstmals deutlich sichtbar wird. Sein Entwurf enthält bereits ansatzweise eine Transformationsstrategie, also einen möglichen Weg der Realisierung seines utopischen Modells – ein Element, das im Grunde erst für das utopische Denken im 19. Jahrhundert charakteristisch wird - mit allen unheilvollen Folgen für die Menschheit.

Karl Raimund Popper
(1902 - 1994)
Nicht erst seit Karl Raimund Poppers utopiekritischen Werken wissen wir, dass Utopien als geistige Vorwegnahme späterer totalitärer Herrschaftsformen hinhalten mussten. Auch wenn man den Autoren der Utopien eine solche Intention nicht unbedingt nachsagen kann, so muss doch ebenso festgehalten werden, dass in allen konkret-historischen Realisierungsversuchen der totalitäre Gehalt der Utopie sehr schnell sichtbar wurde.

So bleibt abschließend das Urteil Poppers als Mahnung stehen, der zufolge mit der Utopie auch die Vernunft über Bord geworfen und durch eine verzweifelte Hoffnung auf politische Wunder ersetzt werde. „Diese irrationale Einstellung, die sich an Träumen von einer schönen Welt berauscht, nenne ich Romantizismus. Dieser mag einen himmlischen Staat in der Vergangenheit oder in der Zukunft suchen, aber er wendet sich immer an unsere Gefühle, niemals an unsere Vernunft. Sogar mit der besten Absicht, den Himmel auf der Erde einzurichten, vermag er diese Welt nur in eine Hölle zu verwandeln – eine jener Höllen, die Menschen für ihre Mitmenschen bereiten.“


Zitate aus: Thomas Schölderle: Geschichte der Utopie. Eine Einführung, Wien 2012 (Böhlau Verlag) - Karl Raimund Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Tübingen 1992 (Mohr Siebeck), hier: S. 213ff

Donnerstag, 6. August 2015

Winston Churchill und die Malerei

Winston Churchill (1874 - 1965)
Nach dem Gallipoli-Desaster
(Gemälde von Sir William Orpen, 
1916)
Als Mitglied der britischen Regierung Winston Churchill Großbritanniens Politik und Strategie im Ersten Weltkrieg an entscheidender Stelle mit – zunächst als Erster Lord der Admiralität, später als Marineminister.

Mitunter überschritt Churchill seine Kompetenzen als Minister erheblich, etwa als er sich im Spätsommer 1914 in die Operationen der britischen Expeditionsstreitkräfte in Belgien einmischte und auf eigene Faust die Verteidigung Antwerpens zu organisieren versuchte.

Schwerwiegend war das Scheitern von Churchills Plan, die Kriegsgegner Deutschland und Österreich-Ungarn an ihrer vermeintlich schwächsten Stelle mit der Royal Navy von See aus anzugreifen: im Süden über das mit ihnen verbündete Osmanische Reich. Zwei Landeunternehmen britischer,französischer, indischer, australischer und neuseeländischer Truppen auf der türkischen Halbinsel Gallipoli an den Dardanellen am 19. Februar und 18. März 1915 scheiterten unter schweren Verlusten.

Churchill musste als Verantwortlicher für die Niederlage an den Dardanellen als Marineminister zurücktreten. So legte er am 18. Mai 1915 sein Amt als Erster Lord der Admiralität nieder. Der Truppenrückzug von den Dardanellen dauerte vom 19. Dezember 1915 bis zum 9. Januar 1916. Bei den Kämpfen verloren beide Seiten jeweils über 200.000 Mann.

"Malerei als Zeitvertreib"
Knapp 7 Jahre später, um die Jahreswende 1921/22 herum, erscheint ein Essay von Winston Churchill, der die tiefe Depression schildert, in die er nach dem Verlust seines Ministeramtes fiel, der „`schwarze Hund´, der ihn immer dann ansprang, wenn er aus einem Höhenflug intensivster Aktion in erzwungene Inaktivität abstürzte.“

„Als ich Ende Mai die Admiralty verließ, blieb ich noch Mitglied des Kabinetts und des Kriegsrats. In dieser Position erfuhr ich alles und konnte doch nichts ausrichten. Der Wechsel von einer intensiven regierungsamtlichen Tätigkeit zu den eng umschriebenen Aufgaben eines Beraters ließ mich nach Luft ringen. Wie ein aus großer Tiefe gehobenes Seeungeheuer oder ein Taucher, der zu plötzlich an die Oberfläche kommt – so, bedroht von Druckabfall, fühlten sich meine Venen an, wie zum Bersten. Ich war erfasst von großer Sorge, ohne sie mildern zu können. (…) Lange Stunden von absolut unerwünschter Muße, in der ich die schreckliche Entfaltung des Krieges durchdenken konnte, waren mein Los. In einem Augenblick, in dem alle meine Adern nach Aktion dürsteten, ward ich zum Zuschauen bei der Tragödie verdammt, und das in der ersten Reihe. Aber genau in diesem Moment war es, dass die Muse der Malerei zu meiner Rettung erschien …“ 

Sein Essay trug zwar den harmlosen Titel „Painting as a Pastime“ („Malen als Zeitvertreib“), aber nach seinem (vorläufigen) Ausscheiden aus der aktiven Politik wurde die Malerei für Churchill „zu einer geradezu existentiellen Entdeckung, zu einem Lebenselixier, einer Besänftigung der Unruhe auf dem Grund seiner Seele.“ 

Churchill beim Malen
In seinem Essay erzählt Churchill auf humorvolle Weise von seinen ersten Schritten in der Malerei: „Staffelei, Leinwand, Pinsel, Farben und Palette waren gekauft – aber wie beginnen? Vorsichtig, so schreibt er, übertrug er mit dünnem Pinsel ein Hellblau auf die Leinwand, dort, wo er sich ein Stück Himmel für sein Sujet ausgedacht hatte. `Aber das war eine Markierung, nicht größer als eine Bohne, so gedämpft, so verhalten, ja, fast verkrampft – es blieb ohne Wirkung.´ Da ertönte hinter ihm die resolute Stimme von Lady Lavery: `Was zögern Sie? Geben Sie mir einen breiten Pinsel – den großen.´ Die Augen flossen dem Adepten über, als er zusah: `Hinein in das Terpentingefäß, Suhlen in Blau und Deckweiß, heftige Schwünge auf der längst nicht mehr sauberen Palette – und dann etliche große, wilde Schläge und Hiebe von Blau auf die sich duckende Leinwand; jeder sah, dass sie sich nicht wehren konnte. Aber kein böses Schicksal rächte sich für die bittere Gewalttat. Der Zauber war gebrochen, alle Hemmungen wie verschwunden. (...) Ich ergriff den größten Pinsel und fiel mit berserkerhafter Wut über mein Opfer her. Seither habe ich nie wieder irgendwelche Scheu vor einer leeren Leinwand gehabt.´“

Marrakesch, Januar 1943: Morgensonne vor der Kulisse des Atlas-Gebirges. "Das einzige Gemälde, zu dem Churchill im Zweiten Weltkrieg die Zeit fand."

Und nun bricht der Churchill durch, den die Welt kennt: „`Kühnheit macht einen großen Teil der Malkunst aus´, vertraut er seinen Lesern an, und `das Malen eines Bildes ist, wie wenn man in eine Schlacht geht´. Beides gehorcht dem gleichen Prinzip – `einem langen, sich langsam enthüllenden, in sich verknüpften Argument. Es geht um eine These, die, ob von wenigen oder vielen Teilen gestützt, dem einheitlichen Kommando einer Konzeption gehorcht.´

Und weiter heißt es: „`Male, wie du schreibst oder sprichst – jeder Schwung des Pinsels muss wie ein Statement sein, das man fühlt und sieht.´ Kühnheit, `audacity´ – das empfahl Churchill selbst allen angehenden Malern als Grundvoraussetzung des Temperaments. War Kühnheit nicht auch ein Grundmerkmal seines Naturells? Auch die Malerei wurde somit für Churchill eine Bewährungsprobe. Das ist der Grund, warum er sich dieser neuen Liebhaberei so rückhaltlos ergab (…) - die Malerei hielt ihn in Bewegung, wenn er Stunden vor der Leinwand verbrachte, bis der Drang nach Fertigstellung eines Bildes befriedigt, bis die Schlacht gewonnen war.“

Goldfschteich in Chartwell, 30er-Jahre

Die Motive, die Churchill wählte, geben diese Worte jedoch nicht wieder: „Es dominieren die klassischen Genrebilder der Natur: ruhendes oder vom Wind animiertes Wasser, makelloser Schnee, dunkle Bäume mit dichtem Laub wie auf Wache oder von Sonnenlicht überflutet, ferne Berge, der Saum des Meeres, das ihn vor allem im Midi immer wieder fesselte, und über allem das pralle Ockerlicht einer funkelnden Sonne, seine Lieblingsfärbung. Keine Andeutung von Kampf, Tragödie, drohendem Unwetter, Nachtszenen.“

Winston Churchill hat etwa 500 Bilder gemalt. Er selbst bezeichnete seine Gemälde als „`meine kleinen Schmierflecken´ („my little daubs“).“ 

In seinem bereits erwähnten Essay teilt er dem Leser gleichwohl mit: „`Wenn ich dereinst im Himmel bin, werde ich eine beträchtliche Anzahl meiner ersten Million Jahre dem Malen widmen und so dem Thema auf den Grund kommen.´“

Donnerstag, 23. Juli 2015

Rüdiger Safranski, Immanuel Kant und der Ewige Friede

In seinem kleinen Buch „Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch“ versucht Rüdiger Safranski, Freiräume für ein Gleichgewicht und für Handlungsfähigkeit zu beschreiben, die es dem Individuum möglich machen, in einer globalisierten Welt gut zu leben. In diesem Zusammenhang spielt die Möglichkeit globaler Friedensstiftung eine fundamentale Rolle.

Immanuel Kant (1724 - 1804)
Es war Kant, der im 18. Jahrhundert einen berühmten Entwurf eines globalen Weltfriedens unter Voraussetzung der grundlegenden Pluralität und Individualität der Menschen vorgelegt hat. Jene berühmte Abhandlung von 1795 trägt den Titel „Zum ewigen Frieden“.

Auch für Kant ist die die Erde zunächst „eine einzige Globalisierungsfalle, weil die Menschen auf ihr … sich nicht ins Unendliche zerstreuen können, sondern endlich sich doch neben einander dulden... müssen.“ Innerstaatlich habe man inzwischen eine gewisse Befriedung erreicht, zwischenstaatlich und zwischen den Völkern herrscht aber immer noch das Prinzip der Gewalt und des Krieges als ultima ratio.

Kant bemerkt, dass sich gerade im freien Verhältnis der Völker die Bösartigkeit der menschlichen Natur immer noch unverhohlen blicken lassen kann

Will man mittels der Vernunft etwas an diesem Zustand ändern, dann, so Kant im Anschluss an Macchiavelli, müsse man vom Menschen ausgehen, wie er ist, und eben nicht, wie er sein könnte. So müsse das Eigeninteresse ebenso wie der Egoismus und der Wille zur Selbstbehauptung gewahrt bleiben, wolle man einen besseren Zustand im Hinblick auf den Frieden in der Welt konstruieren.

Iustitia und das Gewalt-
monopol des Staates
Am Beispiel des innerstaatlichen Gewaltmonopols zeigt Kant auf, daß es offenbar im wohlverstandenen Eigeninteresse des Einzelnen liegt, sich Regelungen zu unterwerfen, welche die eigene Souveränität einschränken, dafür aber Sicherheit und Schutz gewähren. Die Frage ist, ob solche Regelungen auch zwischen den Völkern vorstellbar sind? Mit anderen Worten: Ist die Überwindung des Naturzustandes nicht nur innerstaatlich, sondern auch zwischenstaatlich möglich?

Die gewaltsame Unterwerfung verschiedener Völker und Staaten unter eine Weltmacht - z. B. im Stile des Römischen Reiches - ist eine unbefriedigende Möglichkeit, weil es sich um eine Befriedung durch Unterwerfung handelt. Aber auch die hochkomplizierte Politik der Machtbalance schafft keinen wirklichen Frieden, sondern sei nur ein aufgeschobener Kriegszustand.

Der einzige Weg, den zwischenstaatlichen Krieg zu eliminieren wäre ein Weltstaat, in dem die zahlreichen Einzelstaaten aufgehen müssten. Gäbe es nur noch eine Weltinnenpolitik gibt, ausgeführt und überwacht von einer Zentralmacht, die mit einem globalen Gewaltmonopol ausgestattet ist, dann wäre der Weg zum Weltfrieden endlich geebnet.

Kant aber – und das spricht für ihn und seinen Realismus - hält einen solchen Weltstaat weder für möglich noch für wünschenswert, denn ein zentralistischer Weltstaat stellt eine Bedrohung der Vielfalt der Völker, ihrer Sprachen und Religionen dar. „Diese Vielfalt und Differenz gehört zum Reichtum des Menschlichen. Kant gesteht zu, daß die Bewahrung von Vielfalt und Differenz den Hang zum wechselseitigen Hasse, und Vorwand zum Kriege bei sich führt. Dieser Tendenz sollte man jedoch nicht entgegenwirken, indem man die differenten Kräfte schwächt, sondern indem man sie in ein System des zivilen lebhaftesten Wetteifers überführt.“

Vielfalt und Differenz gehört zum Reichtum des Menschlichen 

Natürlich bleiben Risiken, aber man muß sie eingehen - um der Freiheit willen. „Nicht wünschenswert jedenfalls ist ein Despotismus des Friedens, der zum Kirchhof der Freiheit wird.“

Damit ist die wirklich beste Lösung für das erreichen des Weltfriedens ein föderativer Weltstaatenbund. Jeder Staat behält seine Souveränitätsrechte (auch das der Kriegsführung), verpflichtet sich jedoch, alle Konflikte friedlich auf dem Verhandlungswege zu lösen. Eine oberste Sanktionsgewalt, welche die Staaten dazu zwingen könnte, die freiwillig eingegangene Verpflichtung einzuhalten, gibt es allerdings in Kants Vorstellungswelt nicht.

So würde derjenige, der gegen gemeinsam ausgehandelte Regeln verstößt, nicht von einer übergeordneten Instanz daran gehindert werden können, „sondern nur von einer auf gleicher Ebene operierenden Allianz, die auf die Einhaltung der Regeln notfalls gewaltsam drängt.“

Kants Fazit also lautet: Ein „homogenes, befriedetes politisches Universum wird es nicht geben. Politisch bleibt die Welt ein Pluriversum. Die elementaren Verfeindungsverhältnisse (der Naturzustand) können zwischen den Staaten letztlich nicht überwunden, sondern allenfalls geregelt werden.“

Herrschaft des Gesetzes statt
Herrschaft einer Weltregierung
Das mag sich zunächst bescheiden anhören. Aber: „Wer auf Regeln und Regelungen setzt, optiert gegen eine vertikal etablierte Übermacht über den Mächten und für die horizontal ausgehandelte Herrschaft von Gesetz und Recht, auch zwischen den Staaten und Nationen. Statt Herrschaft einer Weltregierung die Herrschaft des Gesetzes. Eine Gesetzes-Herrschaft, die mangels einer Weltregierung darauf angewiesen bleibt, daß ihr wechselnde Allianzen von Staaten und Organisationen sowie eine kritische Öffentlichkeit Geltung verschaffen. Ein unsicherer Grund, aber in menschlichen Angelegenheiten gibt es eben keine Sicherheit.“

Kant plädiert also für einen rigorosen Formalismus des globalen Rechts. „Nur im Recht, nicht in der Existenz einer möglicher-weise guten, wohlmeinenden Weltmacht, sieht er eine Chance für den Weltfrieden, freilich nur eine Chance. Eine sichere Gewähr wird es nicht geben. Weil es Mächte geben muß, wechselnde Mächte, Allianzen von Mächten, die bereit sind, das Recht zu schützen, was nichts anderes bedeutet, als sich der Macht des Gesetzes zu unterstellen. Das ist nicht wenig. … Ob es in der Geschichte solche Mächte gibt, die das Recht schützen, hängt auch von Zufallskonstellationen ab, vom Glück der Umstände.“

Für Kant gab es vor allem drei gesellschaftliche Entwicklungen, die die Chancen auf einen globalen Frieden verbessern könnten.

Da ist erstens die demokratische Entwicklung: Wenn – so Kant – es die Zustimmung der Staatsbürger erforderlich ist, um zu beschließen, ob Krieg sein solle, oder nicht, so „ist nichts natürlicher, als daß, da sie alle Drangsale des Krieges über sich selbst beschließen müßten,... sie sich sehr bedenken werden, ein so schlimmes Spiel anzufangen.“ Es verwundert daher nicht, dass sich für das 20. Jahrhundert tatsächlich nachweisen lässt, daß es nicht die demokratischen Staaten waren, die die Kriege begonnen haben.

Zum zweiten gibt es die zivilisierende Kraft des Welthandels, worauf auch Kant seine Hoffnung setzt. „Es ist der Handelsgeist, der mit dem Krieg nicht zusammen bestehen kann, und der früher oder später sich jedes Volkes bemächtigt. Weil nämlich unter allen der Staatsmacht untergeordneten Mächten die Geldmacht wohl die zuverlässigste sein möchte, so sehen sich die Staaten... gedrungen, den edlen Frieden zu befördern.“

Drittens vertraut Kant der zunehmenden Bedeutung der Öffentlichkeit, also dem Prinzip der Publizität. Würde man öffentlich über politische Belange diskutieren, so müßte sich schließlich auch, dachte Kant, der Krieg in der Arena der Argumente verteidigen. 

„Publizität setzt den Krieg unter Rechtfertigungsdruck.“

So ist die politische Verfassung aus Demokratie, Markt und Publizität für Kant „ein politisches Kunstwerk, in dessen Rahmen der Einzelne ein guter Bürger sein kann, ohne doch zuvor zum guten Menschen geläutert worden zu sein.“

Es sei letztlich alles eine Frage des Verstandes, zu einem Friedenszustand zu gelangen. Dabei handelt es sich für Kant gleichwohl um den Verstand der Selbsterhaltung.

Aber nun kommt Kant zum Herzstück seiner Vorstellungen vom ewigen Frieden: Er will über den selbsterhaltenden Verstand hinaus eine Vernunft begründen, die den Menschen dazu anleitet, sich friedensfähig in eine Gemeinschaft einzufügen, „nicht weil er schwach ist und sich anpaßt, sondern weil er über sich selbst herrschen, seinen Egoismus beherrschen kann.“


Menschenwürde und Ewiger Friede - zwei Seiten der einen Medaille

Erst solch eine Vernunft gilt Kant als universell. Sie ist das Organ, mit dessen Hilfe der Einzelne sich als Glied nicht nur eines Volkes und Staates, sondern der Menschheit begreifen kann. „Die Vernunft entgrenzt.“ Der Einzelne, der seine Vernunft achtet und auf sie hört, entdeckt und achtet damit zugleich die Menschheit in sich. Wer aber die „Menschheit“ in sich ehrt, überwindet das bloße Selbsterhaltungsinteresse und wird fähig zur Solidarität. Diese Vernunft, so Kant, macht den Menschen zum Weltbürger. „Sie ist der direkte Weg vom Ich zum Wir. So wird im Licht der Vernunft Versöhnung möglich, und so kann das Zeitalter des Ausgleichs anbrechen.

Beginnt hier aber nicht die Vernunft von der Vernunft zu träumen?

Zitate aus: Rüdiger Safranski: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? Frankfurt a.M. 2004 (Fischer tb)

Donnerstag, 9. Juli 2015

Rüdiger Safranski und das Individuum in einer globalisierten Welt - Teil 2

Rüdiger Safranski (* 01.01.1045)
In seinem kleinen Buch „Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch“ versucht Rüdiger Safranski, Freiräume für ein Gleichgewicht und für Handlungsfähigkeit zu beschreiben, die es dem Individuum möglich machen, in einer globalisierten Welt gut zu leben. Er geht dabei von der Prämisse aus, dass sich Globalisierung nur gestalten lässt, wenn darüber nicht die andere große Aufgabe versäumt wird: das Individuum, sich selbst zu gestalten.

Denn dem Individualismus, also dem Gedanken, daß die Verschiedenheit der Menschen „nicht nur ein Faktum darstellt, sondern ein bewahrenswertes Gut, einen Reichtum“, drohen durch die Globalisierung vielfältige Gefahren.

Die globale Informationsgemeinschaft hält uns jeden Tag vor Augen, dass die Menge der Reize und Informationen unseren möglichen Handlungskreis dramatisch überschreitet. „Der durch Medienprothesen künstlich erweiterte Sinnenkreis hat sich vollkommen vom Handlungskreis losgelöst. Man kann handelnd nicht mehr angemessen darauf reagieren, also die Erregung in Handlung umsetzen und abführen.“

Aber: Das Nichtwissen-Können kann das  Handeln des Individuums nicht mehr schützen, denn bekanntlich hängt ja alles mit allem zusammen.“

Natürlich könne der Einzelne allein nach außen hin nicht viel bewirken. Was er aber tun könne, ist, auf sich selbst zu wirken und versuchen, sich gegen fatale Wirkungen von außen abzuschirmen, denn: „Über die Lebbarkeit im Hier und Jetzt entscheidet nicht nur die Struktur des Ganzen, sondern auch der Einzelne, der Spielräume entdecken kann, was nicht zwangsläufig bedeutet, daß er sie auch nutzt; und noch weniger muß das die Konsequenz haben, daß er sie geschickt und selbstbewußt ausweitet. Aber erst das würde bedeuten, daß er sich eine eigene Lichtung schlägt im Dschungel des Sozialen.“

" ... sich eine eigene Lichtung schlagen im Dschungel des Sozialen ..."

Die geistige Tradition bietet Safranski zufolge verschiedene Wege an, sich eine eigene Lichtung zu schlagen im Dschungel des Sozialen - wenn man die Lichtung als jenen Raum versteht, den der Einzelne braucht, um ein Individuum zu sein.

Einen dieser Wege zeigt Rousseau auf, „das Drama, das sich aus der Erfahrung der eigenen Freiheit ergeben kann. Aus der Lust an der eigenen Freiheit wird die Angst vor den vielen Freiheiten der Anderen. Rousseau geriet darüber in Panik.“

Genau aus diesem Grund träumte Rousseau „von der Gesellschaft als großer Kommunion, wo alle ein Herz und eine Seele sind und die vielen Freiheiten aufgehen in der einen großen Freiheit, in der alle zusammenstimmen.“

Das Problem ist, dass die eine große Freiheit in dem Sinne nicht existiert, sondern nur die, die jedes Individuum von innen her kennt: Seine Freiheit!

Alle Versuche, diese Sehnsucht nach der Gesellschaft als großer Kommunion in die Wirklichkeit umzusetzen, haben mit der Aufhebung der Freiheit geendet. „Das Einheitsverlangen, das kein Außerhalb und das heißt: keine Verschiedenheit mehr erträgt, muß, wenn es politisch wird, ins Gefängnis des Totalitären führen.“

Rousseau (1712 - 1778)
Es reicht also nicht, das eigene Selbst und die eigene Freiheit zu entdecken, sondern jedes Individuum steht auch vor der Aufgabe, „die Freiheit der Vielen und die Unberechenbarkeit, die sich daraus ergibt, ertragen können. Wer aber Freiheit zusammen mit der Freiheit der anderen will, wird die Differenzen hinnehmen und auf den gesellschaftlichen Einklang der Herzen verzichten müssen.“

Einen weiteren Versuch, sich eine Lichtung im Dschungel zu schlagen, hatte Karl Marx unternommen. Marx meinte in der Geschichte, im gesellschaftlichen Prozeß das ewige Gesetz Befreiung des Menschen entdeckt zu haben..

Seine Lichtung ist daher nicht in der Innerlichkeit der Selbsterfahrung, sondern sie ist jenes Licht am Ende des geschichtlichen Tunnels erkennbar. „Dort erst, so seine Vision, würde die Menschheit erwachen wie aus schweren Träumen. Bis dahin aber muß man mit längeren Fristen rechnen und sich strategisch geschickt mit der geschichtlichen Dynamik verbinden.“

Aber auch hier – wie schon bei Rousseau – hat sich das Licht am Ende des geschichtlichen Tunnels „als Irrlicht“ erwiesen. „Der real existierende Sozialismus war nicht die große Befreiung, sondern ein graues und grausames Völkergefängnis, terrorisiert oder bevormundet von einer ideologischen Elite.

Weil in dem Begriff „Lichtung“ nicht zuletzt der Gewinn von Freiheit und Souveränität enthalten ist, hat der kommunistische Weg von einer solchen Lichtung weggeführt. 

Worin kann also der Sinn bestehen, eine Lichtung zuschlagen? Safranski gibt eine vorsichtig optimistische Antwort: Es bedeutet, „im Gewimmel der Geschichten die eigene Geschichte zu entdecken, energisch festzuhalten und ihren Faden fortzuspinnen im Bewußtsein, daß sich die eigene Geschichte doch im Gewirr der vielen Geschichten verstricken und am Ende verlieren wird.“

Mit dieser Antwort nimmt Safranski zugleich Abschied von „der Illusion, daß es eine Lichtung als Kommandohöhe gibt, von der aus Geschichte insgesamt gesteuert werden könnte.“

„Eine Lichtung schlagen“ kann dann auch bedeuten, Verhaltens- und Denkweisen zu pflegen, die sich von der globalistischen Hysterie nicht vereinnahmen lassen, darunter die Verlangsamung, den Eigensinn, den Ortssinn, das Abschalten, das Unerreichbar-Sein.

Wilhelm von Humboldt (1767 - 1835)
Was es bedeutet, ein Individuum zu werden, hat Wilhelm von Humboldt kurz vor seinem Tod in einem Brief formuliert: „Wer, wenn er stirbt, sich sagen kann: `Ich habe soviel Welt, als ich konnte, erfaßt und in meine Menschheit verwandelt´, der hat sein Ziel erreicht. Die Welt in die `Menschheit´, die man selbst ist, zu verwandeln, darauf kommt es an.“

Humboldt nach ist eben die grundlegende Voraussetzung für die Entwicklung des Individuums die Fähigkeit, daß jeder eine Idee von der Gestaltung des eigenen Lebenskreises hat. Erst mit Hilfe dieser Idee kann dann die Fülle der Reize und Informationen vorsortiert, ausgeschieden und verarbeitet werden.

„Diese Kraft zur Gestaltung des eigenen Lebens nannte man früher `Bildung´ - und die Griechen nannten sie `Paideia´. Bildung ist Entfaltung des Individuums und damit ein Selbstzweck. Ausbildung demgegenüber ist ein Mittel zur Qualifikation für den Arbeitsprozeß.

Beides – Bildung und Ausbildung – sind notwendig, aber „während die Ausbildung uns in ein externes Netz verknüpft, ist die Bildung die Entfaltung jenes Netzwerkes, das jeder für sich selbst ist.“

Weil die Globalität uns mit immer mehr Wirklichkeit in Berührung bringt, wird es immer schwerer, hier die eigene Souveränität zu bewahren. In diesem Sinne wäre für Safranski derjenige souverän, der „selbst darüber entscheidet, worin er sich verwickeln und was er auf sich beruhen läßt. Diese Souveränität setzt existentielle Urteilskraft voraus. Man muß nämlich ein Gespür für das haben, was einen wirklich angeht; muß Abstufungen der Dringlichkeit unterscheiden und die Reichweite des eigenen Handelns erkennen können.“

Demgegenüber besteht die Globalisierungshysterie gerade darin, daß diese Unterscheidungsfähigkeit zwischen dem existentiell Nahen und Fernen beeinträchtigt oder gar schon zerstört ist. „Das meinte Goethe mit seinem Hinweis, es sei immer ein Unglück, wenn der Mensch veranlaßt werde, nach etwas zu streben, mit dem er sich durch eine regelmäßige Selbsttätigkeit nicht verbinden kann.“

Die Bewahrung des Eigensinns ist
wie ein Leben auf dem Grat ...
(Karl Jaspers)
Solange man unter der Suggestion des Satzes von Adorno „Es gibt kein richtiges Leben im falschen...“ steht, ist es sehr schwer, den Mut zu finden, auf eigene Faust das für einen selbst Richtige, jene Selbsttätigkeit, zu ergreifen. „Wer sich aber seine Lichtung schaffen will im Dschungel des Sozialen und im Überwuchs globaler Kommunikation, wird nicht ohne lebenskluge Begrenzung auskommen können.“

Derjenige, der sein Leben als ein eigenes und individuelles Leben gestalten will, muß den Punkt kennen, wo er aufhört, sich formatieren und informieren zu lassen. „Die Schwierigkeit bei der Bewahrung des Eigensinns vergleicht Karl Jaspers mit dem Leben auf dem Grat, von dem man abstürzen kann, entweder in den bloßen Betrieb oder in ein wirklichkeitsloses Dasein neben dem Betrieb.“

In der individuellen Lebenszeit entscheidet sich für den Einzelnen alles.


Zitate aus: Rüdiger Safranski: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? Frankfurt a.M. 2004 (Fischer tb)